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13.11.18 – WirtschaftsWoche: Rohstoff-Studie – Wer nicht absichert, der spekuliert

Jeder Börsianer weiß: Im Einkauf liegt der Gewinn. Das sollten eigentlich auch Unternehmen beherzigen, etwa beim Einkauf von Rohstoffen. Dieser sollte möglichst kosteneffizient abgewickelt werden und die Versorgung langfristig sichern. Tatsächlich aber wird die Bedeutung des Rohstoffeinkaufs in vielen Unternehmen immer noch stiefmütterlich behandelt. Das geht aus einer Studie der auf Einkauf und Supply Chain Management spezialisierten Unternehmensberatung Inverto hervor, deren Ergebnisse der WirtschaftsWoche vorab vorliegen.

Die Tochter des Beratungsriesen BCG hat 112 Geschäftsführer, Vorstände und Entscheidungsträger aus der DACH-Region und dem Vereinigten Königreich befragt. Zwar rechnen 88 Prozent der Teilnehmer mit einem Handelskrieg. Gar 93 Prozent gehen wegen zunehmenden Protektionismus und Handelsbarrieren von Preissteigerungen an den Rohstoffmärkten aus. Doch trotz dieser Erwartungshaltung ergreifen nur wenige Unternehmen geeignete Gegenmaßnahmen, um die Rohstoffversorgung langfristig sicherzustellen und die erwarteten Preissteigerungen etwa durch den Einsatz von Finanzderivaten abzusichern.

Zwar halten 60 Prozent der Befragten im Aufbau alternativer Lieferanten und 49 Prozent in der Identifizierung alternativer Rohstoffe geeignete Abwehrmaßnahmen gegen zunehmenden Protektionismus. Tatsächlich umgesetzt haben das bisher aber nur 44 Prozent (alternative Lieferanten) und 26 Prozent (alternative Rohstoffe) der befragten Unternehmen.

Erschreckend: Obwohl die Mehrheit der befragten Unternehmen mit steigenden Rohstoffpreisen rechnet, sehen nur 23 Prozent im Einsatz von Finanzderivaten ein geeignetes Instrument zur Absicherung ihrer Bezugspreise. Und wo Hedging eingesetzt wird, passiert das eher sporadisch und nicht flächendeckend. 73 Prozent der Teilnehmer sichern maximal ein Zehntel ihres Rohstoffbedarfs durch Hedging-Maßnahmen ab. Dabei lässt sich durch den Einsatz von Rohstoff-Futures genau regeln, zu welchem Zeitpunkt, zu welchem Preis, in welcher Menge und in welcher Qualität der entsprechende Rohstoff geliefert werden muss. Das verschafft Kalkulationssicherheit.

Was sind die Gründe für den geringen Einsatz von Hedging? 44 Prozent der Unternehmen vertreten die Meinung, dass für ihre relevanten Rohstoffe keine adäquaten Absicherungsprodukte verfügbar sind. Ein Irrglaube. Denn tatsächlich können die meisten in der Studie genannten Rohstoffe an den Terminmärkten abgesichert werden. Hedging wird selbst auf höchster Managementebene immer noch oft als spekulativ angesehen (31 Prozent). Doch auch wer nicht absichert, spekuliert – auf geringe Preisbewegungen. Bauern und Agrarhändler sichern sich dagegen schon seit Jahrhunderten mit Termingeschäften ab. Schon im Mittelalter wurden ganze Schiffsladungen verhökert, obwohl die Waren noch monatelang auf den Ozeanen schipperten, bevor sie den Hafen erreichten.

Bei den Unternehmen der Studie liegt der Rohstoffanteil am gesamten Einkaufsvolumen im Schnitt bei 35 Prozent. Dennoch meinen 27 Prozent, der Einfluss von Rohstoffpreisschwankungen auf das Betriebsergebnis sei zu gering, um diese mit geeigneten Hedging-Instrumenten abzusichern. Weitere Gründe für den geringen Einsatz von Hedging: Fehlende Expertise im eigenen Unternehmen (30 Prozent), unklare Verantwortlichkeiten (12 Prozent), einen zu geringen Austausch mit der Finanzabteilung (12 Prozent) und die hohe Komplexität dieser Finanzprodukte (10 Prozent). Die Sorglosigkeit überrascht mit Blick auf die Größe der Unternehmen. Immerhin beschäftigt über die Hälfte der befragten Unternehmen mehr als 1000 Mitarbeiter, knapp ein Viertel gar mehr als 5000. Mit zunehmender Größe der strategischen Einkaufsabteilung verringert sich gar der Anteil spezialisierter Rohstoffeinkäufer.

Es wäre ein schwacher Trost: Denkbar, dass die Preise vieler Rohstoffe trotz zunehmenden Protektionismus überhaupt nicht weiter steigen, weil die Weltwirtschaft eben durch Handelskriege insgesamt geschwächt wird und die Nachfrage nach Rohstoffen nachlässt. Die Probleme für die Unternehmen verlagerten sich in diesem Szenario von der Einkaufsseite auf die Absatzseite. Mit geringeren Absatzmengen rechnen derzeit allerdings nur 19 Prozent der befragten Unternehmen. Die Umfrage könnte so gesehen auch als Stimmungsindikator für Anleger wertvoll sein.

 

Autor: Doll, Frank
Erschienen in der WirtschaftsWoche online, am 13.11.18
https://www.wiwo.de/
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