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Konjunktureinbruch erwartet

Von heiter zu stark bewölkt

Unsere zehnte Rohstoffstudie ist geprägt von den Unsicherheiten des Jahres 2019: Die eingetrübte Wirtschaftslage und die schwelenden Handelskonflikte sorgen bei den befragten Unternehmen für Skepsis. Der Unterschied zum Vorjahr, wo die Hochkonjunktur alle Kräfte forderte, könnte nicht größer sein.

Während im vergangenen Jahr fast 60 Prozent der Studienteilnehmer fürchteten, benötigte Rohstoffe nicht beschaffen zu können, machen sich dieses Jahr nur knapp 30 Prozent Gedanken um die Verfügbarkeit – die Zahl hat sich also halbiert. Verdoppelt hingegen hat sich die Zahl derer, die rückläufige Absätze befürchten.

 

Handelskonflikte im Fokus

Für deutlich über 70 Prozent der Teilnehmer haben Verfügbarkeit und Preisschwankungen von Rohstoffen einen maßgeblichen Einfluss auf das Geschäftsergebnis. Deswegen, und weil Rohstoffe in der Regel weltweit gehandelt werden, überrascht es nicht, dass sie die aktuellen Handelskonflikte mit Sorge betrachten. Über 80 Prozent erwarten, dass Handelsbarrieren und Zollschranken mindestens im jetzigen Ausmaß bestehen bleiben oder sogar noch ausgeweitet werden, um politische Interessen durchzusetzen; nur 17 Prozent rechnen damit, dass nach vollzogenem Brexit und dem Ende der Ära Trump wieder der Freihandel dominiert. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Viele bereits auf einen Welthandel mit Zollschranken eingestellt haben. Daraus resultieren Maßnahmen wie die Qualifizierung neuer Lieferanten in anderen Beschaffungsmärkten oder Volumen-Verschiebung zwischen bestehenden Lieferanten. Darüber hinaus plant jeweils ein Viertel der Teilnehmer, mindestens eine dieser Maßnahmen zu ergreifen. Bemerkenswert ist dabei, dass über 50 Prozent der befragten Unternehmen verstärkt vor der eigenen Haustür einkaufen wollen – sie nennen Europa als die Weltregion, die für ihren Rohstoffeinkauf wichtiger wird. Es folgen China mit 40 Prozent und Russland mit 28 Prozent.

 

 

 

Langfristverträge für Planungssicherheit

Angesichts der Konjunkturschwäche gehen die Manager nicht davon aus, dass Preise weiterhin steigen und Ressourcen knapp bleiben. Im Gegenteil – die meisten Teilnehmer vermuten, dass die Preise für ihre Rohstoffe moderat sinken. Eine Ausnahme ist die Energieversorgung: Für Strom rechnet die Hälfte der Befragten mit steigenden Preisen, für Öl und Gas ein Drittel. Echten Rohstoffmangel erwartet aktuell kaum einer der Ansprechpartner.


Um Preisschwankungen entgegenzuwirken, versuchen 70 Prozent der Befragten, möglichst langfristige Verträge abzuschließen, weitere 20 Prozent streben dies an. Allerdings zeigt sich, dass in den vergangenen zwölf Monaten nur wenige Lieferanten bereit waren, längere Fristen zu vereinbaren. Stattdessen waren 40 Prozent der Teilnehmer gezwungen, benötigte Rohstoffe zu Tagespreisen zu erwerben – fast drei Mal so viele, als dies ursprünglich geplant hatten. Sollte die aktuelle Konjunkturschwäche in eine länger andauernde Flaute münden, ist davon auszugehen, dass sich diese Zahlen ändern und wieder mehr Lieferanten bereit sind, Langfristverträge abzuschließen.
Eine weitere beliebte Maßnahme, um die Produktion abzusichern, ist die Erhöhung bzw. Einrichtung von Sicherheitsbeständen. Natürlich lassen sich mit einem größeren Lager Engpässe besser überbrücken. Jedoch bindet diese Maßnahme langfristig Kapital. Daher sollten Entscheider sehr sorgfältig abwägen, für welchen Zeitraum ein Sicherheitspuffer ausreichen soll.

