Telefonnummer

+49 221 485 687 0

Suche

Sprache wählen

deDeutsch
Headergrafik

14.07.18 – DIE WELT: Ausgewaschen

Dank der Digitalisierung können Textilfirmen plötzlich viel chemieärmer produzieren. Für Schwellenländer ist das nicht nur eine gute Nachricht

Die Jeans auf dem Produktionstisch sieht jungfräulich aus, fabrikneu. Noch. Da blitzt ein gleißend helles Licht auf, ein Laserstrahl huscht über das Gewebe. Rauchwölkchen kräuseln sich. Zurück bleibt eine scheinbar ausgewaschene Jeans im beliebten „Stonewashed“-Look. Kaum mehr als eine Minute dauert die Prozedur. „Früher waren für die Endbearbeitung viele arbeitsintensive Schritte nötig, ungefähr 18 bis 20“, sagt Levi’s Technik-Entwicklungschef Bart Sights. „Jetzt sind es noch drei.“

Was der amerikanische Textilproduzent Levi Strauss & Co in seinen kalifornischen Hallen per Video präsentiert, vergleichen Experten mit einer zweiten Erfindung der Jeans. Die Digitalisierung des textilen Shabby Chic – erstmals möglich durch die Laser-Technologie – ist eine Revolution in Sachen Flexibilität, Kosteneffizienz und Umweltverträglichkeit im Vergleich zur bisherigen Praxis der Bearbeitung in Hinterhöfen und Sweatshops in Bangladesch, China oder Vietnam. Doch die Revolution vernichtet zugleich Zehntausende von Jobs in der Textilindustrie der Schwellenländer. Der Umbruch ist bereits voll im Gange. Bis 2020 will Levi’s, einer der größten Jeans-Produzenten der Welt, seine komplette Produktion auf seine sogenannte FLX-Technologie umstellen.

Das dürfte erst der Anfang sein, denn der digitale Wandel könnte eine Automatisierung weiterer arbeitsintensiver Schritte bei der Herstellung von Bekleidung ermöglichen, etwa Nähen, Bügeln oder Verpacken. Menschliche Arbeit, so der Wirtschaftswissenschaftler Robert Kappel, wird in der Branche durch kapitalintensive Maschinen ersetzt. Die Folgen werden für Produktionsstrukturen und Konsumenten so massiv sein wie zuletzt die Erfindung des Webstuhls vor 200 Jahren: Lohnkosten rücken künftig bei Standort-Entscheidungen der Unternehmen in den Hintergrund.

Schwellenländer verlieren damit ihren entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Wichtiger werden Kriterien wie Stabilität, Infrastruktur, Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften und Marktnähe. „Der Fortschritt in der Produktionstechnik ist so groß, dass der Weg für viele Unternehmen zurück nach Europa geht“, beobachtet Kappel, früher Präsident des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien (GIGA). Bulgarien, Rumänien und einige Mittelmeerländer profitierten bereits von dem Trend.

Fünf Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch mit 1134 Toten und Tausenden Verletzten stellt sich die Frage, wie viele der oft prekären und schlecht bezahlten Jobs in den Fabriken, die die Welt bisher mit Kleidung versorgen, weiterhin existieren werden. Zu eindeutig sind die Vorteile der neuen Automatisierungswelle, Beispiel FLX. „Zur Bearbeitung einer Jeans braucht der Laser nur 90 Sekunden, während eine Arbeiterin oder ein Arbeiter 20 Minuten damit beschäftigt ist“, sagt Kiran Mazumdar, Geschäftsführer und Textil-Experte der internationalen Beratungsfirma Inverto. Obwohl die Anschaffung der Maschinen mindestens sechsstellige Beträge koste, werde die Bearbeitung pro Jeans gerechnet so billiger als in den billigsten Niedriglohnländern.

Der Laser ist zudem genauer. Er kann die modischen Löcher, Schrunden und Schrammen scheinbar zufällig, in Wirklichkeit aber nach exakten Vorgaben ins Beinkleid einbringen – eine Datei aus der Designabteilung reicht. Auf der anderen Seite ist das modische Verschrammeln trotz Standardisierung grenzenlos flexibel bis hin zur Möglichkeit der totalen Individualisierung: Hier noch ein Löchlein, dort eine fadenscheinige Stelle, alles nach Wunsch. Teure Jeans könnten so quasi um die Ecke „verfeinert“ produziert werden, gleichsam als „Denim on Demand“. Im Massenmarkt verkürzt sich die Entwicklungszeit neuer Modelle von einigen Monaten auf wenige Wochen. Dabei ist die Popularität der blauen Hosen ungebrochen. Seit 2006 schnellte die Zahl der verkauften Jeans in Deutschland um 50 Prozent auf 128 Millionen jährlich hoch.

