Rohstoffeinkauf: Preissteigerungen und Materialknappheit

Rohstoffstudie Wie lange noch?

Unsere diesjährige Rohstoffstudie zeigt die aktuelle Dynamik auf den Rohstoffmärkten in aller Deutlichkeit: Sorgen um das Geschäftsergebnis und die Bedarfsdeckung dominieren. Der Weltmarkt lässt sich nicht schlagen. Doch mit Hilfe intelligenter Tools können sich Unternehmen gegen Turbulenzen wappnen.

Viele Unternehmen wurden von den drastischen Preisanstiegen in fast allen Rohstoffgruppen kalt überrascht. Nach dem Corona-bedingten Wirtschaftseinbruch hatten schließlich auch die meisten Wirtschaftsexpert:innen mit einer längeren Krise und anhaltend niedrigen Preisen gerechnet. Doch der weltweite Konsum erholte sich schneller und deutlicher als erwartet, so dass nach monatelangen Fabrikschließungen in vielen Teilen der Welt und andauernden Lieferkettenturbulenzen schlicht nicht genug Material da ist, um alle Bedarfe zu decken.

Deutlich teurer geworden sind Aluminium, Eisen und Stahl sowie Kunststoffe. Fast die Hälfte der Studienteilnehmer:innen befürchtet, dass das Ende der Preisrallye noch nicht erreicht ist. Immerhin noch 40 Prozent der Befragten erwarten dies auch für Papier, Holz und Celluloseprodukte. Echte Versorgungsengpässe befürchten die meisten Teilnehmenden indes nicht. Am Häufigsten werden hier Holz und Papier (29 Prozent) sowie Kunststoffe (27 Prozent) genannt.



Unberechenbare Situation

Wie unberechenbar die Situation zurzeit tatsächlich ist, zeigt die Entwicklung bei Öl, Gas und Kohle: Während der Umfrage im Juni rechnete nur rund ein Viertel der Befragten mit Kostensteigerungen. Doch nach der Sommerpause sind die Preise für Strom und Brennstoffe explodiert, und für den Winter befürchtet man gar Blackouts. Verantwortlich dafür sind einige Sondereffekte: So hat die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) lange an einer Drosselung der Ölförderung festgehalten. Witterungsbedingt fehlte Energie aus Sonne und Wind, weswegen für die Stromproduktion stärker auf Gas und Kohle zurückgegriffen wurde.

Die hohen Preise für fossile Brennstoffe wiederum führten dazu, dass eine Reihe von Unternehmen in Europa und China ihre Produktion einstellten, weil sie schlicht unrentabel wurde. Dadurch könnten in der Folge echte Knappheiten entstehen. Bei Aluminium etwa zeichnet sich dies schon ab.

Transparenz wichtiger denn je

Angesichts der großen Unwägbarkeiten reicht es nicht mehr aus, sich mit den direkten Lieferanten über die aktuelle Lage auszutauschen. Transparenz über die Rohstoffmärkte und entlang der gesamten Lieferkette ist zwingend erforderlich, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Basis ist der Aufbau eines professionellen Risikomanagements, das mit Hilfe digitaler Tools alle relevanten Informationen sammelt und in einem Control
Tower zusammenführt. Im Hinblick auf Rohstoffe sind dies
  • Preisindizes
  • Rohstoffproduktion nebst Hilfsprodukten
  • Entwicklungen in den Erzeugerländern
  • Monitoring der Lieferwege

Welche digitalen Lösungen die passenden sind, hängt von dem konkreten Informationsbedarf sowie der bereits im Unternehmen vorhandenen digitalen Infrastruktur ab.

Hilfsprodukte ebenfalls beobachten

Wie wichtig es auch bei Rohstoffen ist, die Produktion der Hilfsmittel im Blick zu behalten, zeigt das Beispiel Aluminium: Mitte Oktober schreckte ein Brandbrief der WirtschaftsVereinigung Metalle viele Unternehmen mit der Mahnung auf, dass die Aluminiumvorräte in Europa bald zur Neige gehen könnten, weil China die Produktion von Magnesium, einem notwendigen Bestandteil von Aluminiumlegierungen, in weiten Teilen eingestellt habe. Da China derzeit ein Quasi-Monopolist mit einem Anteil von 87 Prozent an der weltweiten Magnesiumproduktion ist, lässt sich die fehlende Menge nicht aus anderen Bezugsquellen kompensieren.