 

 

 

 

Innovative Lösungen suchen

Die überwiegend genutzten Strategien sind definitiv sinnvoll, um die eigene Rohstoffversorgung sicherzustellen. Darüber hinaus gibt es weitere Optionen, die jedoch weitaus weniger genutzt werden. Das liegt vermutlich daran, dass sie mehr Zeit in Anspruch nehmen und in der Regel mit Anfangsinvestitionen und engerer Zusammenarbeit mit der Produktion verbunden sind. Sie benötigen also die Unterstützung der Geschäftsführung und der Fachabteilungen und lassen sich nicht autonom durch den Einkauf realisieren.


Dazu zählt zum Beispiel die Verwendung alternativer Materialien, gut 40 Prozent der Teilnehmer haben diese Maßnahme bereits in Angriff genommen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wer einen von Konflikten oder Mangel bedrohten Rohstoff ersetzen kann, beseitigt ein Beschaffungsrisiko. Auch der Einsatz von Recyclingmaterialien und die Reduktion von Rohstoffen zielen letztlich in die Richtung, die Beschaffung von Risiko-Rohstoffen zu minimieren. Beide Strategien werden von den Teilnehmern als sinnvolle Lösungen angesehen, kommen jedoch nur selten zum Einsatz.
Auch beim Thema Digitalisierung gibt es eine deutliche Lücke zwischen Wahrnehmung und Handeln: Fast die Hälfte der Studienteilnehmer hält es für sinnvoll, Business Intelligence Tools in der Rohstoffbeschaffung einzusetzen. Doch erst gut ein Fünftel nutzt sie tatsächlich. Diese Zahl entspricht den allgemeinen Befunden zur Digitalisierung. Die Tools sind vorhanden, der Wunsch sie einzusetzen auch, doch bei der Auswahl und Implementierung der Lösungen tun sich die Unternehmen schwer.


Trotz der aktuellen Unsicherheiten planen nur wenige Unternehmen, ihre Rohstoffversorgung durch den direkten Zugriff – also über vertikale Integration – abzusichern. In unserer Studie sagten nur fünf Prozent, dass sie diesen Weg prüfen. Stattdessen erwartet die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer, dass die Politik die Rahmenbedingungen schaffen soll, um die Rohstoffversorgung der Wirtschaft sicherzustellen. Da die aktuellen Unsicherheiten überwiegend durch die Politik verursacht wurden, ist diese Erwartung nachvollziehbar und die Regierungen haben dies erkannt. So befasst sich der Deutsche Bundestag derzeit mit einer Neuauflage seiner Rohstoffstrategie, um die Unternehmen zu unterstützen. Allerdings scheint es schwer vorstellbar, dass die europäischen Regierungen so massiv in die Märkte eingreifen, wie es die USA unter Trump oder gar China tun. Denn: Letztlich widerspricht es der Idee von der freien globalen Marktwirtschaft.

 

 

 

 

Sebastian Wellmann

ist Principal bei INVERTO und Leiter des Competence Centers Industrial Goods/Automotive. In dieser Funktion ist er verantwortlich für die Rohstoffstudie. Der Diplom-Kaufmann berät Kunden aus dem Automotive-Sektor, dem Anlagen- und Maschinenbau sowie aus dem Transport- und Infrastrukturgewerbe.

sebastian.wellmann@inverto.com

 

Fazit

Statt auf politische Lösungen zu warten, ist es Aufgabe der Unternehmen aus eigener Kraft ihre Rohstoffexpertise vertiefen. Der Einkauf sollte in Kooperation mit Geschäftsführung und Produktion nach innovativen Lösungen suchen, um den eigenen Bedarf effektiv zu sichern. Durch Kooperation und Kreativität aller Verantwortlichen ist in manchen Fällen sogar die Substitution kritischer Rohstoffe möglich.

 

Über die Studie

Für die diesjährige Rohstoffstudie befragte INVERTO 87 Geschäftsführer, Vorstände und Entscheider im Einkauf. Die Befragten stammen aus den Branchen Handel,  Maschinen- und Anlagenbau sowie Chemie- und Prozessindustrie. Ein Whitepaper mit den ausführlichen Studienergebnissen sowie Handlungsempfehlungen finden Sie auf unserer Webseite: inverto.com/rawmaterialstudy

 

 

 

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