Zu den wirtschaftlichen Vorteilen kommen ökologische. Der Laser benötigt bloß ein bisschen Strom, doch weder Rohstoffe noch Chemie. Der Wasserverbrauch bei der Herstellung sinkt um 1000 Liter – pro Jeans. Heute werden die Hosen in der Regel tatsächlich mit Steinen gewaschen, mit Bürsten, Raspeln und Rasierklingen bearbeitet, bis sie den Vorlagen entsprechen – eine Plackerei. Gefürchtet ist das chemische Bleichmittel Kaliumpermanganat, gegen das sich nicht nur Greenpeace in seiner „Detox“-Kampagne für giftfreie Kleidung wendet.

Nicht nur Levi’s arbeitet an Techniken, Texil-Oberflächen mit gebündelten Lichtstrahlen zu verändern. Laut Mazumdar ist der Laser noch nicht die beherrschende Technologie in der Endbearbeitung von Jeans. Aber ihr Anteil steige rasant. „Das Finishing in irgendwelchen Hinterhöfen wird in drei bis fünf Jahren weitgehend wegfallen“, sagt er voraus. Firmen auf den Endverbrauchermärkten wie Deutschland nutzen die Chemiefreiheit bereits als Marketing-Argument. Der Berater weiß von einem deutschen Großhändler, der seinen Lieferanten die verbindliche Vorgabe gemacht habe, keine schädlichen Stoffe mehr zu verwenden. Heißt im Umkehrschluss: Laserbearbeitung oder Ende der Geschäftsbeziehung.

Tausende kleinerer und mittlerer Firmen in wichtigen Lieferländern wie Bangladesch, Indien oder Pakistan stellt die Entwicklung vor kaum lösbare Herausforderungen. Viele werden nicht in der Lage sein, die Investition in eine Lasermaschine zu stemmen. Zumindest müssen sie um ihre Wettbewerbsfähigkeit kämpfen. Zehntausende Beschäftige, die jetzt unter prekären Bedingungen zu Hungerlöhnen bezahlt werden, könnten ihre Arbeit ganz verlieren. Das ist, folgt man Wirtschaftswissenschaftlern, ein herber Schlag für die Bevölkerung in den Schwellenländern. „Lob der billigen Arbeit: Schlechte Jobs zu schlechten Löhnen sind besser als überhaupt keine Arbeitsplätze“, überschrieb der amerikanische StarÖkonom Paul Krugman einen Aufsatz über die als Ausbeuter kritisierten Sweatshops. Die Alternativen seien noch übler: Betteln, Prostitution, sklavenähnliche Umstände.

Organisationen in Deutschland sehen in der neuen Textiltechnik-Revolution aber auch eine Chance. Die Fabrikbesitzer benötigten nun besser qualifizierte und somit höher bezahlte Mitarbeiter, sagt Isabell Ullrich, Referentin für ethischen Konsum bei der Christlichen Initiative Romero: „Für die Lasertechnologie braucht man Fachpersonal. Bildung ist der Schlüssel dazu.“ Es sei jedenfalls keine Lösung, die Menschen unter den heutigen Bedingungen einfach weiter zu beschäftigen. Greenpeace Deutschland geht noch weiter. Die Modekonzerne hätten Fortschritte beim Ausstieg aus gefährlichen Chemikalien gemacht, sagte Geschäftsführerin Sweelin Heuss WELT. Jetzt müsse es Einschränkungen beim Konsum geben: „Die enorme Materialschlacht beim stetigen Kauf neuer Textilien kann niemals nachhaltig sein, egal auf wie viele Chemikalien die Unternehmen verzichten“, sagte sie: „Wir müssen den Überkonsum selbst in Frage stellen.“ Die Jobs in den Lieferländern hat sie dabei eher nicht im Blick.

 

Erschienen in der Tageszeitung DIE WELT am 14.07.2018
Autor: Michael Gassmann
www.welt.de

 

  • Köln
  • Kopenhagen
  • London
  • München
  • Shanghai
  • Wien

We deliver results.