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31.07.2019 – Handelsblatt: Sorgen ums Autoland

Die Krise der Autoindustrie macht auch Zulieferern immer stärker zu schaffen. Die Nachfrage sinkt – und sie müssen den Umstieg auf die Elektromobilität stemmen. Die Insolvenz des Anlagenbauers Eisenmann ist exemplarisch.

Die Landkreise im mittleren Neckarraum um Stuttgart heißen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und Rems-Murr. Provinzieller könnte es nicht klingen. Aber hier schlägt das Herz der deutschen Autoindustrie und sorgt für gesunde Durchblutung von fast drei Millionen Menschen, zumindest in guten Zeiten. Die gewaltige Anstrengung für die Transformation zur Elektromobilität stresst das Herz bis aufs Äußerste.

Jetzt sorgt der Abschwung der Autokonjunktur für Herzrhythmusstörungen und für einen ersten großen Kollaps: Dertraditionsreiche Anlagenbauer Eisenmann ist pleite. Das Familienunternehmen aus Böblingen hat am Montag nach eigenen Angaben beim Amtsgericht Stuttgart einen Insolvenzantrag gestellt. Von der Insolvenz betroffen sind mehr als 3 000 Mitarbeiter. Es ist die bislang größte Schreckensmeldung im Anlagenbau, aber nicht die einzige. Der Großpressenhersteller Schuler baut 500 Stellen ab. Und dem kleineren Zulieferer Weber Automotive mit 1 500 Beschäftigten ging schon zu Monatsbeginn das Geld aus. Mahle schließt ein Werk mit 240 Beschäftigten und baut 380 Stellen in der Stuttgarter Zentrale ab. Bei Bosch werden bereits die befristeten Stellen gestrichen.

„Keiner kann sich der Konjunkturflaute auf Dauer entziehen“, sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management. Selbst beim Vorzeigeunternehmen Trumpf gehen die Auftragseingänge erstmals zurück. Strukturwandel der Autoindustrie, Handelsstreit und Brexit sieht die Chefin des Laserspezialisten Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, als Hauptgründe. „Diese Unsicherheiten sind Gift für Investitionen, gerade kleinere Kunden stellen auch deshalb Neuanschaffungen zurück.“

Für das angestammte Geschäft mit Lackieranlagen für die Autoindustrie suche Eisenmann nun einen strategischen Partner, erklärte Chefsanierer Michael Keppel am Montagabend. „Die ersten Interessenten haben sich auch schon gemeldet.“ Das Unternehmen fokussiere sich auf sein Kerngeschäft und wolle „mit der Sanierung im Rahmen eines Insolvenzverfahrens die strategische Neuausrichtung der Eisenmann Gruppe vorantreiben, um so schnell wie möglich zu einem profitablen Geschäft zurückzukehren“, erklärte Keppel weiter.

Industrie sieht Handlungsbedarf

Sorgen um ihr Auto-Ländle macht sich vor allem Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU): „Wir sehen die Entwicklung bei Eisenmann mit großer Sorge und hoffen sehr, dass im Rahmen des anstehenden Insolvenzverfahrens eine zukunftsfähige Lösung gefunden wird“, sagte sie dem Handelsblatt. Aber die Industrie sieht auch bundespolitischen Handlungsbedarf. „Wenn Wachstumsprognosen fallen und Auftragseingänge in der Industrie abnehmen, muss die Bundesregierung Priorität darauf legen, Investitionen und Innovationen anzukurbeln“, fordert BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. „Es wäre klug, eine Kurskorrektur vorzunehmen, während sich dunkle und tief hängende Wolken vor einem zusammenziehen. Wirtschaftspolitische Impulse für Investitionen, Klimaschutz und niedrigere Steuern sind erforderlich.“

Für Eisenmanns akute Probleme kämen solche Initiativen zu spät. Der Konkurrent der börsennotierten Dürr AG hat im Frühjahr mit der Sanierung begonnen, nachdem einige Großprojekten schiefgelaufen waren. Diese hätten 2018 zu einem hohen Verlust geführt, erklärte das Unternehmen. Verwundert ist in der Branche darüber niemand. Das Unternehmen habe Aufträge zu Kampfkonditionen hereingenommen. Das räche sich jetzt.

