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23.10.18 – Süddeutsche Zeitung: Für einen Sack voll Geld

Lidl war bisher vor allem als Preisdrücker bei Lebensmitteln bekannt. Jetzt steigt der Discounter auch ins Müllgeschäft ein. Ein geschickter Schachzug, denn die Branche sortiert sich gerade neu – manche sehen diese Entwicklung aber mit Skepsis

VON MICHAEL KLÄSGEN

Diese Nachricht verwundert erst einmal: Lidl steigt ins Müllgeschäft ein und gründet ein eigenes duales System. Zur Erinnerung: Das ist das irreführende Fachwort für etwas, das vielen Deutschen längst in Fleisch und Blut übergegangen ist – das Sortieren von Müll, vor allem von Plastikmüll. Der kommt in den „gelben Sack“ oder die „gelbe Tonne“, angeblich, so glauben jedenfalls viele Verbraucher, um dann recycelt zu werden. Doch leider ist das, anders als mancher brave Sortierer glaubt, nicht immer der Fall. Aus dem leer gelöffelten Joghurtbecher etwa wird so gut wie nie ein neuer Joghurtbecher, wissen Fachleute. Das liegt auch am Becher, der in der Regel einen Aluminiumdeckel und ringsum eine Papierhülle hat. Das Recycling wäre viel zu aufwendig und teuer. Einen neuen Becher herzustellen ist wesentlich billiger. Doch auch bei viel leichter recycelbaren Waschmittelflaschen ist die Quote nicht viel höher.

Viele Verbraucher vertun sich auch und werfen in den gelben Sack, was dort gar nicht hineingehört. Es ist allerdings für Laien auch kaum zu verstehen, was hineinkommt und was nicht: die Folie, mit der Plastikhalme verpackt sind, ja, die Halme selber aber nicht. Dabei besteht beides aus recycelbarem Kunststoff. PET-Flaschen können wiederverwertet werden, Bobby-cars aber nicht, die kommen in den Restmüll, obwohl sie größtenteils aus dem gleichen Material bestehen.

So wächst der Kunststoffmüll bisher weiter und weiter, auch weil es mehr Single-Haushalte und Convenience Food gibt, also verzehrfertiges Essen, das oft aufwendig verpackt ist. Je nach Berechnung ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststoffverpackungen heute doppelt so hoch wie 1991. Dabei sollte das vor fast 30 Jahren per Verpackungsordnung geschaffene duale System genau das Gegenteil bewirken: den Kunststoffmüll reduzieren.

Hinzu kommt: Manche Kommunen recyceln gar nicht. Die Stadt München etwa lässt die leeren Joghurtbecher und anderen Plastikmüll verbrennen und zu Fernwärme verfeuern. Dabei zahlen die Verbraucher dafür, dass der Kunststoff recycelt wird. Mit jedem Einkauf finanzieren sie die Lizenzgebühren mit, welche die Händler an die Betreiber der dualen Systeme entrichten. Diese beauftragen dann Müllabfuhren, Sortieranlagen und Entsorger damit, den Plastikmüll zu recyceln.

Am Anfang gab es dafür einen Monopolisten, das Duale System Deutschland (DSD). Das klappte laut Deutscher Umwelthilfe sogar recht gut, das Monopol widersprach aber europäischem Wettbewerbsrecht. Heute feilschen neun Maklerfirmen um Aufträge. Eines der vielen Probleme dabei ist: Bei den Ausschreibungen geht es nur noch um das günstigste Angebot, wie Kritiker aus der kommunalen Abfallwirtschaft monieren, und nicht mehr um Umweltziele wie das Vermeiden von Müll.

Auch den Töchtern der Schwarz-Gruppe, den Discountern Lidl und Kaufland, gehe es nicht vorrangig darum, den Müllberg abzutragen, sagt Unternehmensberater Halûk Sagol. Der Konzern gründe in erster Linie ein eigenes duales System, um Kosten zu sparen. „Von 2020 an muss Lidl dann keine Lizenzgebühren mehr abführen“, sagt der Experte der Unternehmensberatung Inverto. Voraussichtlich wird Lidl etwa 100 Millionen Euro pro Jahr einsparen können.

