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21.07.2019 – F.A.S. : Schatzsuche im Erzgebirge

Schatzsuche im Erzgebirge

In Sachsen schürft ein Investor nach Wolfram und Zinn. Er verspricht Arbeitsplätze und wichtige Rohstoffe für die deutsche Industrie. Doch die Anwohner rebellieren. 

Auf einem abgeschiedenen Feld im Erzgebirge arbeitet ein Dutzend Männer an einer Sensation: Der Bergbau soll nach Deutschland zurückkommen! In der kleinen Ortschaft Pöhla wird gerade die erste neue Erzmine seit dem Zweiten Weltkrieg erschlossen. Die „Saxony Minerals & Exploration AG“ (SME) hat ausgerechnet, dass tief im Berg 23,9 Millionen Tonnen Gestein schlummern, die Wolfram, Zinn und Fluorit enthalten. Ein Schatz im Wert von 900 Millionen Euro, glaubt das Unternehmen, der nur darauf wartet, gehoben zu werden.

Falls jemandem das Heben gelingt. Aus 100 Bergbau-Initiativen geht statistisch nur eine einzige funktionierende Mine hervor, die anderen Vorhaben scheitern. Mal finden die Geologen nicht genug Mineralien im Gestein, mal liegen die Lagerstätten so unglücklich, dass sich der Abbau nicht rentiert. Mal gibt es keine Genehmigung, mal scheitert die Finanzierung oder der Aufbereitungsprozess. Wer einem Berg die Schätze entreißen will, braucht einen langen Atem, viel Geld, Glück und Knowhow.

Das Projekt in Pöhla ist weit fortgeschritten. Zwölf Millionen Euro hat SME schon in das Vorhaben gesteckt – und geht nun auf die Zielgerade. Das Betriebsgelände ist ungefähr so groß wie drei Fußballfelder. Darauf stehen ein großer weißer Förderturm, ein mannshoher Dieselgenerator, drei Seilwinden, diverse Verwaltungscontainer und eine Wasseraufbereitungsanlage. Das Wesentliche aber ist für die Augen unsichtbar. Es ist ein Schacht, der unter dem Förderturm 170 Meter senkrecht in die Tiefe geht.

Wer nach unten kommen will, muss in einen Förderkorb steigen. Eine Seilwinde lässt den Korb, der wie ein Weinfass aussieht, mit sieben Kilometern in der Stunde nach unten. Je weiter sich die Oberfläche entfernt, desto kühler, dunkler und feuchter wird es. Das Wasser, das normalerweise zwischen den Gesteinsschichten fließt, fällt an der Schachtwand in die Tiefe. 70 000 Liter müssen in der Stunde abgepumpt werden, damit die Grube nicht vollläuft. Obwohl gleich drei Pumpstationen in die Schachtwände eingelassen sind, bleibt genug Sturzwasser übrig, um in der Sohle für heftigen Regen zu sorgen.

Die Bergleute, die im Drei-Schicht-System arbeiten, tragen hohe Gummistiefel und Ostfriesennerz. Zwei von ihnen verlängern gerade eine Abwasserleitung, ein dritter arbeitet mit dem Presslufthammer. „Der Lärmpegel und die schwere körperliche Arbeit belasten einen natürlich“, schreit Bergmann Matthias Wohlgemuth durch den Lärm. Aber die Arbeit sei besser bezahlt als auf dem Bau, 20 Euro in der Stunde gebe es mindestens. Der eigentliche Reiz liegt für den Bergmann aber woanders: „Man ist da, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist.“

