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23.05.2020 – DIE WELT: Das schwierige Comeback von Made in Germany

Wie wenig Verlass auf globale Lieferketten in der Corona-Krise ist, lernte Verkehrsminister Andreas Scheuer auf dem Rollfeld des Münchner Flughafens. Kaum war der chinesische Flieger mit elf Millionen FFP-Masken gelandet, kam die Ernüchterung: Millionen Masken stellten sich als unbrauchbar heraus – die Filter nutzlos, Bänder falsch befestigt. „Die waren alle Schrott“, kommentiert der Einkäufer von Bayerns Landesregierung frustriert.

Dass Billigimporte aus Fernost häufig nicht das halten, was sie versprechen, ist nichts Neues. Doch in der Corona- Krise treten die Tücken der globalisierten Produktion besonders zutage. Die
Selbstverständlichkeit, mit der sich die deutsche Wirtschaft auf Hersteller im Ausland verlassen hat, ist seit dem weltweiten Lockdown, den Grenzschließungen und Exportverboten dahin. Die Pandemie zwingt viele Unternehmen zum Umdenken. Sie fragen sich, ob es sinnvoller wäre, die eigene Produktion nach Deutschland zurückzuholen. Die Umsetzung einer solchen Deglobalisierung ist wohl schwieriger als angenommen. Das zeigen vor allem die Schutzausrüstungs- und Pharmabranche.

Die Bundesregierung könnte sich an Japan orientieren, das Firmen bezuschusst, die ihre Herstellung aus China zurückverlagern. Über eine Absichtsbekundung des Wirtschaftsministeriums, die Eigenproduktion zu stärken, geht es hierzulande vorerst nicht hinaus. Bislang gibt es für Firmen wenig Anreize. Die Kosten sind zu hoch, warnen Experten. Gleichzeitig seien Verbraucher nicht bereit, höhere Preise zu zahlen.

In der Pharmabranche stehen viele Firmen unter Druck, kostengünstig zu produzieren. Daher entwickelten sich Abhängigkeiten vom Ausland: „Die meisten Wirkstoffe kommen aus China und Indien, wo über Jahrzehnte strategische Kapazitäten aufgebaut wurden“, sagt Inverto-Chef Kischkewitz. Bei Antibiotika werden etwa mehr als 80 Prozent der Vorprodukte aus China importiert. Nicht erst seit Corona können Engpässe und Lieferausfälle lebensbedrohlich werden, die Pandemie verstärkt die Gefahr aber. Ärzte fordern nun, „systemrelevante Medikamente“ wie Antibiotika müssten auch in Deutschland produziert werden.

Was das bringt, veranschaulicht die Berliner Firma Aristo Pharma. Der Hersteller von Nachahmermedikamenten fertigt seit Gründung im Jahr 2008 überwiegend in Deutschland und Spanien. „Die vergangenen Wochen haben uns darin bestätigt, dass es ein echter Vorteil ist, hier zu produzieren, weil wir dadurch notfalls sehr schnell reagieren können“, sagt Geschäftsführer Stefan Koch. Zeitweise habe man überlegt, auch die Produktion einiger Rohstoffe nach Deutschland zu holen, die das Unternehmen bisher aus Indien und Italien bezieht. So war etwa die Nachfrage nach dem Wirkstoff Hydroxychloroquin zeitweise stark gestiegen, nachdem US Präsident Donald Trump das Mittel als mögliche Wunderwaffe im Kampf gegen Covid-19 gepriesen hatte. Da der Hype um das Malariamittel aber rasch abebbte, nahm Koch Abstand von der kostspieligen Verlagerung der Wirkstoffsynthese. „Letztlich ist das ein reines Kostenthema“, meint Koch.

Der Greifswalder Pharmamittelständler Riemser ist anders als Aristo Pharma durchglobalisiert: Wirkstoffe kommen aus Asien, große Absatzmärkte sind England oder Frankreich. Dennoch strebt die Firma eine Rückverlagerung an. „Gerade jetzt wird deutlich, wie abhängig wir alle von asiatischen Arzneimittelherstellern sind. Drehen sie den Hahn zu, sitzt die ganze Welt auf dem Trockenen“, sagt Geschäftsführerin Beate Küter WELT. Deshalb verlagert Riemser die Herstellung eines Antibiotikums gegen Tuberkulose aus China ins Saarland. Doch gerade die Pharmabranche tut sich schwer mit der Deglobalisierung, denn jede Änderung im Produktionsprozess muss von den Medikamentenaufsehern freigegeben werden: „Bis der Wechsel einer Wirkstoffquelle nach Europa realisiert ist, können zwei Jahre vergehen. Eine Rückverlagerung ist zudem sehr teuer“, meint Küter. Für viele Medikamente dürfen seit 2010 die Preise nicht erhöht werden. Zudem sei der Preisdruck der Krankenkassen enorm, sagt Küter. Die Versicherer müssten sich verpflichten, bei Zuschlagserteilungen einen heimischen Produzenten zu bevorzugen, fordern viele in der Pharmabranche. „In Deutschland produzierte Medikamente verlieren in den meisten Vertragsausschreibungen. Entscheidend sind am Ende die Kosten und nicht die Qualität“, nkritisiert die Riemser-Chefin.

Somit ist die Branche skeptisch, was das Comeback von „Made in Germany“ angeht. „Bei der Wirkstoffherstellung hat Deutschland durch deren Abwanderung in andere Teile der Welt sehr viel verloren. Dadurch ist das Zurückholen der Produktion nur bedingt realisierbar, zumal dann große Investitionen notwendig würden“, heißt es beim Verband der Pharmazeutischen Industrie. Nur mithilfe staatlicher Förderungen sei die Rückverlagerung möglich.

Die Maßnahmen der Bundesregierung, sind überschaubar: Ein Lieferkettengesetz ist zwar geplant, es zielt aber an den Bedürfnissen der Industrie vorbei. Das Ziel des Gesetzes: Verstöße gegen Menschenrechte und Umweltschutzrichtlinien bei Zulieferern stärker zu ahnden. Ob das Gesetz zu einer stärkeren Rückverlagerung beiträgt, ist somit offen. Zudem gibt es Stimmen, die dafür ohnehin wenig übrighätten: Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, hält eine Deglobalisierung insgesamt für riskant. Wenn Deutschland große Teile der Produktion zurückhole, würden Länder wie China oder die USA das auch tun – was wiederum Exporte einbrechen ließe. Felbermayer kann sich vorerst beruhigen: Auf dem Markt ist von einer Rückverlagerung ohnehin noch wenig zu spüren, denn solche Änderungen dauern lange.

Autor: Jan Klauth
Erschienen am 23.05.2020 in „Die Welt“

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