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04.05.21: FAZ – Heuschrecke oder Freuschrecke?

Finanzinvestoren kämpfen nicht mehr mit einem Imageproblem wie früher. Aber ob sie den Unternehmen auch nutzen, sehen Studien unterschiedlich.

Von Klaus Max Smolka, Frankfurt

Auf das Image ihrer Branche angesprochen, reagieren Private-Equity-Manager gerne genervt oder sogar beleidigt. Ulrike Hinrichs gehört nicht dazu. Die Geschäftsführerin des deutschen Branchenverbandes BVK ist um eine unverblümte Gegenrede selten verlegen. Etwa, wenn Bistümer Private Equity als moralisch problematisch bewerten – aber große kirchliche Versorgungskassen Hunderte Millionen Euro jährlich investieren, wie sich vor ein paar Jahren herausstellte. „Eine gewisse Bigotterie“ konstatiert sie dann, genüsslich auf muntere Renditen für die Mitarbeiterrenten verweisend. „Hier müssen die Kirchen ihr Bild korrigieren.“

Anfang Mai 2011 trat Hinrichs das Amt als Cheflobbyistin in Berlin an, und in den zehn Jahren hat sich nach ihrer Einschätzung viel getan im Ansehen der Beteiligungsgesellschaften: „Da würde ich sagen, wir sind von der Heuschrecke zur Freuschrecke gekommen“, sagt Hinrichs im Video-Gespräch mit der F.A.Z. „Heuschrecke“, das ist der unvergessene Term, den der deutsche Sozialdemokrat Franz Müntefering für Finanzinvestoren in den 2000er Jahren prägte – in den Niederlanden verwendete übrigens wenig später der christdemokratische Wirtschaftsminister Joop Wijn den gleichen Begriff („sprinkhanen“). „Ich finde, bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen spielt dieses ganze Heuschreckenthema in der Politik kaum noch eine Rolle“, sagt Hinrichs. Vielmehr habe sich Private Equity als alternative Geldquelle festgesetzt: „Ich glaube, dass es sich bei Beteiligungsfinanzierung um eine Finanzierungsform handelt, die sich hier in den letzten zehn Jahren viel stärker im Markt etabliert hat. Und auch an Image gewonnen hat.“ Natürlich gebe es noch Berührungsängste, auch in der Industrie. Aber heutzutage suchten Wirtschaftsunternehmen und Verbände die Kooperation, Familiengesellschaften ebenso wie große Unternehmen.

Positives Echo von Gewerkschaften

Ärger aber gibt es immer wieder – namentlich wenn Beteiligungsgesellschaften sanieren, aber auch in den weniger spektakulären Fällen: wenn nach dem Eignerwechsel Tarifverträge oder anderweitig verankerte Arbeitnehmerstandards ausgehebelt werden. Andererseits berichten Gewerkschafter inzwischen öfters von positiven Erfahrungen mit Finanzinvestoren – und umgekehrt.
Manchmal wünschen sich Arbeitnehmervertreter ausdrücklich Private Equity, wenn denn ein Unternehmen schon verkauft werden muss – das war etwa beim Verkauf der Aufzugsparte Thyssen-Krupps der Fall. Ein Konkurrent aus der Branche kann nach einer Übernahme Überlappungen beseitigen, „Synergien heben“ und möglicherweise mehr Stellen streichen als ein Finanzinvestor, der das Unternehmen eigenständig erhält.

Private-Equity-Häuser betonen heute viel stärker, wie sie Unternehmen entwickeln – etwa durch die gerne zitierte Strategie des „buy and build“, mit der sie neue Marktführer schmieden. Klar ist allerdings auch: Auf dem Weg fallen immer beträchtliche Managementgebühren für die Private-Equity-Leute an, oft außerdem eine Gewinnbeteiligung bei der Veräußerung sowie Kosten für Berater. Irgendwo anders fehlt dieses Geld.

Nutzen Finanzinvestoren also oder schaden sie? Dazu wartete die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung im Januar mit den Ergebnissen einer Studie auf. Kernaussage: Beteiligungsgesellschaften als Eigentümer schwächen ihre Unternehmen tendenziell. „Schwache Beschäftigung, mehr Schulden, weniger Eigenkapital und daher ein höheres Insolvenzrisiko“ – resümiert die Stiftung. In den Jahren nach der Übernahme entwickelten sich Unternehmen unter Private-Equity-Ägide vergleichsweise schlecht. Vor allem Folge-Deals sind laut Studie problematisch: wenn also eine Beteiligungsgesellschaft ein Unternehmen nach einigen Jahren an eine andere weiterreicht.

Als Grundlage dienten Daten von Unternehmen in Deutschland, die 2013 durch eine Private-Equity-Gesellschaft übernommen wurden. Der Wissenschaftler Christoph Scheuplein vom Institut Arbeit und Technik (IAT) an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen/Bocholt/Recklinghausen zählte für jenes Jahr 156 Unternehmen und fand in 103 Fällen detaillierte Informationen über Geschäftsberichte und Unternehmensdatenbanken. Diesen Unternehmen stellte er vergleichbare Konkurrenten ohne Finanzinvestor im Hintergrund gegenüber – und analysierte, wie sich die Beschäftigung und Finanzlage entwickelten, und zwar in den zwei Jahren vor und in den Jahren nach der Übernahme bis 2017.

