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29.05.19 – DVZ: Lieferketten unter Stress

Mittelständische Exporteure und Logistiker verlieren im internationalen Geschäft weiter an Planungssicherheit. Belastend wirken vor allem die politischen Spannungen und Handelskonflikte. Auch Störungen in Lieferketten nehmen zu. Damit wird ein Risikomanagement immer wichtiger.

Trotz weltweiter geopolitischer Unsicherheiten setzt der deutsche Mittelstand weiter auf Internationalisierung. Doch wirtschaftliche und politische Spannungen wie im weltweiten Handel sowie der Brexit verändern die Rahmenbedingungen. Der Mittelstand setzt deshalb je nach Größe auf Kernprodukte, den Vertrieb vor allem im EU-Binnenmarkt oder auf Innovation und internationale Diversifizierung. Aktuell exportiert mehr als die Hälfte der Unternehmen fast durchweg in den Euroraum, im verarbeitenden Gewerbe sind es mehr als drei Viertel der Betriebe. Lediglich 6 Prozent der Unternehmen mit Internationalisierungspotenzial zögern. Das geht aus der 19. Befragung der Initiative Unternehmer-perspektiven hervor. Federführung dabei hat die Commerzbank. Die Studie mit dem Titel „Wie sicher sind die Märkte? Risiken managen im internationalen Geschäft“ wurde am Montag in Frankfurt/Main vorgestellt.

Exportdynamik schwächt sich ab

Fast zwei Drittel der Befragten rechnen in den nächsten zwei Jahren mit geringerer Planungssicherheit und 61 Prozent mit konjunktureller Eintrübung. Fast die Hälfte der Befragten bewertet die zunehmenden Handelskonflikte negativ für die eigene Geschäftstätigkeit, ein gutes Drittel den möglichen Brexit.

Die sinkende Zuversicht spiegelt sich auch in der aktuellen Erhebung des Ifo-Instituts hinsichtlich der Exporterwartungen des verarbeitenden Gewerbes wider. Diese sind im Mai auf nur noch 0,9 Saldenpunkte gefallen, von 1,2 im April. Es ist der achte Rückgang in Folge. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag der Saldowert bei 13,9 Punkten. Das Ifo-Geschäftsklima sank im Mai sogar auf den tiefsten Stand seit Ende 2014. Bis auf den Bausektor trübte sich das Klima in allen betrachteten Bereichen ein. Mittelständische Unternehmen schätzen laut der Commerzbank-Umfrage China aktuell als Handelspartner verlässlicher als die USA oder Großbritannien ein. Aber auch hausgemachte Themen belasten die Firmen: So werden negative Auswirkungen der Dieselkrise auf die eigene Geschäftstätigkeit ebenso gesehen wie negative Folgen des Klimawandels. „Alarmismus oder gar Einmauern ist dennoch fehl am Platz“, kommentiert Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbands Groß- und Außenhandel (BGA) und Schirmherr der Studie. Mittelständler mit bis zu 15 Mio. EUR Jahresumsatz konzentrieren sich derzeit bei der Expansion ins Ausland auf ihre Kernprodukte. Für 44 Prozent steht der EU-Binnenmarkt im Fokus. Etwas weniger als die Hälfte sichert sich gegen Zahlungs- und Ausfallrisiken ab. Bei Unternehmen mit mehr als 100 Mio. EUR Jahresumsatz machen dies gut zwei Drittel. Die größeren Mittelständler verstärken zudem die Innovationstätigkeit und digitalisieren Produkte oder Prozesse. Neue Märkte liegen für 14 Prozent der Befragten in Übersee, wie beispielsweise in Indien und Nordamerika. 12 Prozent planen, nach China zu gehen. Produktionsstandorte werden am häufigsten nach China verlagert, aber auch in Länder Südostasiens und nach Polen. Etwa drei Viertel der Betriebe nennen Bürokratie als Problem im Auslandsgeschäft. Preisschwankungen bei Rohstoffen sowie Einfuhrzölle stellen weitere Hürden dar.

Logistiker sind oft im Ausland tätig

Die Studie enthält eine spezielle Auswertung des Bereichs Verkehr und Logistik. Demnach erwirtschaften 60 Prozent der Unternehmen Auslandsumsätze, die dienstleistungsorientierte Branche liegt damit über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Treiber der Internationalisierung sind hier die fortschreitende Digitalisierung, das zunehmende Auslandsengagement von Großkunden und gute Finanzierungsbedingungen. Unternehmen aus Verkehr und Logistik verkaufen ihre Dienstleistungen durchweg im Euroraum, haben ihre Zielmärkte aber auch in Ländern mit kritischer Entwicklung, darunter Großbritannien, Italien, China, Russland, USA, Türkei und Brasilien.