Dem Betreiber der Mine sind derlei metaphysische Überlegungen fremd. Für Thomas Reissner, Aufsichtsratschef der SME und zugleich größter Anteilseigner, zählen nackte Zahlen. Reissner ist ein Unternehmer reinsten Wassers: höflich, aber keinesfalls herzlich. Älter, aber kein bisschen milde. Der ehemalige Investmentbanker und Vorstandschef von drei Aktiengesellschaften aus der Rohstoffbranche taucht auf der Baustelle in weißem Hemd und blauem Anzug auf. Sein Blick ist scharf, seine Kommunikation schnörkellos. Selbst Unbeteiligten ist unmittelbar klar, wer hier das Sagen hat. Der Diplom-Kaufmann weiß um seine Wirkung. „Beobachten Sie mich und entscheiden Sie dann, ob Sie an mich und mein Vorhaben glauben“, empfiehlt er dem Reporter. Dass die Beobachtung zu seinen Ungunsten ausgehen könnte, hält er offenkundig für unmöglich.

Reissner hat das große Ganze im Blick. Er ist überzeugt davon, dass Deutschland seine Mine braucht, um die Versorgungssicherheit der heimischen Industrie zu erhöhen. In langen Monologen zählt er auf, welcher Rohstoff in welcher Mine liegt und wie viel Prozent des Weltmarkts sich die Chinesen schon gesichert haben. „Und wir sitzen hier und haben keine Rohstoffe, die wir abbauen!“

Aus der Luft gegriffen sind seine Befürchtungen nicht. „China und andere Staaten versuchen weltweit, sich mit unfairen und teils aggressiven Strategien metallische Rohstoffquellen zu erschließen“, sagt Franziska Erdle, die Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Metalle. Sie vertritt 654 Unternehmen mit insgesamt 111 000 Beschäftigten. Erdle warnt vor einem „wachsenden Ressourcennationalismus“ und davor, dass Versorgungsengpässe schwerwiegende Folgen für die gesamte Lieferkette haben könnten.

Die Europäische Kommission stuft derzeit knapp 30 Rohstoffe als strategisch bedeutend ein. Auch Wolfram und Fluorit, die Thomas Reissner im Erzgebirge fördern will, stehen auf dieser Liste. Wolfram wird für ultraharte Werkzeuge gebraucht, für Flugzeugturbinen und in der Leuchtmittelindustrie. Fluorite kommen in Kühlanlagen zum Einsatz, in der Stahlherstellung und als Ätzmittel.

Metalle werden an Börsen gehandelt, es gibt einen Weltmarktpreis für sie. Für Thomas Reissner und sein Vorhaben in Sachsen ist das ein Nachteil. Denn eine eigene Kategorie für „nachhaltig und fair produziertes Metall“ existiert an der Börse ebenso wenig wie ein Aufschlag für mehr Versorgungssicherheit.

„Zu glauben, man könnte höhere Preise verlangen, nur weil das Mineral aus Deutschland kommt oder auf einer EU-Liste steht, das ist eine Illusion“, bestätigt Lars-Peter Häfele, der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Inverto. Häfele hilft Unternehmen dabei, günstig und sicher an Rohstoffe zu kommen. Mit Blick auf die Versorgungssicherheit habe eine Mine in Deutschland natürlich einen Wert, sagt er. Aus politischer Sicht sei es sinnvoll, sich in der Rohstoffversorgung nicht von wenigen oder gar einem einzigen Lieferland abhängig zu machen. Auch aus der Sicht eines Einkäufers für ein Unternehmen sei es schön, im Bedarfsfall auf mehrere Quellen zugreifen zu können. „Wenn die Tonne Wolfram oder Zinn aus dem Erzgebirge aber nur einen Euro teurer ist, kaufen alle deutschen Unternehmen den Rohstoff aus China.“

Schlechte Nachrichten für die Mine in Pöhla. Und von der Politik ist kein Trost zu erwarten. „Es gibt keine Wertschätzung, weder in der Bundespolitik noch auf Landesebene“, empört sich Thomas Reissner, der Unternehmer. Naiv und ignorant seien die meisten Politiker, mit denen er rede. „Die wissen gar nicht, dass es noch Bergbau in Deutschland gibt! Das ist wirklich schlimm.“ In den Behörden sei es nicht viel besser, dort herrschten „eine irre Bürokratie und Dienst nach Vorschrift“. Den Ämtern fehlten Mitarbeiter und Fachwissen. Manche Anträge würden bewusst weder abgelehnt noch bewilligt – denn wer nicht entscheide, der mache auch keine teuren Fehler. Thomas Reissners Fazit: „Wir haben keine Unterstützung, weder politisch noch finanziell.“

