Überall in Deutschland sind die Engpässe in der globalen Lieferkette spürbar. Was bedeutet das? Bleiben an Weihnachten Regale leer? Steigen die Preise? Oder wird alles gut? Ein Überblick

Jedes zweite Unternehmen in Deutschland kämpft derzeit mit Lieferengpässen: Auto, Handel, Pharma, die Metall- und Elektroindustrie, sie alle sind betroffen. Umschlaghäfen sind gesperrt, manche Grenzen dicht, Transporte überbucht, und Container stauen sich. Auch das Entladen verzögert sich. Konzerne senken ihre Gewinnerwartungen, andere verschieben Verkaufstermine, Hersteller kündigen Preiserhöhungen an. Es hat sich was zusammengebraut. Drohen an Weihnachten leere Regale? Oder geht es um mehr: eine Kräfteverschiebung im Welthandel?

„Die Wertschöpfung in der gesamten Kette verlagert sich stark in Richtung Anfang, auf das Sourcing, also die Beschaffung und die Logistik“, sagt der E-Commerce-Spezialist Sebastian Funke. Und Marcus Diekmann, Geschäftsführer des Fahrradhändlers Rose Bikes und Gründer der Initiative „Händler helfen Händlern“, sieht Europa und Deutschland schlecht aufgestellt zwischen einem China, das den eigenen Binnenmarkt stärkt, und einem starken Nordamerika. Europa müsse jetzt dafür sorgen, sich Ressourcen zu sichern, um die eigene Versorgung sicherzustellen. „Andernfalls“, sagt er, „wird das, was wir heute erleben, in Zukunft unseren Alltag prägen.“ Hier beispielhaft einige Branchen, in denen es im Moment besonders hakt.

Autos

Fast allen Autoherstellern fehlen Computerchips, die zu Dutzenden in modernen Fahrzeugen stecken. Etliche Einkäufer kalkulierten 2020 zu zurückhaltend, andere Unternehmen horteten die Teile. Außerdem brauchen die begehrten E-Autos mehr Chips: Hightech für 800 Euro steckt im Schnitt unter ihrer Haube, doppelt so viel wie bei Verbrennern.

Wegen des Mangels an Halbleitern streichen Autofabriken Schichten oder machen wie Opel in Eisenach bis zum Jahresende zu. Das Ergebnis: Im vergangenen Monat wurden in Deutschland so wenige Autos ausgeliefert wie in keinem anderen September seit 1991. Damit nicht alles zum Stillstand kommt, specken die Hersteller ab: Audi gab seinen Kunden einige Zeit nur einen Autoschlüssel mit, auch die sind heutzutage ja mit Chips ausgestattet. Andere Hersteller verbauen in der Not analoge Anzeigen statt Digitaldisplays oder sparen sich die Scheinwerferautomatik.

Gerade gilt: Lieber ein abgespecktes, aber fahrbares Auto zum Kunden bringen, als unfertige Wagen auf Halde zu produzieren, in die man später Chips hineinbastelt. Denn so bald bessert sich die Situation nicht, auch wenn der Autoverband VDA mehr europäische Chipfertigung fordert und Infineon gerade in Villach eine Chipfabrik anlaufen ließ. „Materialengpässe und Lieferketten werden die Branche noch bis weit ins Jahr 2022 beschäftigen“, sagt etwa Autoanalyst Peter Fuß von der Beratung EY. Den Unternehmensfinanzen schadet die Situation bislang nicht so sehr: Der Umsatz mag zurückgehen, der Gewinn aber ist weiter ordentlich – denn die Hersteller bauen die raren Chips in die hochpreisigen Modelle mit guten Margen: Einen Audi A8 bekommt man gerade schneller als einen A3.

Aluminium

Verteilungskämpfe und Preisanstiege wie bei den Halbleitern drohen auch bei Aluminium, warnt Lars-Peter Häfele von der Einkaufsberatung Inverto, einer Tochter der Boston Consulting Group. Er begründet dies mit sich abzeichnenden Engpässen bei Magnesium, einem für die Aluminium-Produktion unverzichtbaren Rohstoff. Ähnlich wie bei Halbleitern ist auch hier die Abhängigkeit der deutschen Industrie von China groß: 87 Prozent des weltweit hergestellten Magnesiums stammen von dort. Dessen Gewinnung aus Gestein verbraucht viel Energie. Wegen Problemen in der Stromversorgung nehmen chinesische Behörden derzeit wichtige Produktionsstätten außer Betrieb. Erste Versorgungsengpässe könnten ab Mitte November entstehen. „Hier zeichnet sich ein Problem ab, das viele deutsche Firmen erst jetzt wahrnehmen“, sagt Häfele, „wie stark der Effekt sein wird, hängt alleine von China ab.“

