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29.01.2019 – Handelsblatt: Firmen ringen um Zukunftsrohstoffe

Viele Unternehmen fürchten steigende Preise für High-Tech-Materialien. Bei der Versorgung verlassen sie sich daher nicht mehr allein auf Rohstofflieferanten.

Henrik Fisker ist ein Grandseigneur des Automobildesigns. Er hat Sportwagen für BMW und Aston Martin gezeichnet, auch Teslas Model S basiert auf den Entwürfen des Norwegers. Doch kürzlich hat Fisker einen Job übernommen, der für einen Designer ungewöhnlich ist: ein Mandat im Aufsichtsrat von First Cobalt, einem Unternehmen, das Kobaltminen in Kanada entwickeln will.

Für Fisker, der mit einem nach ihm benannten Start-up bald ein eigenes Elektroauto auf den Markt bringen will, ist das ein logischer Schritt: „Wer wirklich grüne E-Autos bauen will, muss sich die Versorgung mit Rohstoffen frühzeitig sichern.“ Das haben längst auch die großen deutschen Autobauer erkannt: VW etwa hat sich in einem Deal mit dem Rohstoffriesen Glencore die Lieferung von Kobalt über fünf Jahre gesichert. Und BMW unterstützt die Entwicklungsorganisation GIZ dabei, eine nachhaltige Kobaltmine im Kongo aufzubauen. Denn Kobalt ist ebenso wie Lithium für die Herstellung der Batterien für E-Autos essenziell.

In der Branche findet ein Umdenken statt. Statt die Rohstoffversorgung den Batteriezulieferern zu überlassen, sichern sich die großen Autobauer den Zugriff auf die Schlüsselmaterialien selbst. Die strategische Bedeutung von Kobalt, Lithium und Co. ist zu wichtig, um sie den asiatischen Batterieherstellern zu überlassen. Das bestätigt auch Stefan Eitel, Experte für Minenfinanzierung bei der KfW-Ipex-Bank. „Wir sehen, dass sich die Industrieunternehmen insbesondere bei den High-Tech-Rohstoffen kümmern wie nie.“ Selbst direkte Beteiligungen an einzelnen Minen – früher undenkbar – würden umgesetzt. „Da findet ein Bewusstseinswandel statt“, sagt Eitel.

Wie wichtig es für viele Unternehmen mittlerweile ist, sich um den Nachschub mit für die Produktion wichtigen Rohstoffen zu kümmern, zeigt auch eine Studie, die das Beratungsunternehmen Inverto in Kooperation mit dem Handelsblatt durchgeführt hat. Dafür hat Inverto mehr als hundert Geschäftsführer und Entscheider von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen befragt. Demnach erwarten 71 Prozent der Befragten, dass Schwankungen bei den Rohstoffpreisen das Jahresergebnis des eigenen Unternehmens maßgeblich beeinflussen. 58 Prozent der Unternehmenslenker befürchten, dass mangelnder Nachschub einen Effekt auf das Ergebnis hat.

Steigende Rohstoffpreise

Auffällig ist auch, wie sehr sich die Wahrnehmung der Entscheider seit 2016 verschoben hat. Damals hielten nur 18 Prozent die Verfügbarkeit von Rohstoffen für einen wichtigen Einflussfaktor für das Jahresergebnis – seither hat sich der Anteil verdreifacht. „Wir sehen eine starke Verschiebung – weg von Absatzrisiken, hin zu Risiken bei der Beschaffung von Rohstoffen“, sagt Lars-Peter Häfele, Inverto-Berater und einer der Autoren der Studie. Besonders die Versorgung mit Spezialrohstoffen wie Lithium, Kobalt oder Seltenen Erden sei gefährdet, so Häfele. Doch auch die stark schwankenden Preise seien ein Risiko. „Plötzlich steigende Rohstoffkosten können Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten bringen.“

Tatsächlich erwarten 93 Prozent der Befragten, dass die Rohstoffpreise unter anderem wegen des Handelskonflikts zwischen den USA und China steigen. Dennoch treffen Verantwortliche nur wenige Vorkehrungen, sich etwa durch Hedging gegen steigende Preise abzusichern. 73 Prozent der Befragten sichern sich zu maximal zehn Prozent des Werts der benötigten Rohstoffe ab. „Viele Firmen halten Hedging auch für Spekulation“, sagt Häfele. „Dabei ist es Spekulation, sich nicht durch Hedging abzusichern. Es ist schon dramatisch, wie falsch das von vielen Unternehmen eingeschätzt wird“, kritisiert er.

Früher konnten sich die Unternehmen über lang laufende Lieferverträge gegen kurzfristige Preisspitzen absichern. Doch das gelingt immer seltener, zeigt die Inverto-Studie. Der Anteil der Befragten, der längerfristige Festpreisvereinbarungen mit den Rohstofflieferanten aushandeln konnte, sank von 59 Prozent im Vorjahr auf 40 Prozent. Auch KfW-Ipex-Experte Eitel hält langfristige Liefer-Deals für ein Relikt der Vergangenheit: „Ich bin sehr skeptisch, dass das in Zukunft noch funktioniert.“ Die deutsche Industrie hinke beim Thema Versorgungssicherheit hinterher. „Da muss etwas passieren. Das Thema ist viel zu spät angegangen worden“, kritisiert Eitel.

E-Auto-Entrepreneur Fisker setzt bei seinem Engagement beim Minenentwickler First Cobalt auf Kobalt-Vorkommen außerhalb des Kongos. In dem afrikanischen Land lagern mehr als 60 Prozent des weltweiten Vorkommens. Doch die Arbeitsbedingungen in kongolesischen Minen sind katastrophal. „Wir brauchen Alternativen zum Kobalt aus dem Kongo“, mahnt Fisker. Angesichts der strategischen Bedeutung der High-Tech-Rohstoffe ist es möglich, dass deutsche Automanager es Fisker gleichtun – und sich künftig direkt bei den Minenkonzernen einmischen.

Autor: Jakob Blume, Frankfurt
Erschienen im Handelsblatt, Dienstag, 29. Januar 2019, Nr. 20
www.handelsblatt.com
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