FAZ - Hamsterkäufe in der Industrie

Die Lieferketten sind zum Zerreißen gespannt. Das lässt ein Grundprinzip moderner Fertigung wanken.

Die Nachfrage geht durch die Decke, die Auftragsbücher sind bis zur letzten Seite gefüllt, der Maschinenpark in den Fabriken voll ausgelastet – und die Lieferketten bis zum Zerreißen gespannt. Ob beim Halbleiterproduzenten, Antennen- und Schaltschrankhersteller oder Batteriebauer, überall zeigt sich das gleiche Bild. Ein Ende ist nicht abzusehen, sagt Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des Verbandes der Elektro- und Digitalindustrie in Deutschland, ZVEI. Im Gegenteil.

Drei Viertel der Mitgliedsunternehmen des Verbandes erklärten in einer an diesem Montag vorgestellten Umfrage, dass sich die Lage der Lieferketten derzeit wieder verschärfe, ein Drittel nennt diese Verschärfung sogar „deutlich“. Fast die Hälfte der Firmen erwartet, dass die aktuelle Situation bis Mitte 2022 andauern werde; die andere Hälfte gibt nicht etwa Entwarnung, sie geht vielmehr davon aus, dass sich die Lage auch über die Mitte des kommenden Jahres hinaus nicht entspanne.

Viele Unternehmen steuern bereits um. So gehen Autohersteller wie BMW und Stellantis langfristige Exklusivverträge mit Chipherstellern ein, um die eigene Versorgung langfristig abzusichern. Volkswagen will mittelfristig gar seine eigenen Chips entwerfen. Der Pharmakonzern Merck geht mit dem Datenspezialist Palantir daran, ein Datenbanksystem aufzubauen, um Schwachstellen in den Lieferketten der Chipindustrie früh erkennen und rechtzeitig beheben zu können.

Treiben doch die Aussichten nach einer weiterhin angespannten Lage vielen Kunden die Sorgenfalten tief auf die Stirn: Auto- und Maschinenbauern, Chemie- und Pharmakonzernen. Denn die Elektro- und Digitalindustrie ist einer der Schlüsselbereiche der deutschen Wirtschaft. Mit landesweit 900 000 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von mehr als 180 Milliarden Euro ist die im ZVEI gebündelte Branche gemessen an den Beschäftigten einer der größten Industriezweige Deutschlands.

Schlüsselbranche schlägt Alarm

Darüber hinaus beschäftigen die Mitgliedsunternehmen des Verbandes weitere knapp 800 000 Mitarbeiter im Ausland. So ist die Wertschöpfung dieser Industrie weltweit aufgestellt und global gut vernetzt. Im Jahr investieren die hiesigen Unternehmen knapp 20 Milliarden Euro allein in Forschung und Entwicklung. Damit ist die Elektro- und Digitalindustrie einer der Innovationstreiber in der deutschen Wirtschaft. Wenn es hier in den Lieferketten knirscht, ist das in allen Branchen zu spüren – und das hat Folgen.

Ein Grund für die sich wieder verschärfende Lage seien unter anderem überzeichnete Bestellungen, sagt Weber. Viele Kunden bestellten mehr, als sie eigentlich brauchten. Mit anderen Worten: Hamsterkäufe. „Etwa die Hälfte unserer Mitgliedsunternehmen nimmt wahr, dass ihre Kunden mehr ordern, als benötigt wird. Ein Sechstel sogar in hohem Maße“, sagt Weber. „Aber nicht nur die Kunden verhalten sich so. Auch zwei Drittel der Unternehmen der Elektro- und Digitalindustrie sehen sich zu mehr Bestellungen gezwungen, um Knappheiten möglichst vermeiden zu können.“

Um sich für Engpässe besser zu wappnen, setzen 70 Prozent der vom ZVEI befragten Unternehmen auf eine Diversifizierung ihrer Lieferketten; knapp die Hälfte der Firmen nimmt langfristigere Lieferverträge ins Visier; 65 Prozent wollen mehr auf Bevorratung setzen. So liegt Lagerhaltung im größeren Stil wieder im Trend. Damit aber wankt ein Pfeiler moderner Produktionsprozesse: die Just-in-Time-Fertigung.
Die in den Sechzigerjahren von Taiichi Ohno entwickelte und in den Siebzigerjahren in den Fabriken des japanischen Autobauers Toyota eingeführte Methode hat die Lagerhaltung so weit wie möglich zurückgefahren. Bestellt wird bei Zulieferern ein Teil nur dann, wenn es umgehend verbaut wird. So werden Lieferketten faktisch auf Zuruf geknüpft und die Lagerhaltung verringert. Das setzte sich vor allem in der Autobranche durch. Diese von der Wissenschaft auch produktionsorientierte Bedarfssynchronisierung genannte Verschlankung gilt als effizient und spart Geld, hat aber auch Nachteile – und die sind in der Pandemie offen zutage getreten.