Ein Jahr zuvor war der Umsatz bereits von 862 (2016) auf 723 (2017) Millionen Euro eingebrochen. „Wir mussten hier schnell und konsequent handeln“, erklärte Keppel jetzt, der unter anderem für den Holzverarbeiter Pfleiderer gearbeitet hatte. Die Familie Eisenmann und die Kreditgeber unterstützten den eingeschlagenen Weg. „Wir gehen von einer Fortführung des Unternehmens aus“, sagt der zuständige Stuttgarter Gewerkschaftssekretär Udo Abelmann. Bereits im Jahr 2017 gab es Spekulationen über einen Verkauf an einen chinesischen Investor. Die Gespräche sollen im Herbst 2017 abgebrochen worden sein, weil die Vorstellungen über den Kaufpreis weit auseinandergingen. Die Familie Eisenmann habe damals einen Preis von über einer Milliarde Euro gefordert. In Finanzkreisen wurde das Unternehmen vor zwei Jahren allenfalls auf 500 bis 700 Millionen Euro taxiert. Dieser Wert dürfte aber jetzt in weite Ferne gerückt sein. „Die Familie hätte damals nicht so stolz sein sollen und besser das Unternehmen verkauft“, sagt Autoprofessor Bratzel.

Als Interessenten kommen jetzt vor allem wieder chinesische Wettbewerber infrage. Zu ihnen zählt die chinesische Scivic, die schon heute hinter Dürr eine starke Nummer zwei in China ist und beispielsweise die Lackieranlage für das Tesla-Werk in China liefert. Konkurrent Dürr kommt zumindest in der Sparte Lackieranlagen für die Autoindustrie aus kartellrechtlichen Gründen nicht als strategischer Partner infrage. Auch würden die Autohersteller als Kunden eine solche Verbindung nicht goutieren. Anders könnte es in der Sparte Industrielackieranlagen aussehen. Aber bislang ist noch nicht bekannt, ob Eisenmann ein Insolvenzverfahren in Eigenregie oder mit bestelltem Insolvenzverwalter bekommt. Auch ist unklar, ob das Unternehmen als Ganzes erhalten bleiben kann oder filetiert wird. „Wir gehen von einer Fortführung des Unternehmens aus“, sagt der zuständige Stuttgarter Gewerkschaftssekretär Udo Abelmann.

Verschwiegenheit könnte sich rächen

Inhaber des 1952 gegründeten Unternehmens ist der in der Schweiz lebende Unternehmer Peter Eisenmann. Sein Schwiegersohn Matthias von Krauland führte das Unternehmen bis Anfang Juli. Dann wechselte der glücklose Unternehmenschef vom operativen Geschäft in den Verwaltungsrat. Unternehmenszahlen veröffentlicht Eisenmann nicht oder nur mit erheblicher zeitlicher Verzögerung.

Die Verschwiegenheit könnte sich jetzt rächen. Konkurrent Dürr hat bereits Anzeigen geschaltet, um Ingenieure vor allem von Eisenmann abzuwerben. „Wir hoffen, unsere offenen Stellen jetzt besser besetzen zu können“, sagte ein Sprecher von Dürr. Zwar hat auch Dürr kürzlich eine Gewinnwarnung herausgegeben, aber das Bietigheimer Unternehmen erwartet immer noch eine Rendite zwischen 5,5 und sechs Prozent. „Wenn ein Autohersteller bei laufenden Projekten wegen der Eisenmann-Insolvenz Hilfe braucht, stehen wir bereit“, so der Dürr-Sprecher. Der Kampf um die besten Köpfe nimmt in der Krise sogar noch zu.

Die Probleme bei Eisenmann werfen ein Schlaglicht auf die Automobilbranche. Die Produktion geht weltweit um fünf Prozent zurück. Wie in Abschwüngen zuvor gilt in solchen Situationen „cash is king“. In der Finanzkrise vor zehn Jahren kamen vor allem Unternehmen durch Liquiditätsprobleme in Schwierigkeiten. „Wir werden sicherlich noch mehr Konsolidierungen sehen“, sagt Thibault Pucken, Director der Unternehmensberatung Inverto. Das Thema Liquiditätssicherung komme zwangsläufig auf die Agenda. „Schwierig wird es für Unternehmen, die zu schnell gewachsen sind oder vorher schon strukturell schwach aufgestellt waren“, betont der Berater.

Autor: Martin Buchenau, Stuttgart
Erschienen im Handelsblatt, 31.07.2019, Nr. 145, S. 04
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