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19/06 – Cash.Special: Handeln in protektionistischen Zeiten

Politiker aus den USA und der Europäischen Union (EU) verhandeln über die amerikanischen Strafzölle. Zu unberechenbar ist Präsident Donald Trump, als dass Europa sich auf einen guten Ausgang der Gespräche verlassen könnte. Unternehmen und Anleger sollten jetzt vorsorgen.

Die Globalisierung war jahrelang eine der treibenden Kräfte für weltweites Wachstum. Eine Grundlage dafür war, dass Staaten auf Maßnahmen wie Zölle verzichteten und so den weltweiten Fluss von Waren verstärkten. Wenn Nationen jetzt wieder Handelsbarrieren errichten, tun sie das wider besseres Wissen: Langfristig lassen Zölle die Preise steigen und den Wohlstand damit sinken. Dieser Mechanismus ist historisch gut belegt. Dass die Börsen seit Beginn der Diskussion um Handelsbarrieren ins Schlingern geraten sind, zeigt, dass die meisten Investoren genau das erwarten.

Doch Donald Trump ist mit der Idee nicht allein. Chinas Politik ist schon lange protektionistisch. In einigen Ländern Europas fordern Populisten erfolgreich Abschottung. Das Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA), das Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen der EU und Kanada, ließ sich nur mit Mühe durchsetzen. Und die Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP), das amerikanisch-europäische Abkommen wurde auf Eis gelegt, als noch Obama regierte.

Die Ungerechtigkeit, mit der Trump seine Zölle auf Stahl (25 Prozent) und Aluminium (zehn Prozent) begründet, besteht allerdings: Die Europäische Union erhebt mehr und höhere Zölle auf amerikanische Waren als umgekehrt. Im Verhältnis zwischen China und den USA ist es ebenso. Darüber hinaus mussten ausländische Unternehmen, die dort investieren wollen, ihre Technologien bisher mit chinesischen Partnern teilen. Umgekehrt schützt China ausländische Patente nicht immer ausreichend.

Die seit Ende März unter anderem für China geltenden Strafzölle werden zunächst in den USA und Europa unterschiedliche Effekte haben: Preissteigerungen für beide Metalle in den USA sind gewiss. Europa hingegen kann zunächst in einigen Bereichen mit fallenden Preisen rechnen, da jetzt mehr außereuropäische Anbieter auf der Suche nach neuen Kunden auf den Markt drängen. Für die Abnehmer ist das zunächst positiv. Unabhängig von diesem Sondereffekt werden die Zölle der Konjunktur jedoch einen Dämpfer versetzen und langfristig zu steigenden Preisen führen. In der Inverto-Rohstoffstudie vom September 2017 zeigten sich 70 Prozent der Teilnehmer beunruhigt wegen der steigenden Rohstoffpreise.

Unterschieden werden muss zwischen Standard- und Spezialmetallen. Vor Investitionen in der metallproduzierenden sowie -verarbeitenden Industrie sollten Anleger daher einen genauen Blick auf die Produktportfolios werfen. Die Standardprodukte können in den USA aus heimischer Produktion ersetzt werden – folglich werden überwiegend die Standardstähle in Europa günstiger. Lieferanten von Spezialstählen hingegen können weiterhin in die USA verkaufen, weil sich diese Qualitäten nicht leicht ersetzen lassen. Ob der Zollaufschlag dabei vom Produzenten, vom Abnehmer oder beiden gezahlt wird, ist dabei eine Frage der jeweiligen Verhandlungsposition.

Unternehmen und Anleger sollten sich nicht darauf verlassen, dass sich der Zollkonflikt schnell lösen lässt. Das gilt nicht nur für Industrien, die Stahl und Aluminium benötigen, sondern auch für andere Firmen, die außereuropäische Rohstoffe oder Vorprodukte beziehen. Selbst wenn sich Europa und Amerika als langjährige Partner am Ende einigen, kann es sein, dass durch Trumps Vorstoß weltweit mehr Zollschranken errichtet werden und sich die Warenströme und -preise dadurch verändern. Südkorea etwa musste bereits den Forderungen der USA nachgeben. Zudem zeigt der Streit, wie schnell sich selbst jahrzehntelang stabile wirtschaftspolitische Bedingungen wandeln können.

Daher sollten Einkäufer jetzt ihre Lieferketten überprüfen, um mögliche Preis- und Versorgungsrisiken zu identifizieren. Für Güter, die von Anbietern außerhalb der EU geliefert und auf die möglicherweise Strafzölle erhoben werden, sollten Alternativen gesucht werden. Dazu gehört auch, Lieferanten aus heimatnahen Märkten anzusprechen und sich die benötigten Kapazitäten zu sichern. Die Renditen von Investitionen in europäische Lieferanten können daher steigen.

Zusätzlich sollte der Einkauf mit den Fach- sowie Entwicklungsabteilungen klären, welche Rohstoffe sich durch andere Materialien ersetzen lassen und ab welchem Preis eine Substitution ökonomisch sinnvoll ist. Auch hier gilt es, möglichst heimatnah geeignete Anbieter zu finden, Kontakte aufzubauen und Prozesse wie etwa Bemusterung oder Tests anzustoßen. Sollte der aktuelle Streit eine Spirale des Protektionismus in Gang setzen, werden der weltweite Handel und infolgedessen auch die Finanzmärkte massiv gestört. Ob die Politiker für die Langzeitschäden ihrer Entscheidungen zur Verantwortung gezogen werden, ist indes fraglich: Wirtschaftliche Entwicklungen brauchen oft länger als eine Legislaturperiode.

 

Autor Dr. Markus Bergauer ist Mitgründer und Managing Director der Unternehmensberatung Inverto. Unter anderem ist er Experte für das Sourcing von Rohstoffen.

Erschienen im Cash.Special Investmentfonds 2018
www.cash-online.de

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