Größere Magnesium-Vorkommen gebe es zwar auch außerhalb Chinas, etwa in Russland, aber die Produktion von Magnesium finde vor allem in China statt.
Noch herrscht keine Knappheit, noch sind Lagerbestände verfügbar. Aber Nachschubprobleme könnten nicht nur die deutsche Autoindustrie empfindlich treffen, sondern auch die Hersteller von Verpackungen, Elektronik, Fenstern und Türen und den Maschinenbau. Und: Keine andere Branche braucht so viel Aluminium wie die Autohersteller. Im weltweiten Vergleich kommt Deutschland laut Häfele auf den höchsten Aluverbrauch pro Einwohner – wegen der hohen Zahl produzierter Fahrzeuge.

Computer

Seit Ende 2020 ist die Playstation 5 auf dem Markt, aber was heißt hier Markt: Knapp waren die Spielekonsolen von Anfang an, fiel doch ihr Verkaufsstart mitten in die Pandemie. Kaum gab es sie irgendwo, schwups, waren sie wieder ausverkauft. Es wurde sogar gemutmaßt, wegen der neuen Spielekonsolen könnten VW, Mercedes und Co. weniger Autos bauen. So ein Auto ist ja heutzutage auch nur eine Art rollender Computer, und die brauchen eben Chips. Doch der Mangel an den Halbleitern ist inzwischen so groß, dass es auch die Computerbranche getroffen hat. Wer Pech hat, wartet nicht bloß auf eine Playstation, sondern lange auf einen neuen Laptop. Sony-Chef Jim Ryan freut sich einerseits, dass schon zehn Millionen der neuen Spielekonsolen verkauft wurden – ein neuer Rekord. Doch es könnten noch viel mehr sein, ärgert er sich andererseits. Auch das Konkurrenzprodukt von Microsoft, die Xbox Series X, ist Mangelware und nicht immer lieferbar. Sie verwendet wie die Playstation einen Hauptchip des Herstellers AMD. Gut möglich, dass es an Weihnachten in einigen Familien lange Gesichter gibt.

Bücher

Weihnachten ohne Bücher, auch das wäre nicht gut. In vielen Familien ist das – Playstation hin, iPhone her – immer noch unvorstellbar. Entsprechend tief saß der Schreck, als Buchdrucker und Verlage jüngst warnten: Das Papier wird knapp! Die Auslieferungstermine einzelner Bücher verzögerten sich.

Grund dafür ist nach Angaben des Branchenverbandes vor allem die Digitalisierung, die zu einem Strukturwandel führt: Viele Fabriken rüsteten ihre Maschinen um oder tauschten sie aus, um statt Druck- beispielsweise Verpackungspapiere wie Versandkartons zu produzieren. Inzwischen gibt es hierzulande keine Fabrik mehr, die noch sogenanntes Werkdruckpapier herstellt, also das Material für die Seiten in den allermeisten Büchern. Hinzu kommt, dass Rohstoffe fehlen, vor allem Altpapier. In der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr wurden deutlich weniger Zeitungen, Zeitschriften und Werbebroschüren gedruckt. Dieses Material ist aber wichtig, um neue Ware herzustellen. Entsprechend zogen die Altpapierpreise enorm an.

Ins Ausland auszuweichen sei für Druckereien und Verlage auch keine Alternative, heißt es vom Bundesverband Druck und Medien. Papier sei „ein überwiegend europäischer Markt – also stehen alle in Europa vor dem gleichen Problem“, sagt eine Sprecherin. Und beispielsweise in Asien drucken zu lassen, sei wegen der langen Lieferwege und möglicher Qualitätsprobleme ebenfalls riskant. All das führe für die Druckereien, wenn sie denn Papier bekommen, vor allem zu einem: höheren Kosten.

Doch die Preise in den Buchläden stiegen bisher nicht. Ob Bücher an Weihnachten knapp werden? Damit rechnet keiner. Der Bestseller als Last-Minute-Geschenk müsste auch in diesem Jahr gehen.

Turnschuhe

880 Millionen Paar Sportschuhe wurden im Jahr vor der Pandemie in Vietnam hergestellt. Dort werden Schuhe für alle großen Marken, für Nike, Adidas und Puma also, aber auch für kleinere wie Asics oder New Balance produziert. Der europäische Branchenführer Adidas bezieht 42 Prozent seiner Sneakers, Lauf- und Turnschuhe aus Vietnam, US-Konkurrent Nike die Hälfte und Puma etwa 15 Prozent.

