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28.05.2020 – Textilwirtschaft: Das neue Sourcing

28.05.2020 – Textilwirtschaft: Das neue Sourcing

Kurzfristiger, gestraffter, näher an Europa: Diese Aspekte, Fragestellungen und Strategien beschäftigen den Denim-Markt nach dem ersten Corona-Schock.

Vor einer Woche beim Karriere-Netzwerk Linkedin. Mostafiz Uddin postet Bilder von sich,auf denen er die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Dazu schreibt der Geschäftsführer des Jeans-Produzenten Denim Expert Limited aus Bangladesch: „Meine Kunden bezahlen mich seit Februar nicht mehr. Mein Unternehmen ist voll von gecancelten Orders.“ Wollte er anfangs nicht sagen, um welche Kunden es sich handelt, ist er mittlerweile offener geworden.So hat etwa die Topshop-Mutter Arcadia Group nicht nur zukünftige Bestellungen, sondern auch die Auslieferung bereits produzierter Ware storniert. Produkte, die sich schon auf dem Weg befanden, wurden nur zu 70 % bezahlt. Auch das Verhalten der Global Brands Group und des britischen Filialisten Peacocks kritisiert Uddin.

Die Coronakrise hat für die Lieferanten schon jetzt verheerende Auswirkungen – und das könnte sich noch zuspitzen, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des Beratungsunternehmens McKinsey offenlegt. Dafür wurden 116 Einkaufschefs führender Bekleidungsunternehmer und -händler in Europa befragt, die zusammen für ein Einkaufsvolumen von rund 120 Mrd. US-Dollar (110 Mrd. Euro) stehen. 90 % von ihnen geben an, dass sie das Beschaffungsvolumen in der zweiten Jahreshälfte 2020 verglichen mit dem Vorjahr reduzieren werden. 80 % haben zumindest einen Teil der bereits aufgegebenen Orders storniert. Jeder zweite Sourcing-Verantwortliche will in den kommenden zwölf Monaten näher am Heimatland beschaffen.Was bedeutet all das für die Zukunft des Denim-Sourcings? „Die Verantwortlichen machen sich viele Gedanken, wie sie kurzfristiger beschaffen können“, meint Hans-Bernd Cartsburg von der auf Denim spezialisierten Unternehmensberatung Indigo 68. Das könnte europanahen Webern aus der Türkei oder Tunesien zugutekommen. Dennoch weiß er auch: „In der Türkei gehen die Lieferanten davon aus, dass bis Ende des Jahres 50 % der Kapazitäten leer stehen.“ Auch Kiran Mazumdar, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Inverto, ist überzeugt: „Wir werden weder 2020 noch 2021 an die Abnahmemengen von 2019 herankommen.“

Hinsichtlich der Kurzfristigkeit und damit verbunden der Bedeutung der Sourcing-Länder ist er allerdings anderer Meinung: „Das spielt bei Denim keine entscheidende Rolle. Das Segment ist keinem so hohen Modegrad unterworfen. Es gibt keine Alternativen zu Bangladesch und Pakistan – allein schon wegen der Produktionskapazitäten und dem von den Konsumenten gewünschten Preislevel.“ Schließlich kommen ein Großteil der Jeans und damit auch ein beträchtlicher Teil des Denims mittlerweile aus Bangladesch und Pakistan. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts wurden 2019 mehr als189 Millionen Jeans nach Deutschland importiert. Von den Denimhosen (ohne Shorts) kamen über 67 Millionen aus Bangladesch, mehr als 36 Millionen aus Pakistan und „nur“ 25 Millionen aus der Türkei.

Fest steht,dass sich wie bei vielen Labels auch die Kollektionen der Weber reduzieren dürften. So sagte etwa Piero Turk vom türkischen Weber Bossa in einem Webinar: „Es braucht einen Denim für verschiedene Produkte statt 30 verschiedene Stoff-Varianten.“

„Um das zukünftige Business zu bestreiten, muss eine Konzentration her. Wer viel anbietet, kann wenig am Lager halten. Die Zukunft wird sein, einige Stoffe auszuentwickeln und diese zu lagern, sodass sie schnell abrufbar sind.“ – Hans-Bernd Cartsburg, Indigo 68

Diese Straffung hält auch Cartsburg für notwendig: „Um das zukünftige Business zu bestreiten, muss eine Konzentration her. Wer viel anbietet, kann wenig am Lager halten. Die Zukunft wird sein,einige Stoffe auszuentwickeln und diese zu lagern, sodass sie schnell abrufbar sind.“ Das erfordere deutlich engere Partnerschaften zwischen Kunden und Lieferanten, etwa in Form eines Austauschs von Verkaufsdaten. Stefano Aldighieri von Another Design Studio geht nicht nur wegen der Coronakrise davon aus, dass im kommenden Jahr nur die Hälfte der zuletzt abgesetzten Denim-Menge verkauft werde,wie er während eines Online- Events der Denim-Messe Kingpins sagt. Auch davor habe es schon einen Wandel im Konsumverhalten gegeben. Das veränderte Konsumverhalten, das Aldighieri beobachtet, wird kontrovers diskutiert. Für Cartsburg ist es bereits spürbar: „Die Kunden merken gerade, dass sie vieles nicht brauchen. Mode kaufen sie kaum, aber die Fahrradläden sind voll. Der Trend wird hingehen zu langlebigen, qualitativ hochwertigen Teilen.“ Allerdings müsse der Großteil der Labels noch eine echte,auf Geschäftsführungsebene verankerte Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln. Da habe sich bisher wenig getan. Dennoch:Verglichen mit der Zeit vor zwanzig Jahren hat Nachhaltigkeit laut Mazumdar schon einen hohen Stellenwert: „In der Zusammenarbeit mit einem Produzenten stehen Nachhaltigkeitsaspekte und soziale Standards heute an erster Stelle. Erst wenn diese Kriterien stimmen, wird über den Preis geredet.“ Dass die Krise das Thema Nachhaltigkeit auch auf Konsumentenseite beflügeln könnte, glaubt er jedoch nicht: „Tendenziell würde ich eher das Gegenteil behaupten. Der Konsument muss nun gezwungenermaßen noch stärker zwischen Gewissen und Geldbeutel entscheiden. Da wählen angesichts der wirtschaftlichen Lage die meisten wohl eher den Geldbeutel.“ An der Nachfrage nach günstiger Massenware ändere sich demnach nichts. Von wem diese dann kommt,könnte sich hingegen sehr wohl ändern. Laut der McKinsey Studie haben ein Viertel der asiatischen Zulieferer bereits jetzt finanzielle Schwierigkeiten, Ende des Jahres könnten mehr als die Hälfte in Bedrängnis geraten sein.

Erschienen in der TextilWirtschaft Ausgabe Nr. 22 2020 auf Seite 44
www.textilwirtschaft.de

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