Faire Preise ermitteln

Software kann auch dabei unterstützen, im Rahmen von Should Costing Preise für Vorprodukte mit einem hohen Rohstoffanteil fair und transparent zu ermitteln. Bei diesem Verfahren wird der Anteil des Rohstoffpreises am Gesamtpreis ermittelt. Auf dieser Basis wird eine indexbasierte Preisgleitklausel eingeführt, die regelmäßig angepasst wird. So erhält der Lieferant eine angemessene Vergütung für seinen Anteil an der Wertschöpfung, während der Abnehmer sich darauf verlassen kann, dass er nicht zu viel bezahlt, wenn die Rohstoffpreise sinken. Eine Win Win Situation für beide Seiten.

Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Befragten in unserer Studie haben bereits Verträge mit Preisgleitklauseln abgeschlossen, 28 Prozent haben sich in den Preisvereinbarungen mit ihren Lieferanten auf vordefinierte Teuerungszuschläge geeinigt. Allerdings kann wohl kaum ein Unternehmen diese beiden Konzepte für alle Rohstoffbedarfe umsetzen. Denn 41 Prozent der Teilnehmenden kaufen auch auf dem Spotmarkt, haben also gar keine Preisbindungen. In der aktuellen Situation ist das fraglos riskant, zumal über die Hälfte befürchtet, Preissteigerungen nur zu einem kleinen Teil an die eigenen Kunden weitergeben zu können.

„Wie stark war/ist die Rohstoffversorgung Ihres Unternehmens von den Auswirkungen der Pandemie betroffen?“

In der aktuellen Situation sind Lieferanten kaum noch bereit, längerfristige Vereinbarungen mit Fixpreisen abzuschließen. Zwar nutzen noch 54 Prozent solche Festpreisverträge, doch über 80 Prozent der Studienteilnehmer:innen geben an, dass sich die Zeitspanne für diese Art von Verträgen teils deutlich verkürzt hat.

Den richtigen Kaufzeitpunkt finden

Viele Rohstoffpreise unterliegen saisonalen Schwankungen. Dies ist maßgeblich bei landwirtschaftlichen Produkten der Fall, wo der Preis in der Regel dem Erntezyklus folgt. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, den optimalen Kaufzeitpunkt zu ermitteln, indem sie neben den Datenreihen der Vergangenheit auch aktuelle Informationen, etwa über die Qualität und Menge der Ernte oder die Entwicklung von Verbraucherbedürfnissen auswertet. Gerade in der de    rzeitig volatilen Entwicklung auf dem Weg in das „New Normal“ ist es sinnvoll, sich nicht allein auf die Daten aus der Vergangenheit zu verlassen.

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Fazit

ie Corona-Pandemie hat sich massiv auf Preise und Verfügbarkeiten von Rohstoffen ausgewirkt. Es ist absehbar, dass es keine Rückkehr zu den Trends vor der Pandemie geben wird: Tiefgreifende Veränderungen wie zum Beispiel die Forderung nach klimagerechtem Wirtschaften oder die Re-Regionalisierung von Lieferketten zeichnen sich ab und werden im Preisgefüge internationaler Rohstoffmärkte ihre Spuren hinterlassen. Unternehmen sollten die heute verfügbaren digitalen Lösungen nutzen, um sich durch größtmögliche Transparenz gegen Preis- und Versorgungsrisiken zu wappnen.




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Studiendesign

Knapp 100 Einkaufsverantwortliche und Geschäftsführer:innen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum und Großbritannien nahmen an der diesjährigen Rohstoffstudie teil. Sie stammen zu 49 Prozent aus dem produzierenden Gewerbe, darüber hinaus sind Maschinenbau (16 Prozent) und die Automobilbranche (11 Prozent) in einer größeren Anzahl beteiligt.

Unsere Expert:innen

Sebastian Wellmann

Sebastian Wellmann ist Principal im Kölner Büro von INVERTO und leitet das Competence Center Industrial Goods & Automotive. Er berät überwiegend Kunden aus der Automobilbranche sowie dem Maschinen- und Anlagenbau.

sebastian.wellmann@inverto.com

Justus Brinkmann

Justus Brinkmann ist Senior Project Manager bei INVERTO in Köln und begleitet seit mehreren Jahren maßgeblich die jährlich erscheinende Rohstoffstudie. Er berät Unternehmen aus der chemischen sowie der metallverarbeitenden Industrie.

justus.brinkmann@inverto.com

Denise Lücker

Denise Lücker ist Consultant bei INVERTO in Köln. Sie unterstützt vorwiegend Unternehmen im Handel bei Einkaufsoptimierungs- und Transformationsprojekten und hat bei der Auswertung der diesjährigen Rohstoffstudie mitgewirkt.

denise.luecker@inverto.com