Damit es künftig besser läuft, hat sich SME prominente Unterstützung eingekauft. Der ehemalige Unionsfraktionschef Volker Kauder soll in den Aufsichtsrat einziehen. „Der hat ein gutes Netzwerk“, sagt Reissner. „Ohne Netzwerk gehen Sie in der Politik verloren.“

Man wird sehen, was Kauders Netzwerk für Reissners Mine zu bewirken vermag. Eher unwahrscheinlich ist es allerdings, dass die deutsche Rohstoffpolitik in absehbarer Zukunft ähnlich zupackend wird wie die chinesische. „Chinas Rohstoffpolitik ist nicht marktgetrieben, sondern interessengetrieben“, heißt es von der Wirtschaftsvereinigung Metalle. Im Bedarfsfall werde der Markt für ein bestimmtes Metall bewusst mit billigen Angeboten geflutet, damit die Preise sinken und Minen außerhalb Chinas unrentabel werden und schließen müssen. Auf diese Weise habe sich China sowohl für Magnesium als auch für seltene Erden nahezu eine Monopolstellung geschaffen. „In Handelskriegen, wie jetzt mit den Vereinigten Staaten, werden diese Rohstoffe dann als Druckmittel eingesetzt“, sagt Hauptgeschäftsführerin Erdle. Die Bundesregierung müsse daher sicherstellen, dass die heimische Industrie auch künftig noch über genügend Rohstoffe verfüge. Aus der Steinkohle hat sich Deutschland schon verabschiedet, das Ende der Braunkohle ist besiegelt, in nennenswertem Umfang ist einzig der Kalibergbau geblieben. Auch deshalb fordert der Metallverband: „Deutschland sollte strategische Rohstoffreserven anlegen wie beim Öl.“

Das Wirtschaftsministerium in Berlin will davon nichts wissen. „Den Bedarf an Rohstoffen sicherzustellen ist grundsätzlich Aufgabe der Wirtschaft“, teilt die Behörde mit. Die deutsche Rohstoffstrategie stammt aus dem Jahr 2010. Eine neue Fassung war für diese Sommer vorgesehen, nun soll sie frühestens im Herbst kommen. Chinesische Methoden sind nicht zu erwarten. Vielmehr weist das Wirtschaftsministerium gleich mehrfach auf „Sozial- und Umweltaspekte der Rohstoffgewinnung“ hin.

So ist die Lage in Berlin. Aber auch in Pöhla selbst gibt es Hindernisse für die kühnen Bergbau-Pläne. Nicht alle Anwohner sind von ihnen begeistert. Einer hat Schmetterlinge gezählt und kam auf 30 unterschiedliche Arten, die Mine bedrohe diese natürliche Vielfalt. Reissner zufolge hat der Naturfreund allerdings einen Kilometer von der Mine entfernt gezählt.