Handelskonflikte als Chance

Der Commerzbank-Studie zufolge befürchtet die Branche eine konjunkturelle Eintrübung und sinkende Nachfrage im In- und Ausland. Dir Firmen rechnen zudem mit abnehmender Planungssicherheit. Hinzu kommen zunehmende Handelsbarrieren in Auslandsmärkten. Und 18 Prozent der Befragten gaben an, dass Handelskonflikte zwischen anderen Ländern Chancen für deutsche Unternehmen mit sich bringen. Der Brexit trifft Unternehmen aus Verkehr und Logistik in besonderem Maße, zudem wirken sich Klimawandel und Dieselkrise überdurchschnittlich negativ aus. Wie die Gesamtwirtschaft bewertet die Branche die Handelspartner USA und Großbritannien schlechter als das ehemalige Schwellenland China. Agilität ist ein wesentlicher Aspekt bei den Strategien exportierender Unternehmen. Sie passen ihre Strategien den veränderten Rahmenbedingungen an, reagieren im Bereich Verkehr und Logistik aber eher konservativ, so die Analysten der Commerzbank. Die Branchenakteure erschließen zu 43 Prozent neue Auslandsmärkte, 56 Prozent fokussieren sich hingegen stärker auf den deutschen Markt, 49 Prozent auf den EU-Binnenmarkt. Sie setzen stark auf Digitalisierung, aber selten auf weitere Innovationen oder neue Angebote. Die Anpassung von Preisen und Kalkulationen steht hingegen überdurchschnittlich oft auf der Agenda. Von Banken und aus den Reihen der Politik wünschen sich die Unternehmen der Branche Unterstützung. So sind die Geldhäuser als Unterstützer bei operativen Themen gefragt. Genannt werden die Risikobewertung und die Abwicklungsgeschwindigkeit. Darüber hinaus erwartet die Branche individuelle Beratung und ein gutes Verständnis der Geschäftsstrategie. „Finanzinstrumente helfen, Risiken zu minimieren und Erträge zu steigern, werden von der Branche aber vergleichsweise selten zur Absicherung von Preis- und Währungsschwankungen genutzt“, heißt es in der Studie. Die Politik wiederum sollte sich intensiver für die wirtschaftspolitischen Interessen deutscher Unternehmen einsetzen, vor allem im Verhältnis zu den wichtigen Handelspartnern USA, Großbritannien und China.

Zu wenig Risikovorsorge

Die Risiken in den globalen Märkten und Lieferantennetzen nehmen zu. Doch die wenigsten Unternehmen verfügen über systematische Maßnahmenpläne für den Fall unerwartet auftretender Unterbrechungen in ihrer Lieferkette. So lautet das Ergebnis der Studie „Supply Chain Risk Management – Herausforderungen und Status quo“ des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und des Unternehmens Riskmethods, das Firmen eine Lösung für das Managen von Lieferkettenrisiken anbietet. Laut der Umfrage verzeichneten circa drei Viertel der Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Unterbrechung in der Lieferkette. Etwa jeder Dritte berichtete von mehr als fünf Störungen. Das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Jede fünfte Unterbrechung hatte bis zu 1 Mio. EUR und mehr Schaden zur Folge. Trotzdem verfügt erst knapp jedes vierte Unternehmen über systematische Maßnahmenpläne zur Krisenreaktion. Immerhin dahinter verbirgt sich eine Besserung: Im Vorjahr war es nur jedes fünfte. Angesichts der zahlreichen politischen Spannungen und Krisenherde rund um den Erdball sei es für die Beschaffungslogistik wichtiger denn je, das Risikomanagement einem permanenten Stresstest zu unterziehen, betont BME-Hauptgeschäftsführer Silvius Grobosch.

