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23.03.18 – Heime und Spitäler: Der weite Weg zum Krankenhaus 4.0

Der Gesundheitssektor befindet sich im Wandel –hin zu mehr Digitalisierung und Vernetzung der Technologien. Spitäler haben ein grosses Interesse daran,
ihr Geschäft zu digitalisieren, denn optimierte Abläufe in den Kliniken sollen die Effizienz erhöhen und Kosten senken – ein Fachbericht aus deutscher Sicht.

Während in der Industrie 4.0 der Schwerpunkt auf neuen Fertigungstechnologien und deren Vernetzung liegt, stehen Spitäler vor der Herausforderung, technische Neuerungen möglichst effizient in den alltäglichen Krankenhausablauf einzubinden, damit Ärzteschaft, Pflege und Verwaltung erfolgreich kooperieren können. Derzeit werden bestimmte Technologien stark diskutiert. Vor allem die Einführung der Unique Device Identification (UDI), welche von der amerikanischen Bundesbehörde für Gesundheits-, Medizin- und Pharma-Angelegenheiten (US FDA) forciert wird, eröffnet neue Möglichkeiten im Bereich der fallbasierten Materialerfassung. Mit ihr werden vorhandene Produktstammdaten durch Bereitstellung von Daten des Herstellers aktualisiert. Aber auch Themen wie die elektronische Patientenakte (EPA) und die elektronische Fallakte (EFA) sind intensiv im Gespräch. Wie aber werden neue Technologien wie RFID (Radio-frequency Identification), 2D-Barcodes und die Nutzung von Tracking & Trace in deutschen Krankenhäusern bewertet? Wie ist die Einstellung gegenüber der zunehmenden Digitalisierung im Gesundheitswesen?

In einer von Inverto durchgeführten Studie zur Digitalisierung und technologischen Vernetzung in deutschen Spitälern geht die Mehrheit der Befragten davon aus, dass der Nutzen von Digitalisierungsvorhaben die damit verbundenen Schwierigkeiten bei Weitem übersteigt: 87 Prozent stimmten einer entsprechenden Aussage «voll» beziehungsweise überwiegend zu. Vor allem Verfahren zur Verwaltung elektronischer Patienten- und Fallakten sowie zur fallbezogenen Materialerfassung werden von den Verantwortlichen als nützlich bewertet, da sie Abläufe beschleunigen und Kosten senken. Vor dem Hintergrund der angespannten Ergebnislage vieler Häuser erscheinen diese Investitionen daher lohnenswert.

Allerdings fällt den Häusern die Implementierung der notwendigen Technik schwer, weil der durchschnittliche Reifegrad der IT in den Spitälern noch niedrig ist. Zu den wichtigsten Ursachen dafür zählen organisatorische Mängel. So gaben 67 Prozent der befragten Führungskräfte an, die IT-Abteilung werde in ihrem Spital überwiegend als Dienstleister verstanden, der höchstens in Störungsfällen konsultiert würde. Eine gute und vor allem strategische Zusammenarbeit zwischen der IT und anderen Fachbereichen bescheinigten dagegen nur 23 Prozent der Befragten ihrem Krankenhaus.

Nachholbedarf bei Organisation
Als eine der grössten Hürden zur Einführung neuer digitaler Technologien werden fehlende Mittel für Investitionen gesehen. 61 Prozent der Befragten bewerteten dies mit «sehr hoch» oder «hoch». Des Weiteren wurden fehlende Kapazitäten innerhalb der hauseigenen IT-Abteilung (54 Prozent) sowie heterogene IT-Strukturen (48 Prozent) genannt. Schwierigkeiten beim Datenschutz sowie die mangelnde Bereitschaft der Mitarbeiter sind weitere Risiken, denen mit entsprechenden Massnahmen begegnet werden muss.

Prioritäten bei Digitalisierung variieren
Interessant sind die Unterschiede, die sich zwischen den verschiedenen Krankenhausarten ergeben. So schätzen Universitätskliniken Verfahren der fallbezogenen Materialerfassung zur akkuraten Erfassung der Materialkosten pro Fall mit 74 Prozent als sehr wichtig ein. Häuser der Maximal- und Schwerpunktversorgung sowie der Grund- und Regelversorgung beurteilen diese nur mit 18 respektive 40 Prozent als «sehr wichtig». Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Einsatz von Unique Device Identification ab. Auch diese werden von den Universitätskliniken wichtiger eingeschätzt als von Häusern anderer Versorgungsformen. Gleiches zeigt sich bei der Auswertung der Antworten nach Kalkulationsvereinbarung: Spitäler mit Vereinbarung bewerten war die fallbezogene Materialerfassung als ebenso wichtig wie Häuser ohne Kalkulationsvereinbarung, messen aber dem UDI-Einsatz mehr Wert bei als Letztere.

