Lieferkettengesetz: „Licht ins Dunkel bringen“

 

Das bereits vom Bundeskabinett beschlossene Lieferkettengesetz hat das Potenzial, die deutsche Wirtschaft kräftig umzukrempeln. Es kann dafür sorgen, dass Unternehmen nachhaltiger wirtschaften und dass auch Zulieferer in anderen Ländern die Menschenrechte achten. Da längst auch Kunden sowie Mitarbeiter auf Kriterien wie Nachhaltigkeit und Menschenrechte Wert legen, könnten Firmen sich durch entsprechende Maßnahmen sogar Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Das Gesetz kann aber auch dafür sorgen, dass Unternehmen in Deutschland im Bürokratiedschungel untergehen, hohe Strafen zahlen müssen und plötzlich klare Wettbewerbsnachteile gegenüber Konkurrenten aus dem Ausland haben. Die Idee des Lieferkettengesetzes ist gut und richtig. Schließlich geht es darum, für die Einhaltung der Menschenrechte zu sorgen und auch internationalen Lieferanten entsprechend Druck zu machen. Unklar ist allerdings, wie genau deutsche Firmen das angehen sollen. Denn Lieferketten sind weit verzweigt, und langfristig sollen Unternehmen auch auf nachgelagerte Lieferanten einwirken.

 

Frühzeitigen Handlungsbedarf erkennen

Deutsche Firmen müssen dafür Sorge tragen, die entsprechenden Vorgaben in ihrem eigenen Geschäftsbereich umzusetzen und sie auch bei ihren unmittelbaren Zulieferern durchsetzen. Mittelbare Zulieferer sollen Unternehmen erst einbeziehen, wenn sie Kenntnisse von Menschenrechtsverletzungen bei ihnen erhalten. Sich dazu einen Überblick über alle seine direkten und indirekten Lieferanten zu verschaffen, wird für Unternehmen eine große Herausforderung. Viele werden ihre internen Prozesse völlig umstellen müssen. Doch die gute Nachricht lautet: Die Aufgabe ist lösbar – wenn Unternehmen schon jetzt mit der Umsetzung beginnen.
Auch kleineren Zulieferern sollte klar sein, dass die Großen den Druck an sie weitergeben werden. Der Automobilhersteller etwa, der ab 2023 seine Lieferkette auf Menschenrechtsstandards und weitere Nachhaltigkeitskriterien hin überprüfen muss, wird dafür Sorge tragen, dass auch die kleineren Unternehmen, mit denen er zusammenarbeitet, sich an die Vorgaben halten. Idealerweise haben sich daher alle Unternehmen bis zum 1. Januar 2023 auf die neuen Vorgaben vorbereitet.

Effektives Risikomanagement als Grundlage

Unternehmen sollten zunächst überprüfen, wie ihr Risikomanagement bisher aufgestellt ist. Dazu gehört manchmal auch die selbstkritische Frage, ob überhaupt ein strukturiertes Risikomanagement vorhanden ist oder ob auf Krisen bisher eher reagiert wurde. Großkonzerne sind da meist schon recht gut aufgestellt, sie sollten jedoch prüfen, inwieweit ihr bestehendes System noch ausgebaut werden muss.

Für die Umsetzung des Lieferkettengesetzes ist der Einkauf am besten geeignet. Keine andere Abteilung im Unternehmen hat ein so enges Verhältnis zu den Lieferanten und ist damit so qualifiziert, sich einen Überblick zu verschaffen und Risiken zu identifizieren. Der Einkauf bekommt damit eine höhere Verantwortung und wird noch mehr zum Bindeglied zwischen den Unternehmensabteilungen und den Lieferanten.

 

Die Lieferanten mit ins Boot holen

Im zweiten Schritt sollten Unternehmen ihre Lieferanten über die neuen Anforderungen informieren und dann die benötigten Daten einfordern. Das dürfte in vielen Fällen dazu führen, dass sie mindestens ihre Verträge erweitern, wenn nicht gar neu verhandeln müssen. Firmen kommen daher um zusätzliche Audits nicht herum. Sie müssen konkrete Fragen entwickeln, anhand derer sie überprüfen können, inwieweit ihre Zulieferer die Anforderungen erfüllen. Im Grunde geht es darum, die bisherigen Audits um weitere qualitative Faktoren zu erweitern. Dann kann der Einkauf seine Lieferanten in verschiedene Kategorien einteilen: Wer erfüllt die Vorgaben, wer ist gefährdet, den Pflichten nicht nachzukommen, bei wem braucht es viel Druck und von welchen Lieferanten sollte sich das Unternehmen lieber ganz trennen? Doch spätestens wenn es darum geht, Lieferanten von den neuen Anforderungen zu überzeugen, wird es kompliziert. Gerade bei Lieferanten, die aus dem asiatischen Raum kommen, wird das schwer bis vermutlich unmöglich.

Aktuell bleibt nur zu hoffen, dass der Gesetzgeber noch berücksichtigt, dass deutsche Unternehmen in solchen Fällen nicht am längeren Hebel sitzen. Wichtig ist daher erstmal, dass Firmen einen sauberen Prozess einhalten: die neuen Regelungen ankündigen, Unterlagen anfordern sowie erweiterte Audits durchführen und im Anschluss die Lieferanten neu bewerten.

FAZIT: Der Silberstreif am Horizont

All diese Maßnahmen stellen natürlich einen hohen Aufwand dar. Deshalb sollten sich Firmen erst einmal auf ihre direkten Lieferanten konzentrieren. Im Audit mit ihnen sollten sie zusätzlich noch erfragen, wie die Lage bei den weiteren Lieferanten ist. Erhalten sie dabei keine Informationen über mögliche Menschenrechtsverletzungen oder Missachtung von Umweltstandards, müssen sie in ihrer Prüfung zunächst nicht weitergehen. Gerade für kleinere Unternehmen bietet es sich zudem an zusammenzuarbeiten, sich etwa über die Risiken der Lieferanten auszutauschen und so die Last gemeinsam zu tragen. Auch eine Risikomanagement- Software kann dabei helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. Unternehmen sollten versuchen, trotz der noch vielen Unwägbarkeiten und der Kritik am bisherigen Entwurf, die Chancen zu sehen: Sie können einen aktiven Beitrag leisten, soziale sowie Umweltstandards weltweit durchzusetzen – und das wird ihnen langfristig auch Wettbewerbsvorteile schaffen.


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Über den Autor:

Dr. Gökhan Yüzgülec:

Dr. Gökhan Yüzgülec ist Principal bei INVERTO in München. Der promovierte Maschinenbauingenieur ist Experte für Supply Chain Risk Management und betreut Einkaufstransformationen im internationalen Umfeld.

Gökhan Yüzgülec

Principal

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