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01.2019 – Technik + Einkauf: Beschaffungsmärkte 2019 – Vor dem Ernstfall

2019 ist das Jahr der Bewährung. Um Lieferengpässen und Kostenexplosionen wirksam begegnen zu können, müssen Einkäufer endlich strategisch handeln. Denn sonst kann es zu erheblichen Schäden bei dem Nachschub für die Produktion kommen.

Zur Bedruckung, etwa von Verpackungen mit UV-härtenden Druckfarben und Lacken, werden Photoinitiatoren aus China eingesetzt. Aufgrund verschärfter Umweltauflagen haben viele Lieferanten im letzten Jahr ihre Produktion reduziert oder eingestellt. Am Ende mussten deutsche Hersteller bestimmter Druckfarben ihre Preise zwischen 6 % und 8 % erhöhen. Bei Transistoren stiegen die Lieferfristen auf bis zu 40 Wochen. Es waren Allerweltskomponenten, an die man für gewöhnlich keinen Gedanken verschwendet. „Ganz kleine Widerstände, die nur ein bis zwei Cent kosten, können die ganze Produktion lahmlegen“, so Dr. Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Zurzeit gibt es besonders bei Siliziumkarbid (SiC)-Transistoren Engpässe. Einer Umfrage des BME Bundesverband Einkauf, Materialwirtschaft und Logistik und des Instituts riskmethods zufolge, haben immerhin 81 % der befragten Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten Störungen der Lieferkette und eine Nachschubunterbrechung registriert. Jedes dritte Ereignis schlug mit mindestens einer Million Euro Schaden zu Buche.

Einkäufer werden von Lieferproblemen überrascht, die allerdings bei genauem Hinsehen frühzeitig hätten erkannt und begrenzt werden können. „Entwicklungen wie Preisschwankungen und Engpässe, aber auch Nachforderungen und Preiserhöhungen von Lieferanten sollten eigentlich keine Überraschung mehr darstellen“, sagt Agnes Erben, Partnerin bei der h&z Unternehmensberatung in München. Allerdings weiß die Beraterin für strategischen Einkauf, dass in vielen Unternehmen auf solche Herausforderungen nur reagiert, aber noch zu wenig proaktiv agiert wird, etwa durch andere Zusammenarbeitsmodelle mit den Lieferanten.

Steigende globale Nachfrage verschärft die Risiken

Der Durchblick vieler Einkäufer reicht nur bis zum tier-1-Lieferanten. Was auf den weiteren Ebenen bis hin zu den Rohstoffquellen – den ‚n-tier‘-Lieferanten – geschieht, haben sie nicht auf dem Radar. Dazu gehören unter anderem politische Entwicklungen und Gesetzesvorhaben, die wichtige Materialien betreffen. Oder die Frage, ob für eine steigende globale Nachfrage überhaupt genügend Förder- oder Produktionskapazität zu Verfügung stehen. Chancen, die etwa in der frühzeitigen Suche nach anderen Quellen oder alternativen Technologien liegen, bleiben ungenutzt. Die plötzlichen Engpässe treffen die Versorgung mit ganzer Wucht. Erben: „n-tier-Management beziehungsweise ntier-visibility ist die hohe Kunst des Einkaufs. Leider ist sie immer noch sehr zeitaufwendig und stark manuell – aber zeitnah auch digital lösbar.“ Viele Informationen seien heute online verfüg- und verwertbar. Das Ganze scheitere jedoch auch an der Bereitschaft von Lieferanten, relevante, kritische und sensible Informationen weiterzugeben. Deshalb seien partnerschaftliche Lösungen gefragt: Co-Creation setzt sich immer mehr durch. Statt auf den Preis gelte es, auf die Innovationskraft und den Mehrwert des Lieferanten zu setzen.

Von der Strategie zur Taktik: Es geht um eine weitere Professionalisierung, um auf allen Ebenen handlungsfähig zu sein. Viel Zeit bleibt nicht, denn bereits 2019 ist ein Jahr der Bewährung. Geopolitische Verwerfungen, Währungsrisken – Volatilitäten auf allen Gebieten – werfen bereits dunkle Schatten. „Jahrelang war beispielsweise kaum denkbar, dass handelspolitische Entscheidungen extrem kurzfristig und überraschend fallen. Wir haben aber im vergangenen Jahr erlebt, dass es genauso passiert“, sagt Lars-Peter Häfele, Managing Director der Unternehmensberatung für strategischen Einkauf Inverto. Schon morgen könne es heißen: Mein aktueller ausländischer Lieferant kann mich wegen Sanktionen, aufgrund von neuen Zollschranken und blockierter Lieferwege nur verzögert oder teurer beliefern.

Laut einer aktuellen Risikobetrachtung der Rohstoffmärkte befürchten fast 90 % der Befragten, dass sich die aktuellen Auseinandersetzungen zu echten Handelskriegen ausweiten. Zwar werden nur bestimmte Materialien oder einzelne Länder als gefährdet angesehen. Doch auch bei begrenzten Konflikten rechnen gut 80 % mit Preissteigerungen und knapp 60 % mit Versorgungsengpässen. Die Einkäufer für Eisen und Stahl, Aluminium sowie Kupfer nehmen Risiken am stärksten wahr. „Um Preis- und Versorgungssicherheit zu gewährleisten, sollten Unternehmen sich breiter aufstellen und entweder in verschiedenen Weltregionen oder Ländermärkten beschaffen oder, soweit möglich, Backup-Lieferanten in der eigenen Region – also der EU – suchen“, empfiehlt der Einkaufsberater den  Einkaufsabteilungen. Von der Theorie zur Praxis: Laut der Inverto-Studie sehen 60 % den Kontaktaufbau zu alternativen Lieferanten als beste Lösungen an, aber nur 44 % suchen wirklich und nur 26 % testen neue Materialien. Ein Know-how-update zum Thema Preissicherung könnte sogar Schlimmes verhindern. Hedging sei ‚Spekulation‘ meinen 27 % und dass es für die von ihnen bezogenen Rohstoffe gar keine Möglichkeit für Hedging gebe, 44 %. Tatsächlich aber stehen aber für über 90 % der Rohstoffe geeignete Hedging-Instrumente zur Verfügung. Zurzeit ist die Preissituation zwar moderat, aber erfahrene Einkäufer wissen: Niedrige Preise sind da, um zu steigen. Der EMI-Index für Kunststoffe ist zwar zuletzt weiter gesunken, aber da speziell in diesem Markt alles am Öl hängt, könnte die Reduzierung der OPEC-Fördermenge
bald zu einer Trendumkehr sorgen.

 

Autor: Manfred Godek

Erschienen in der Technik + Einkauf 01/2019
www.technik-einkauf.de

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