Universitätskliniken sind besser vorbereitet
Beim Blick auf die Voraussetzungen der verschiedenen Spitäler zur Digitalisierung haben die beiden Gruppen erneut einen Vorsprung: Universitätskliniken verfügen mit 67 Prozent häufiger über eine Schnittstelle zwischen dem Krankenhausinformationssystem (KIS) und dem Materialwirtschaftssystem (MaWi) als Maximal-und Schwerpunktversorger mit nur 50 Prozent beziehungsweise Grund- und Regelversorger mit 53 Prozent. Zudem setzen Universitätskliniken häufiger (78 Prozent) Barcode-Scanner zum Einlesen von Material- oder Geräteinformationen ein (gegenüber 54 Prozent bei Maximal- und  Schwerpunktversorgern respektive 59 Prozent bei Grund- und Regelversorgern). Beides verschafft den Universitätskliniken Vorteile in puncto Digitalisierung: Die Anwendungsintegration ist eine wesentliche Voraussetzung für die Einführung fallbezogener Materialverfolgung, die Barcode-Scanner ermöglichen die Implementierung von UDI. Auch Spitäler mit Kalkulationsvereinbarung verfügen über bessere Voraussetzungen: Sie verknüpfen KIS und MaWi öfter als Häuser ohne Vereinbarung (72 gegenüber 36 Prozent) und planen häufiger, UDI-Anwendungen einzuführen (54 gegenüber 10 Prozent).

In kleinen Schritten zum «Krankenhaus 4.0»
Das Konzept «Krankenhaus 4.0» sieht vor, die drei Kernthemen Elektronische Patientenakte, Track & Trace sowie Einkauf und Bestandsmanagement durch IT-Systeme zu verknüpfen. Für den Einkauf und die Materialwirtschaft ergeben sich dabei die folgenden zentralen Fragen.

1. Ist eine automatisierte Stammdatenpflege durch die Einführung von UDI möglich?

2. Ist ein optimaler Technologieeinsatz ohne ausufernde Investitionen in die Hardware möglich?

3. Sind Schnittstellen zwischen dem Krankenhausinformations- und dem Materialwirtschaftssystem möglich?

4. Ist ein optimales Bestandsmanagement ohne Mehrbelastung des Pflegepersonals durch unnötige Scanvorgänge möglich?

Können diese vier Fragen mit «Ja» beantwortet werden, steht einer Realisierung des Konzeptes nichts mehr im Wege. Da jedoch die wenigsten Häuser alle Punkte positiv bestätigen können, muss sich dem «Krankenhaus 4.0» in kleinen Schritten genähert werden. Der erste und wichtigste Schritt ist die Analyse des Status quo der Digitalisierung im Haus – wie hoch ist der digitale Reifegrad und in welchen Bereichen besteht noch Nachholbedarf? Hilfestellung hierfür bietet eine von Inverto entwickelte Checkliste. Diese hat die Bereiche Datenbank-Systeme, Hardware, IT-Schnittstellen, Barcoding/RFID in einzelne Unterpunkte unterteilt, welche wiederum für sich eigene zu bearbeitende Projekte bilden. Teilweise können diese Unterprojekte banal anmuten. Ist aber beispielsweise im ganzen Haus keine lückenlose WLAN-Abdeckung vorhanden, funktionieren Technologien wie die elektronische Patientenakte und Track & Trace-Systeme nicht.

Zur Realisierung des Konzeptes «Krankenhaus 4.0» brauchen Kliniken IT-gestützte Fall- beziehungsweise Patienteninformationen, IT-gestützte Einkaufsabläufe und IT-gestützte Material- und Geräteverfolgung. Zudem muss eine vollständige Integration der entsprechenden Systeme umgesetzt werden. Universitätskliniken und Krankenhäuser mit Kalkulationsvereinbarung machen vor, wie diese Voraussetzungen geschaffen werden können. Aber auch sie haben noch einige Arbeit und IT-Investitionen vor sich.

 

Autor: Jan-Christoph Kischkewitz
Erschienen am 23.03.18 in Heime und Spitäler Nr. 1/März 2018

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