Immerhin produziert der Discounter schätzungsweise ein Zehntel des gesamten Verpackungsmülls im deutschen Handel. Gegenwärtig liegt das Gesamtvolumen der Lizenzgebühren bei 850 Millionen Euro. Demnach, so die Schätzung, zahlt Lidl im Moment etwa 85 Millionen Euro, und zwar an den Kölner Dual-System-Betreiber Interseroh, eine Tochter des Berliner Müllkonzerns Alba. Ende 2019 läuft der Vertrag aus. Dann verliert Interseroh seinen größten Kunden.

Der Coup von Lidl wird die Branche wohl kräftig durchschütteln. Die ordnet sich ohnedies gerade neu. Marktführer DSD, der die Rechte am bekannten grünen Punkt hält, wurde kürzlich von Deutschlands größtem Entsorgungskonzern Remondis übernommen. System-Betreiber ELS aus Bonn ging im Frühjahr pleite und musste abgewickelt werden. Hinzu kommt nun Lidls Vorstoß, der zunächst einmal nur Interseroh schwächt, aber viel weitreichendere Folgen haben könnte.

Noch hat Lidl keinen Antrag gestellt, aber theoretisch könnte der Discounter auch Lizenzgebühren über seine neue Firma PreZero Dual eintreiben. Ist es vorstellbar, dass große Konkurrenten wie Aldi Lizenzgebühren an Lidl zahlen, um ihren Müll entsorgen zu lassen? Skeptiker bezweifeln das. Denn aus dem Müll würden sich auch Rückschlüsse auf das Geschäft ziehen lassen. Kleinere Händler hingegen könnten sich mit dem Gedanken anfreunden, wenn Lidls Konditionen stimmen. Der Discounter würde dann nicht nur Kosten sparen, sondern zudem Einnahmen über sein duales System generieren.

Ein wichtiger Grund für Lidls Vorstoß aber ist: Anfang 2019 tritt das neue Verpackungsgesetz in Kraft. Experten zufolge werden dann die Lizenzgebühren für Händler und Hersteller steigen. Das Gesetz sieht nämlich einen sprunghaften Anstieg der Recyclingquote vor: ungefähr eine Verdoppelung bis 2022. Wie sich diese Quote zusammensetzt, darüber streiten bis heute auch Insider. Im Gesetz gibt es eine entscheidende Neuerung: den Rezyklat-Output, also das, was mit den Kunststoff-Bestandteilen passiert. Sie sollen nach Möglichkeit wieder in einen Kreislauf eingespeist werden. Verkürzt gesagt geht es darum, dass künftig wesentlich mehr Waschmittelflaschen wieder zu Waschmittelflaschen werden, als es heute der Fall ist, und nicht zu Parkbänken.

Zwar wird bisher auch nicht nur der Input gemessen, also das, was die Verbraucher in den gelben Sack werfen, darunter eben auch der riesige Anteil von 40 Prozent, der gar nicht dort hineingehört. Vielmehr wird gezählt, was aus den Sortieranlagen kommt. Zweitrangig ist im Moment aber eben noch, was danach mit dem Kunststoffmüll passiert – solange er irgendwie recycelt wird. Um die Wiedereinführung in den Kreislauf aber geht es bislang kaum.

Das soll sich ändern, so der Wunsch des Gesetzgebers. Dem vorgesehenen Schritt hin zu einem geschlossenen Müllkreislauf kommt Lidl nun zuvor. Der Discounter gründet dazu nicht nur ein eigenes duales System, sondern verfügt auch über eine eigene Entsorgungsfirma. Im Sommer hat die Schwarz-Gruppe den fünftgrößten Entsorger Deutschlands übernommen, Tönsmeier aus Porta Westfalica. Damit schließe Lidl den Kunststoff- beziehungsweise Rohstoffkreislauf, sagt Berater Sagol. Der Konzern sei künftig unabhängiger von Rohstoffpreisschwankungen, und das nicht nur beim Rohöl, das im Kunststoff enthalten ist, sondern auch beim wiederverwertbaren, sortenreinen Kunststoff. Der Discounter habe dann fast die gesamte Wertschöpfungskette selber im Griff.

Lidl spart dadurch viel Geld, nicht nur in der Müllentsorgung. Zusätzlich könnte der Discounter sein eigenes duales System auch anderen anbieten. Es geht ihm dabei aber wohl weniger um die Umwelt als vielmehr um Kosteneinsparungen und vielleicht sogar um ein neues Geschäftsfeld.

 

Erschienen am 23.10.18 in der Süddeutsche Zeitung
Autor: Michael Kläsgen
https://www.sueddeutsche.de/

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