Kann sich eine Lieferkette doch mittlerweile über den gesamten Globus erstrecken, schreibt Ken Eakin, Autor des Buches „Office Lean“. Je länger diese Kette ist, desto anfälliger wird sie. Peking schließt coronabedingt einen der großen Häfen des Landes – und Fabriken in aller Welt gehen die Vorprodukte „Made in China“ aus; ein Frachter bleibt im Suezkanal stecken, und europäische Betriebe fahren die Produktion zurück, da Lieferungen aus Fernost im Stau stehen; in Texas fallen Halbleiterfabriken aus, und der Welt mangelt es an Chips.

So kann die Autobranche Millionen von Fahrzeugen nicht bauen, da sie nicht genügend Chips hat. Sensoren und Prozessoren sind zwar winzig, aber auch so kompliziert, dass sie sich nicht über Nacht herstellen und nachliefern lassen. Denn ihre Entwicklung kann bis zu zwei Jahre dauern, die Fertigung bis zu neun Monate. Einmal gekappte Produktionsprozesse lassen sich nicht rasch flicken.
Darüber hinaus sind Lieferketten in der Elektroindustrie nicht nur vielgliedrig, sondern auch kompliziert. Sie hängen von seltenen Materialien und komplexen Prozessen ab. So sind für die Fertigung eines Sensors oft Hunderte Materialien wie Kupfer, Zinn, Kobalt, Reinstsilizium oder Salzsäure und Tausende Arbeitsschritte notwendig. Eine Lieferkette in der Chipbranche kann bis zu 16 000 Unternehmen umfassen. Fällt eine Firma aus, gibt es ein Problem.

Stresstest für Lieferketten

Auf dem G-7-Gipfel im Juni kam daher der Plan auf, ähnlich wie in der Bankenbranche auch Lieferketten in Schlüsselindustrien einem Stresstest zu unterziehen. Das Thema steht in Brüssel, Washington, Peking und Tokio ganz oben auf der Agenda. So orientieren sich viele Firmen schon um: Sie verkürzen ihre Lieferketten und praktizieren das sogenannte Nearshoring. Das ist nach den Worten von Thibault Pucken, Managing Director und Experte für Lieferketten beim Unternehmensberater Inverto, im Zuge der Pandemie vor allem für Konsumgüterhersteller wichtig geworden.

„Lange galt es als Selbstverständlichkeit, dass Elektronikartikel nicht mehr in Europa gefertigt werden können – zu teuer, zu wenig Kapazität, nicht mehr das richtige Know-how“, schreibt er in einer E-Mail. Dabei werde Industrieelektronik nach wie vor in Deutschland produziert. Das sei zwar nicht gerade preiswert, aber flexibler und schneller. Daher setze bei vielen Anbietern vor allem von Konsumelektronik nun ein Umdenken ein. Sie rückten bei der Herstellung von Vorprodukten wieder Standorte in Osteuropa und der Türkei in ihr Blickfeld.

„Momentan aber klemmt es in fast jeder Ecke“, sagt Weber vom ZVEI. Und das kostet Geld. Nachdem die Elektro- und Digitalbranche in Deutschland 2020 fast 6 Prozent schrumpfte, legte sie 2021 ersten Schätzungen zufolge rund 8 Prozent zu. Auch hält der Verband an dieser Prognose vom Sommer nach wie vor fest. Unternehmen aber schätzen, dass das Wachstum der Branche ohne die Lieferkettenschwierigkeiten bis zu zwei Prozentpunkte hätte höher ausfallen können, das entspricht 4 Milliarden Euro.

Autor: Stephan Finsterbusch
Quelle: F.A.Z., 13.12.2021, Unternehmen (Wirtschaft), Seite 22
https://www.faz.net/aktuell/
Alle Rechte vorbehalten: (c) Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

 

Melanie Burkard-Pispers

Head of Marketing & Communication

melanie.burkard@inverto.com Kontakt

Ina Ullrich

Press Relations Manager

ina.ullrich@inverto.com Kontakt