Beteiligungsgesellschaften finanzieren Übernahmen außer mit Eigenkapital aus ihren Fonds oft mit Krediten, die dann auf den Unternehmen lasten. Der Untersuchung zufolge wiesen Unternehmen vier Jahre nach dem Private-Equity-Einstieg durchschnittlich etwa 28 Prozent Eigenkapitalquote auf, gegenüber 42 Prozent der Vergleichsunternehmen.
Wechselten sie von einem Private-Equity-Haus zum nächsten, betrug die Quote 2017 im Durchschnitt rund 15 Prozent. Scheuplein sieht das als Beleg, dass „insbesondere ein wiederholter Verkauf an eine Private-Equity-Gesellschaft die Eigenkapitaldecke eines Unternehmens deutlich verringert“. Bis September 2019 hätten 14 der insgesamt 156 untersuchten Unternehmen Insolvenz angemeldet, prozentual deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft.

Die Branche war nicht erfreut. „Die haben uns noch einmal ein bisschen die Röte ins Gesicht getrieben“, sagt Hinrichs, mit leichtem Lachen. Sie wirft den Autoren eine verzerrte Sicht und methodische Mängel vor und stellt erwartungsgemäß Private Equity als nützlich für Unternehmen dar. Unterstützung erhält sie von der Beratungsgesellschaft Inverto, einer Einheit von Boston Consulting.

„Von wegen Heuschrecken“, lautet der Titel ihres Befundes. „Portfoliounternehmen erzielen höhere Umsätze und Gewinne als Vergleichsunternehmen.“ Sie schafften es, sich „deutlich besser zu entwickeln“, resümiert Inverto-Geschäftsführer Thibault Pucken. Seine Leute schauten sich zwischen 2014 und 2018 etwa 200 Portfoliounternehmen von Private Equity an und sortierten jene Unternehmen aus, die sich durch Zukäufe, Abspaltungen von Geschäftseinheiten oder aus anderen Gründen im Wesen veränderten.

Kosten entschlossen gesenkt

Übrig blieben 67 Portfoliounternehmen, die in ihrer organischen Entwicklung – also im eigentlichen Geschäft – bewertbar schienen. Sie kamen zum größten Teil aus Europa – besonders viele aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Frankreich – und stammten zu vier Fünfteln aus der Industriegüterproduktion wie Maschinen- und Anlagenbau, Luftfahrt sowie Prozessindustrie wie der Chemie- und Verpackungsbranche.

Das Ergebnis: Die Gesellschaften steigerten den Umsatz im Betrachtungszeitraum durchschnittlich um 28 Prozent, während Vergleichsunternehmen ohne Private-Equity-Hintergrund auf ein Plus von 13 Prozent kamen. Das operative Ergebnis (Ebitda) zog im Durchschnitt um 42 Prozent an, gegenüber 9 Prozent in der Vergleichsgruppe. Inverto führt das maßgeblich auf entschlossene Kostensenkung in den indirekten Bedarfen zurück, also im Einkauf von Waren und Dienstleistungen, welche die Unternehmen nicht selbst weiterverarbeiten: zum Beispiel IT-Ausstattung, Energie, Reinigungsdiensten und Büromaterial. Das kam Inverto zufolge auch den Belegschaften zugute. Portfoliounternehmen von Private Equity hätten mehr Arbeitsplätze geschaffen: Ihre Zahl wuchs demzufolge um 12 Prozent statt 9 Prozent in den Vergleichsunternehmen. Nur in Sanierungsfällen sinke die Mitarbeiteranzahl.

An einer groß angelegten Studie arbeitet momentan auch das Private-Equity-Haus DPE. „Mit aussagefähigen Ergebnissen rechnen wir nicht vor Ende Juli“, sagt ein Sprecher. Und der BVK initiierte im vergangenen Jahr selbst eine Untersuchung über Finanzinvestoren im Mittelstand, wie Hinrichs sagt. Dabei arbeitet der Verband mit dem Institut für Mittelstandsforschung (IfM) aus Bonn zusammen und analysiert Kennzahlen wie die Eigenkapitalquote, Mitarbeiterzahlen und Umsatz. Die Studienresultate sollen noch im Laufe des Jahres bekannt werden. „Wir veröffentlichen sie auch, wenn es nicht gut aussieht“, sagt Hinrichs lachend. „Aber ich bin optimistisch.“

Risikokapital wächst stark

Risikokapitalgesellschaften haben ihr Geschäft in Deutschland binnen eines Jahrzehnts deutlich ausgeweitet. Die mit Industriekonzernen verbundenen Fonds (Corporate Venture Capital, CVC) haben dabei zahlenmäßig besonders stark zugelegt. „Als ich vor zehn Jahren anfing, hatten wir auf unserer Liste fünfzehn relevante CVCs, die auch bei uns im Verband waren“, sagt Ulrike Hinrichs, Geschäftsführerin des Beteiligungsverbands BVK. „Heute haben wir eine Liste mit über 100.“ Diese Liste umfasst ein extrem breites Spektrum prominenter deutscher Konzerne: von Allianz und adidas über Boehringer Ingelheim und Covestro bis zur Deutschen Bahn und Heraeus. Venture-Capital-Investitionen insgesamt haben sich in Deutschland binnen sieben Jahren mehr als verdoppelt: von 722 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 1,85 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

 

F.A.Z., 04.05.2021, Unternehmen (Wirtschaft), Seite 18 – Ausgabe D1, D2, D3N, R0, R1 – 1197 Wörter

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