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19.03.21 – Lebensmittelzeitung: Branchen im Suchmodus

Die Messlatte der EU liegt hoch: Bis 2030 sollen drei Viertel des Verpackungsmülls recycelt, der Kunststoffanteil deutlich reduziert werden. Auch Verbraucher fordern nachhaltigere Verpackungen. Für die Molkereibranche eine Herausforderung.

Die klassische Plastikverpackung aus fossilen Rohstoffen ist auf dem Rückzug. Nachhaltige Alternativen werden händeringend gesucht. Bei den Molkereien führt die Suche zu zwei Erkenntnissen:
Das Thema ist sehr komplex, und es gibt nicht die eine passende Lösung. Eine aktuelle Inverto-Studie ermittelt bei Befragten aus Handel und Industrie eine gewisse Überforderung beim Thema nachhaltige Verpackungen. „Einen Überblick über alle verfügbaren nachhaltigen Lösungen trauen sich nur 75 Prozent der Verpackungshersteller zu, bei Handel und Konsumgüterproduzenten liegen die Zahlen sogar unter 50 Prozent“, sagt Rudolf Trettenbrein, Geschäftsführer bei Inverto, einer auf Einkauf spezialisierten Tochter der Boston Consulting Group. Auch der Milchindustrieverband kann einen konkreten Überblick über derzeit verwendete Verpackungsmaterialien im Molkereisegment nicht liefern und verweist auf einen Vergleich der Packmittelstruktur im Getränkesegment aus dem Jahr 2018.

An der INVERTO-Studie nahmen insgesamt 147 Teilnehmer teil: 46 Prozent sind in der Konsumgüterindustrie tätig, 34 Prozent im Handel und 20 Prozent bei Verpackungsproduzenten. Etwa die Hälfte der befragten Unternehmen erwirtschaftet einen Umsatz von über 500 Millionen Euro im Jahr. Aktuell beziffert das Gros der Studienteilnehmer den Anteil nachhaltiger Verpackungen in ihrem Unternehmen auf maximal 25 Prozent. „Für rund zwei Drittel der Befragten sind Kapazitäten und Know-how in den Einkaufsabteilungen einfach begrenzt“, erläutert Experte Trettenbrein. Mehr als die Hälfte der Befragten fühle sich beim Thema nachhaltige Verpackungen von Verbraucher und Handel getrieben, so ein Fazit der Studie.

Für Verbraucher gehöre umweltfreundliche Verpackung, möglichst ohne Plastik, zu einem nachhaltigen Produkt dazu. In diesem Punkt mache der Konsument keinen Unterschied zwischen Herstellermarke und Handelsmarke, so das Ergebnis des aktuellen Handelsmarkenmonitors von LZ und dem Marktforschungsuntenehmen Ipsos. Wie deren Umfrage ergab, achten vier von fünf Konsumenten darauf, dass möglichst wenig und recycelbares Verpackungsmaterial verwendet wird. Die höheren Anforderungen an Verpackungen münden demzufolge bei 41 Prozent der Konsumenten in eine höhere Zahlungsbereitschaft. Unter den jüngeren Verbrauchern bis 39 Jahre seien sogar 53 Prozent bereit, ökologischen Mehrwert finanziell zu honorieren.

Vorgaben der Politik und Erwartungen der Konsumenten stellen Hersteller vor eine große Herausforderung. „Wir stehen immer noch am Anfang der Entwicklung nachhaltiger Lösungen. Es gibt kein Patentrezept“, erklärt Ulrich Kurz, Geschäftsführer der Ökologischen Molkereien Allgäu. ÖMA arbeite mit verschiedenen Partnern an neuen Konzepten und gehe Schritt für Schritt in Richtung nachhaltigere Verpackungen. So hüllt die Molkerei seit Februar ihre Käsescheiben in eine Verpackung, die zu 72 Prozent auf Papier basiere. Über ein Jahr wurde am Konzept gefeilt und dafür eine Fertigungslinie umgebaut. Die neue Verpackung besteht aus einer folierten Papierschale, die mit einer Oberfolie verschlossen wird. Folie und Papier lassen sich nach Unternehmensangaben leicht voneinander trennen und den entsprechenden Wertstoffkreisläufen zuführen. „Die neue Lösung spart im Vergleich zu marktüblichen Scheibenverpackungen rund 77 Prozent Plastik ein“, erläutert Kurz.

Glas oder doch Karton

Im Milchsegment favorisieren einige Hersteller verstärkt das Glas-Mehrweg-System, andere setzen naturbraune Packungen aus ungebleichtem Karton ein. So präsentiert sich die Molkerei Ammerländer mit einer Natural Board-Verpackung derzeit in neuem Look. „Im Gegensatz zum Standard-Karton verzichten wir ganz bewusst auf die Weiss-Beschichtung und ersetzen alle fossilbasierten Kunststoffe, in Verschluss und Kartonbarriere, durch Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen“, teilt das Unternehmen mit. Die Milchtüten enthielten neben dem Kartonmaterial, das durchschnittlich 75 Prozent der Verpackung ausmache, eine dünne PE-Schicht auf der Innen- und Außenseite. Dadurch bleibe die Verpackung flüssigkeitsdicht und verhindere das Aufweichen des Kartons. Die neue Verbundlösung wird über die gelbe Tonne entsorgt.