Keinen Freund hat das Minenprojekt auch unter denjenigen, die direkt an der Zufahrtsstraße zum Erkundungsschacht wohnen. In einer Petition forderten sie eine Umgehungsstraße, weil die Straße vor ihrem Haus viel zu schmal für schwere Lastwagen sei. Doch der Investor wusste sich zu helfen. „Ich bin ins Grundbuchamt gegangen und habe dort festgestellt, dass die Zufahrtsstraße viel breiter in den Plänen steht, als sie tatsächlich ist“, sagt Reissner. „Die Anwohner haben ihre Vorgärten nach und nach vergrößert.“ Die Betroffenen sehen das völlig anders. Konfrontiert man sie mit Reissners Aussagen, regen sie sich mächtig auf. „Das stimmt alles gar nicht“, sagt ein Rentner, der seit vierzig Jahren an der Zufahrtsstraße lebt und früher selbst im Bergbau gearbeitet hat. „Mein Haus und mein Zaun stehen seit hundert Jahren genau da, wo sie jetzt stehen“, behauptet er. Die Straße sei viel zu schmal für Lastwagen. „Das dürfte gar nicht genehmigt werden.“ Romantische Gefühle weckt der Versuch, den Bergbau in Pöhla wiederzubeleben, bei ihm nicht. „Wir haben 20 Jahre Bergbau vor Ort hinter uns, das reicht.“ Bis 1991 hatte die DDR in Pöhla nach Uran gegraben, nach der Wende galt das radioaktive Material als Teufelszeug, und die Grube wurde stillgelegt. Die Lkw seien damals jeden Tag von 6 bis 22 Uhr gefahren, erzählt der alte Bergmann. „Und wenn die Arbeiter unter Tage gesprengt haben, wackelten bei uns die Gläser im Schrank. Da konnten Sie mitzählen, wie viele Schuss das waren.“

Auch seine Nachbarin will nicht, dass die Mine eröffnet wird. Sie befürchtet Schäden an ihrem Haus, wenn Hohlräume angebohrt werden. Ohnehin sinke der Wert ihrer Immobilie dramatisch, wenn die Mine komme. „Wer will schon ein Haus kaufen, das an einer Zufahrtsstraße steht?“ Und erst der ganze Krach. Sie habe ihr Haus vor 13 Jahren erworben, „weil es hier so schön ruhig ist“. Sobald aber 150 Arbeiter im Drei-Schicht-Betrieb zur Mine hin- und wieder wegführen, sei es mit der Stille vorbei. Unüberwindbar scheinen die Bedenken allerdings nicht zu sein. Im Gespräch lässt sie bewusst fallen, dass ihr „noch niemand etwas angeboten“ habe. Neue Schallschutzfenster, sagt sie, wären ein Anfang.

Widrigkeiten, wohin man schaut. Aber Thomas Reissner will nicht klein beigeben. „Ich habe im Leben alles erreicht, was ich wirklich wollte“, sagt er. „Diese Mine lasse ich mir nicht nehmen.“ Mit welcher Technik künftig das kostbare Erz vom wertlosen Stein aus dem Berg getrennt werden soll, weiß er schon lange. Vor drei Jahren, berichtet Reissner, sei er auf dem Rücken eines Esels in sechs chinesische Minen eingerückt und habe dort den Aufbereitungsprozess begutachtet. „Danach war ich sicher, dass die Chinesen meine Aufbereitungsanlage aus einer Hand bauen können.“ Eine kleine Version davon soll schon in zwei oder drei Wochen in Betrieb gehen, um die Abläufe für die zehn mal größere Maschinerie zu testen, die später geliefert werden soll. Ihr Geld, das verrät Reissner gern, bekommen die Chinesen dafür aber nur, falls die Maschine das Erz auch tatsächlich in der vereinbarten Qualität aufbereitet. „Deshalb weiß ich schon jetzt, dass die Anlage funktionieren wird.“

Im Herbst will Thomas Reissner über eine unbesicherte Nachranganleihe 25 Millionen Euro frisches Kapital für seine Firma SME aufnehmen. Er verspricht 7,5 Prozent Zinsen und eine Tilgung nach fünf Jahren. Falls das Geld nicht zusammenkomme, betont er, könne er anders finanzieren. „Ich denke immer in Optionen, und ich handle nach Optionen.“ Ihn nervt das Misstrauen der Investoren sichtlich. „Der Rohstoff ist vorhanden, und er ist bergmännisch gewinnbar. Wer jetzt noch Zweifel hat, soll doch Schafe züchten!“

 

Autor: Christoph Schäfer
Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 21.07.2019, WIRTSCHAFT (Wirtschaft), Seite 22 – Ausgabe D1, D2, R
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