Doch in diesem Jahr geht nicht viel. Die vietnamesischen Schuhfabriken sind teilweise seit vielen Wochen geschlossen. Puma-Chef Björn Gulden verweist als Grund auf die rigide Anti-Corona-Politik der Regierung in Hanoi. Sie weiß sich im Kampf gegen das Coronavirus nicht anders zu helfen, als ein Werk sofort zu schließen, sobald dort auch nur ein Covid-19-Fall registriert wird. Die Beschäftigten werden dann umgehend in Quarantäne geschickt. Allerdings nicht etwa nach Hause, sondern in eigens eingerichtete Corona-Quarantäne-Lager. Nicht einmal zehn Prozent der vietnamesischen Bevölkerung ist doppelt geimpft.

„Wir haben bereits zehn Wochen Produktion verloren“, klagt Matt Friend, Finanzchef des Branchenführers Nike. Bei Adidas in Herzogenaurach rechnet man mit einer halben Milliarde Euro Umsatzeinbuße in der zweiten Jahreshälfte. Und Puma-Chef Gulden warnt: „Das wird im vierten Quartal voll durchschlagen, wenn die Ware in den Geschäften fehlt, weil sie momentan nicht produziert wird.“ Ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft also. Zunehmend lassen die Markenfirmen auch Textilien in Vietnam schneidern. Auch kleinere Betriebe, etwa Outdoor-Händler wie Globetrotter, warnen die Kundschaft bereits vor Lieferproblemen beim ein oder anderen Produkt vor Weihnachten.

Fahrräder

Wer ein bestimmtes Fahrrad verschenken will, könnte ein Problem haben. Die Gangschaltung kommt meist aus Japan, der Rahmen und die Batterien für E-Bikes häufig aus China , die Bremsen aus Malaysia und die Sättel aus Taiwan. Schwierig im Moment, das alles just in time in Deutschland zu einem Bike zusammenzuschrauben. Denn bei einem Teil, sagt Rose-Bike-Gründer Diekmann, herrsche Rohstoffmangel, an manchen Orten stünden nicht genügend Container bereit, woanders sind die Grenzen geschlossen, und dann sind noch Transporte überbucht.

In Asien wurde bis zu drei Monate lang nicht produziert. Daher fehlt derzeit Material für schätzungsweise eine Million Räder. Gleichzeitig ist die Nachfrage nach manchen Rädern um bis zu 50 Prozent gestiegen. Die Gemengelage hat die Branche in einen „Kollaps“ geführt, so Diekmann. Kaufinteressenten müssen teils lange warten, die Händler sind in Erklärungsnot. Ob und wann Entspannung eintritt, lässt sich kaum sagen, auch weil es offenbar nur wenig Informationen aus Asien gibt.

Für die Lagerlogistik in Deutschland ist die Situation Stress pur: Während die einen Teile fehlen, stapeln sich die anderen. Derweil leeren sich die Verkaufsräume. Wer sucht, findet aber, und gebrauchte Räder gibt es ja auch noch.

Kokosriegel

Ein Mobilitätsproblem der besonderen Art hat der amerikanische Nahrungsmittelkonzern Mars. Ein wichtiger Rohstoff kommt gerade nicht von der Stelle: Kokosnüsse für Bounty-Riegel. Der Schokoriegelhersteller hat Supermärkte und Discounter informiert, im Moment die bestellten Mengen des Kokosnussriegels nicht liefern zu können, sagt eine Sprecherin. Und das kann andauern. Denn es braucht viele Roh-Kokosnüsse für die Riegel, die aus wenig Schokolade, aber viel Kokosnuss bestehen.

Der Lieferengpass sei ein „noch nie dagewesenes Problem“, teilt Mars mit. Die Ursachen sind vielschichtig: Taifune behinderten auf den Philippinen die Ernte, die Belieferung verzögerte sich, was Engpässe in der Produktion verursachte. Hinzu kamen eingeschränkte Frachtkapazitäten wegen der Corona-Pandemie. „Nach wie vor spüren wir auch noch die Auswirkungen der Blockade des Suezkanals“, so eine Sprecherin. Mars steuert mit vielen Maßnahmen dagegen. Trotzdem könnten Bountys in den Regalen Mangelware bleiben.

Autor: Von Max Hägler, Michael Kläsgen, Silvia Liebrich, Helmut Martin-Jung, Stephan Radomsky und Uwe Ritzer
Quelle: Süddeutsche Zeitung 21.10.2021

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