Die Molkerei-Genossenschaft Berchtesgadener Land setzt bei der Beschichtung auf pflanzenbasierte Kunststoffe wie Polyethylen. „Das wird aus brasilianischem Zuckerrohr gewonnen, das überwiegend auf nicht mehr genutztem Weideland gepflanzt wird. „Der Anbau von Zuckerrohr steht nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelversorgung“, sagt Lisa Weitz, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Molkerei. 2017 hatte die Molkerei die erste pflanzenbasierte Kartonverbundverpackung für Milch eingeführt. Im vergangenen Jahr folgten Milchmischgetränke, Joghurtdrinks und Rahmprodukte. Bei allen Verpackungsformaten stammt der Karton aus FSC-zertifiziertem Holz. „Nachhaltigkeit ist kein Status, sondern ein fortlaufender Prozess“, konstatiert Weitz.

CO2-neutrale Verpackung

Seit kurzem ist auch die Molkereigenossenschaft Arla mit einem ungebleichten Karton im Regal vertreten. Der neue Milchkarton hat eine Verpackungsschicht weniger und ist damit leichter. Bei der Herstellung des Kunststoffs für den Deckel sowie die Innenbeschichtung des Kartons kommen erneuerbare Rohstoffe zum Einsatz. „Wir wollen die ökologischen Herausforderungen meistern und sehen uns selbst in der Pflicht, jeden Teil der Wertschöpfungskette im Blick zu haben. Dabei spielen Verpackungen eine wichtige Rolle“, betont Markus Mühleisen, Deutschland-Chef von Arla. Bis 2030 strebt die Molkerei eine Reduktion aller CO2-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von 30 Prozent an. Bis dahin sollen Emissionen, die allein auf Verpackungen zurückzuführen sind, jährlich um rund 8 000 Tonnen CO2 gesenkt werden. Bis 2050 will Arla das gesamte Verpackungsportfolio CO2-neutral gestalten.

Andere nordeuropäische Molkereien haben den Kunststoffverschluss komplett durch eine Easy-Opening-Variante ersetzt. Nach Berechnungen der norwegischen Molkerei TINE reduziert dieser Verzicht den CO2-Fußabdruck der Milch um rund 40 Prozent. Der belgische Milchverarbeiter Inex füllt H-Milch inzwischen in reine PET-Flaschen statt Verbundkartons. „Entscheidend war dabei unter anderem, dass PET nicht nur eine Lösung für haltbare Produkte mit niedrigerem Säuregehalt ist, sondern auch ein 100 Prozent recyclingfähiges Material für einen geschlossenen Wertstoffkreislauf darstellt“, erläutert Inex-CEO Steven Diericks. Die neue Flasche enthalte mindestens 25 Prozent Recycling-PET und sei 20 Prozent leichter als andere PET-Flaschen. Welche Herausforderungen auf dem Weg für nachhaltige Verpackungen noch bewältigt werden müssen, hat das Beratungsunternehmen Ecozept auf der Basis einer Umfrage bei Verpackungsexperten zusammengestellt. „Als größte Barriere wurden die höheren Kosten genannt. Auch waren sich die Fachleute einig, dass der Begriff Biokunststoff missverständlich ist und die Bioabbaubarkeit näher spezifiziert werden muss“, erklärt Denise Gider, die als Projektleiterin bei Ecozept für Kreislaufwirtschaft und Marktforschung zuständig ist. Man müsse deutlich zwischen heimkompostierbaren Verpackungen, die sich im Kompost unterhalb von 30 Grad Celsius zersetzen, und industriell kompostierbaren Verpackungen, die höhere Temperaturen und bestimmte Bedingungen in den Kompostieranlagen benötigen, unterscheiden.

Das Sammeln und Trennen insbesondere neuartiger Materialien ist aus Sicht der befragten Verpackungsexperten noch nicht organisiert, einige biobasierte und bioabbaubare Kunststoffe stören daher bestehende Abfallmanagement- und Recyclingkreisläufe. So können beispielsweise bioabbaubare Kunststoffe nur in einzelnen Ländern über die Biotonne entsorgt werden. In anderen Ländern landen sie auf Deponien oder werden energetisch verwertet.

Fazit der Umfrage: Auch die neuen Kunststoffe müssen noch weiterentwickelt werden. Die Europäische Kommission fördert daher die weitere Forschung. So soll das EU-Projekt GLOPACK Lösungen entwickeln, die aus Maiskolben oder Resten der Saftproduktion bestehen, gentechnikfrei sind und keine Konkurrenz zu Lebensmitteln darstellen. Die neuen Materialien sollen zudem heimkompostierbar sein und das Mikroplastik-Risiko vermeiden. Aktuell befinden sich innovative Hüllen für Frischkäse, Frischfleisch und verzehrfertige Falafeln in der Pipeline. Ecozept ist im EU-Projekt verantwortlich für die Analyse des Verpackungsmarktes, der Geschäftsmöglichkeiten sowie dem Wissenstransfer der Forschungsergebnisse. „Bis neue Konzepte fertig entwickelt und zu konkurrenzfähigen Preisen auf dem Markt gelangen, sind deutliche Investitionen sowie Kooperationen sämtlicher Akteure der Wertschöpfungskette notwendig“, sagt Gider. Zudem sei das Nutzungsende zu betrachten und neue Recyclingprozesse zu etablieren. Diese innovativen Umbruchprozesse könne kaum ein Unternehmen im Alleingang stemmen.

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