Auch Sublieferanten überwachen

Die wenigsten Unternehmen würden den finanziellen Schaden messen, der durch eine Unterbrechung oder einen Lieferantenausfall entsteht. Gerade einmal 7 Prozent nehmen eine strukturierte Bewertung der Auswirkungen eines Schadens auf Umsatz oder Ergebnis vor. Zudem beschränkt sich das Risikomonitoring meist auf direkte Lieferanten. Doch immer häufiger werden Störungen von Sublieferanten verursacht. Das meldet mittlerweile jeder Zweite. „Die heutigen komplexen Supply-Chain-Netze sind besonders verletzlich. Deshalb ist es wichtig, die Lieferkettenstruktur aller Ebenen im Blick zu haben“, sagt Heiko Schwarz, Geschäftsführer bei Riskmethods. Doch nur 18 Prozent würden auch die Sublieferanten überwachen. Andere Ursachen von Störungen liegen bei den eigenen Fabriken (28 Prozent) oder logistischen Knotenpunkten wie Häfen oder Flughäfen (20 Prozent). Bei der Mehrheit der Firmen ist die Einführung von Risikomanagement eine Reaktion auf vorausgegangene Störungen in der Lieferkette oder auf regulatorische Anforderungen. Positiv ist, dass es bei zwei von drei Unternehmen eine strategische Entscheidung ist. Das heißt, diese Unternehmen warten nicht mehr ab, bis ein Krisenfall eingetreten ist.

Führungsebene einbinden

„Unternehmen wissen oft nicht genau, welche Risiken sich in ihrer Lieferkette verbergen. Sie sind dann umso überraschter, wenn eine bis dato allenfalls schemenhaft wahrgenommene Gefahr tatsächlich eintritt und die Produktion bremst oder gar für völligen Stillstand sorgt“, sagt Philipp Mall. Er ist Experte für Risikomanagement bei der Einkaufs- und Supply-Chain-Beratung Inverto. Um sich vor unangenehmen Überraschungen zu schützen, sollten Unternehmen Risiken für ihre Produktion zunächst feststellen, ihre Eintrittswahrscheinlichkeit und Folgeschäden abschätzen sowie Gegenmaßnahmen ergreifen. Mall: „Da Risikoprävention Kosten verursacht, muss die Geschäftsführungsebene in den Prozess eingebunden werden.“ Dabei sei Risikomanagement keine Aufgabe, die einmal erledigt wird – „vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der regelmäßig überprüft und angepasst werden muss“, betont er. Überwiegend werden Risiken laut BME im Rahmen der Lieferantenanalyse und -bewertung überwacht. Indikatoren wie Qualität und Leistungsfähigkeit sowie Finanzkennzahlen und Bonitäten stehen dabei im Vordergrund. Frühindikatoren und Veränderungen beim Lieferanten, wie zum Beispiel Managementwechsel oder veränderte Wachstumsprognosen, hat dagegen nur jeder Zweite kontinuierlich auf dem Radar. Cyberrisiken überwacht gerade einmal gut jedes zehnte Unternehmen. „Eine umfassende Rundumsicht sollte nicht nur Einzelinformationen über Lieferanten zusammenführen, sondern auch globale Länder- und Standortrisiken monitoren“, rät Schwarz. Das sei allerdings nur bei jedem Dritten der Fall, obwohl Unterbrechungen und Lokationsrisiken – Naturkatastrophen, Streiks, Brände und Explosionen an Standorten oder Logistikknotenpunkten – oftmals gleich mehrere Lieferanten beträfen. Durchgängige Risikoüberwachung heißt, enorme Datenmengen aus dem Internet und aus Datenbanken in Echtzeit zu durchleuchten. Doch die meisten lassen die Chancen verfügbarer Lösungen, wie sie Riskmethods oder auch DHL (Resilience 360) anbietet, ungenutzt. Nur jedes dritte Unternehmen überwacht Risiken laut BME-Umfrage automatisiert, 59 Prozent behelfen sich manuell mit Excel-Kalkulationen oder dem Monitoring von Finanzkennzahlen. Der geringe Automatisierungsgrad trägt dazu bei, dass verfügbare Risikoinformationen nicht kontinuierlich aktualisiert werden. Dabei sind automatisierte Systeme heute in der Lage, anfallende Daten sofort auszuwerten, auf Relevanz zu filtern und alle Nutzer rund um die Uhr auf dem Laufenden zu halten. Risikodaten werden meist in das Lieferanten- und Warengruppenmanagement integriert. Aber Risikomanagement endet nicht im Einkauf. Jeder Unternehmensbereich ist betroffen, wenn in der Lieferkette etwas schiefgeht. Doch nur wenige Unternehmen nutzen laut BME den Wert dieser Daten in anderen Bereichen. So bleiben risikogesteuerte Vergabeentscheidungen in der Beschaffung eher die Ausnahme – und die Daten fließen nicht in ein System für das Risikomanagement ein.

(rok/cs)

 

Artikel original erschienen in der Printausgabe der DVZ 022/19 vom 29.05.2019.
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