F.A.Z. - Finanzinvestoren - hui oder pfui?

Branche will ihren positiven Einfluss auf Beschäftigung und Geschäfte beweisen / Böckler-Studie hält dagegen

Nützen Finanzinvestoren Unternehmen, oder schaden sie ihnen? Gegner von Private Equity argumentieren, die Eigentümer auf Zeit zehrten die Unternehmen aus. Befürworter und die Investoren selbst machen im Gegenteil geltend, Beteiligungshäuser förderten die wirtschaftliche Entwicklung. Mit harten Fakten sind beide Standpunkte schwierig zu belegen – oder präziser: beide lassen sich belegen. Wie meistens kommen unterschiedliche Studien zu divergierenden Ergebnissen.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung präsentierte im Januar eine kritische Studie, wonach Private Equity als Eigentümer tendenziell zu einer schwächeren Beschäftigtenentwicklung führt, zu höheren Schulden und weniger Eigenkapital. Dem widersprach der Interessenverband der Branche schon damals, und er legt jetzt konträre Daten vor, jedenfalls für Unternehmen des Mittelstands. Der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) ließ das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) die Lage in diesem Segment analysieren. Es untersuchte, wie sich Unternehmen in Private-Equity-Besitz im Vergleich mit einer Kontrollgruppe entwickelten. Ergebnis der Studie, die der F.A.Z. vorab vorliegt: positiv. Umsatz, Beschäftigtenzahl und Investitionen stiegen demnach stärker als in vergleichbaren Unternehmen ohne Private Equity im Hintergrund, die Eigenkapitalquote lag über jener der Vergleichsgruppe.

Die Untersuchung ist keine Reaktion auf jene der Hans-Böckler-Stiftung: Der BVK hatte sie schon im vergangenen Jahr initiiert (F.A.Z. vom 4. Mai). Geschäftsführerin Ulrike Hinrichs versicherte, die Resultate würden so oder so bekannt gegeben – auch wenn sie wider Erwarten nicht gut aussähen.
Studienleiter Jonas Löher wertete Unternehmen aus, an denen sich zwischen 2014 und 2016 Beteiligungsgesellschaften mehrheitlich oder mit einer Minderheit beteiligten. Grundlage waren die Jahresabschlusskennzahlen von 92 Portfoliounternehmen, sie wurden mit einer charakteristischen Kontrollgruppe von ebenfalls 92 ähnlichen Unternehmen verglichen, und zwar im Jahr der Übernahme und den drei Folgejahren.
Die Beschäftigung stieg demzufolge unter Private-Equity-Ägide um etwa 13 Prozent, während sie in der Vergleichsgruppe um 1 Prozent gewachsen sei und allgemein die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter um knapp 7 Prozent zugelegt habe. Das Anlagevermögen stieg dem Befund zufolge um durchschnittlich 17 Prozent, während es in der Vergleichsgruppe um 5 Prozent sank. Der Umsatz zog durchschnittlich um gut ein Fünftel an, verglichen mit einem Plus von 13 Prozent in der Kontrollgruppe. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote bewegte sich während des Vergleichszeitraums zwischen 29 und 31 Prozent gegenüber 24 bis 28 Prozent in den Vergleichsunternehmen. Allerdings stieg der Verschuldungsgrad nach dem Einstieg. „Angesichts der Niedrigzinssituation auf den Kapitalmärkten ist dies nicht verwunderlich. Der deutsche Mittelstand nutzt die günstige Finanzierungsoption und investiert in die Zukunft“, sagt BVK-Vorstandssprecher Frank Hüther, hauptberuflich Geschäftsführer von Abacus Alpha. Er konstatiert: „Ob Nachfolgeregelung, Gesellschafterwechsel, Unternehmenswachstum oder Eigenkapitalstärkung – es gibt viele Gründe für Mittelständler, mit einer Beteiligungsgesellschaft auf Erfolgskurs zu gehen.“

Wie kommen die Unterschiede zu den Resultaten der Hans-Böckler-Stiftung zustande? Dafür können die Investoren keine Erklärung anbieten. „Mich haben die Ergebnisse der IfM-Studie nicht überrascht“, sagt BVK-Vorstandsmitglied Robert Hennigs vom Private-Equity-Haus Finatem. „Ich habe mich eher gewundert, was bei der Hans-Böckler-Stiftung herausgekommen ist.“
Im Jahr 2020 investierten Beteiligungsgesellschaften nach Verbandsangaben 14,8 Milliarden Euro Eigenkapital in mehr als tausend deutsche Unternehmen, den Großteil in kleine und mittlere Unternehmen; neun von zehn beschäftigten weniger als 500 Mitarbeiter.

Im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung hatte der Wissenschaftler Christoph Scheuplein vom Institut Arbeit und Technik (IAT) an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen/Bocholt/Recklinghausen Daten von Unternehmen in Deutschland ausgewertet, die 2013 durch eine Beteiligungsgesellschaft übernommen wurden. In 103 Fällen fanden sich über Geschäftsberichte und Unternehmensdatenbanken detaillierte Informationen. Dem stellte er vergleichbare Konkurrenten ohne Private-Equity-Hintergrund gegenüber und untersuchte, wie sich die Stellenzahl und Finanzen jeweils entwickelten: in den zwei Jahren vor und in den Jahren nach der Übernahme bis 2017. Beteiligungsgesellschaften finanzieren Übernahmen in der Regel zu einem erheblichen Teil mit Krediten, die dann auf den Unternehmen lasten. Laut Analyse wiesen Unternehmen vier Jahre nach der Übernahme durchschnittlich etwa 28 Prozent Eigenkapitalquote auf, versus 42 Prozent der Vergleichsunternehmen. Vor allem Folgedeals von einem Private-Equity-Haus zum nächsten sind nach dieser Studie problematisch zu sehen: In solchen Unternehmen betrug die Quote 2017 im Durchschnitt rund 15 Prozent. Bis September 2019 hätten 14 der 156 untersuchten Unternehmen Insolvenz angemeldet, prozentual deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft.

Rückenwind bekam die Branche hingegen von der Beratungsgesellschaft Boston Consulting und deren Einheit Inverto. Sie schauten sich zwischen 2014 und 2018 etwa 200 von Finanzinvestoren gehaltene Unternehmen an und sortierten jene Unternehmen aus, die sich durch Zukäufe, Abspaltungen von Geschäftseinheiten oder aus anderen Gründen im Wesen veränderten. Übrig blieben 67 Portfoliounternehmen, die in ihrer organischen Entwicklung bewertbar schienen. Sie steigerten der Studie zufolge den Umsatz im Betrachtungszeitraum durchschnittlich um 28 Prozent, während Vergleichsunternehmen ohne Private-Equity-Hintergrund auf ein Plus von 13 Prozent kamen. Das operative Ergebnis (Ebitda) zog im Durchschnitt um 42 Prozent an, gegenüber 9 Prozent in der Vergleichsgruppe. Die Belegschaften wuchsen überproportional.
Weitere Erkenntnisse wollte das Private-Equity-Haus DPE in einer groß angelegten Studie gewinnen: Die Ergebnisse sollten irgendwann ab Ende Juli publiziert werden. Die Untersuchung ist suspendiert, wie es auf Nachfrage heißt. Ob sie nachgeholt wird, ist noch ungewiss.

Autor: Klaus Max Smolka
Quelle: F.A.Z. vom 14.10.2021
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