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Anpassung der EU-Zuckermarktordnung:
Zukünftige Bedarfsdeckung am Weltmarkt erfordert neue Strategien im Zuckereinkauf

Für die Zuckerindustrie in Europa brechen neue Zeiten an. Denn mit dem Ende des Quotensystems öffnet sich ab Oktober der Markt: Die gewohnte Planungssicherheit bezüglich Produktionsmengen und Preisen entfällt. Wie wird der Markt auf diese Veränderungen reagieren? Und welche neuen Anforderungen ergeben sich daraus für Einkäufer der Zucker verarbeitenden Industrie?

Ab dem 1. Oktober 2017 entfallen wesentliche Elemente der EU-Zuckermarktordnung. Durch die Öffnung des Marktes wird der Zuckereinkauf für europäische Einkäufer globaler, da sie ihren Bedarf am volatilen Weltmarkt decken müssen.

Die Rübenbauern und Zuckerproduzenten bereiten sich schon seit Jahren auf die veränderten Bedingungen vor. So hat die Südzucker AG angekündigt, nächstes Jahr rund 40 Prozent mehr Rüben verarbeiten zu wollen und die Zeitspanne, in der Zucker verarbeitet wird, von durchschnittlich 113 auf 120 Tage auszudehnen. Damit können Fabriken ihre Kapazität erhöhen und die Fixkosten erheblich reduzieren.

Handlungsbedarf für Einkäufer

Angesichts des bevorstehenden Umbruchs und damit verbundenen Unsicherheiten sollte sich auch die Lebensmittelindustrie Gedanken über das europäische Rohstoffangebot machen. „Viele Abnehmer scheinen sich jedoch noch nicht oder nur halbherzig mit den neuen Bedingungen zu befassen“, sagt Christoph Kind, Geschäftsführer der Zuckerhandelsunion in Berlin, die eng mit der Zucker verarbeitenden Industrie zusammenarbeitet. „Bisher hat der Zuckereinkauf aufgrund der stark beschränkten Wettbewerbssituation in Europa Einkäufern keine großen Potenziale eröffnet. Das ändert sich nun grundlegend. Daher sollten sich die Abnehmer mit den geänderten Rahmenbedingungen auseinandersetzen und ihre Strategien in Bezug auf den Einkauf von Zucker neu ausrichten.“ Um auf dem geöffneten Markt den besten Preis zu erzielen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, bedarf es nun Sourcing-Strategien und Risikomanagement für einen internationalen Markt. Der Einkauf des Rohstoffs wird erheblich anspruchsvoller.

„Durch die stärkere Verzahnung mit dem Weltmarkt gewinnen neue Faktoren an Bedeutung. Diese sind vielfältig und komplex, doch die neue Wettbewerbssituation bringt auch für Einkäufer von kleinen und mittelständischen Unternehmen Chancen, die sie nicht verpassen sollten“, sagt Kind. Um flexibel auf Veränderungen eingehen zu können, müssen Einkäufer den Zuckermarkt weltweit beobachten. Die Exportquote entfällt, wodurch europäische Zuckerproduzenten mehr exportieren können. Das wiederum kann zu Versorgungsengpässen im Binnenmarkt führen. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist es wichtig, alternative Zuckerlieferanten im Portfolio zu haben. Auch Währungsschwankungen können Auswirkungen auf den Preis haben und müssen im Auge behalten werden. Nur so können Einkäufer die richtigen Kaufzeitpunkte auf den richtigen Märkten identifizieren und den bestmöglichen Preis erzielen.

Beschaffungsstrategien optimieren, um Versorgungssicherheit zu garantieren

Die hohe Preisvolatilität des Zuckermarktes kann schnell zu Unsicherheiten in der gesamten Lebensmittelindustrie führen. Der weltweite Verbrauch von Zucker steigt jährlich um durchschnittlich zwei bis drei Millionen Tonnen. Entsprechend droht eine Abhängigkeit von wenigen globalen Lieferanten, denn Brasilien und Indien machen den größten Teil der Zuckerexporte auf dem Weltmarkt aus. Ernteausfälle in diesen Ländern können enorme Auswirkungen auf die Versorgung des Weltmarktes und auch der EU haben. Darüber hinaus ist die Entwicklung der Deckungsbeiträge von Konkurrenzkulturen wie Getreide, Raps oder Biogasmais ein Einflussfaktor für den Zuckermarkt.

Um entsprechende Preis- und Versorgungsrisiken abzufedern, ist Hedging eine geeignete Risikopräventionsmaßnahme. Durch Fixierung eines angemessenen Preises für einen zeitlich definierten Rahmen können Transaktionen gegen starke Preisschwankungen abgesichert werden. Um Ausfälle zu minimieren, empfiehlt es sich, beim Sicherungsgeschäft mehrere Kontrakte mit verschiedenen Start- und Laufzeiten abzuschließen. Es sollten zu jeder Zeit alternative Zuckerhersteller auf ähnlichem Preisniveau verfügbar sein. Besonders für Abnehmer sehr großer Tonnagen wird die Versorgungssicherheit in Zukunft im Vordergrund stehen.

Zusätzliche Maßnahmen in Erwägung ziehen

Um sich vor einer drohenden Rohstoffknappheit zu schützen, ist auch die Absicherung durch größere Lagerkapazitäten denkbar. Diese kapitalbindende Option sorgt jedoch für eine Verschlechterung des Working Capital. Empfehlenswert ist daher die Überprüfung alternativer Spezifikationen – eine mögliche Substitution von Rübenzucker sollte beispielsweise in Erwägung gezogen werden. Denn auch für Isoglukose endet die EU-Quote und deren Produktionskosten sind deutlich geringer, als die Zuckerherstellung aus Rüben.

Fazit

Viele deutsche Einkäufer verlassen sich zurzeit noch auf ihre wenigen langjährigen Quellen. Das hat bis jetzt gut funktioniert, da die Auswahl überschaubar war. Da die Anbieter ihren Zucker zukünftig auch am Weltmarkt verkaufen können und durch die Öffnung des Marktes für außereuropäische Anbieter neue Bezugsquellen hinzukommen, sollten Einkäufer ihr Lieferantennetzwerk entsprechend ausbauen. Nicht zuletzt, um eventuelle Engpässe abzufangen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Mit dem Aufbau eines professionellen Rohstoffmanagements können nicht nur Risiken minimiert, sondern auch Planungs- und Preissicherheit geschaffen werden.

 

Marcus Schwarz ist Principal bei INVERTO in Köln und leitet umfassende Beschaffungsinitiativen für Kunden aus dem Handel und der Konsumgüterindustrie. Der Diplom-Kaufmann führt das Competence Center Retail Food und FMCG.

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