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13.10.2020 – FAZ: Kopflos durch die Krise?

Im Zeichen von Corona setzen viele Unternehmen auf vermeintlich Bewährtes: kürzen, abbauen, sparen. Schon in der Finanzkrise hatte sich das als kurzsichtig erwiesen.

Von Manfred Godek

Wissenschaftliche Mitarbeiter sind das Potential, aus dem Anwaltskanzleien ihren Top-Nachwuchs rekrutieren. Nur eine Woche nach dem Lockdown, Ende März, setzte eine internationale Sozietät in Deutschland rund 100 dieser jungen Juristen vor die Tür. Es gehe darum, den Geschäftsbetrieb gegen eine länger anhaltende wirtschaftliche Krise abzusichern, hieß es in einem Statement. Andere Kanzleien reagierten gefühlvoller. Sie verschoben Einstellungstermine und setzten Boni-Zahlungen aus, um sich finanziell Luft zu verschaffen. Denn drastische Personalkürzungen könnten zum Bumerang werden. Am Ende fehlt womöglich das Personal für neue Mandate, die, welche Ironie, ausgerechnet pandemiebedingt hinzugewonnen werden – zum Beispiel Übernahmen, Umstrukturierungen und die zunehmenden Rechtsstreitigkeiten zwischen Unternehmen und ihren Lieferanten.

Ressourcen in Gefahr.

Einfach den Geldhahn zuzudrehen ist eine schnell wirksame Methode. Kürzungen nach der Rasenmähermethode können allerdings Kollateralschäden verursachen, die den eigentlichen Zweck von Kostenoptimierungen, nämlich das Geschäft von morgen zu sichern, ins Gegenteil verkehren. Das gilt speziell, wenn Mitarbeiter von den Kürzungen betroffen sind. Blicken wir zehn Jahre zurück: Infolge der Finanzkrise wurden Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) sowie in marode IT-Infrastrukturen gestrichen, Personal abgebaut oder die Gebäudeunterhaltung zurückgefahren. Als der Aufschwung wieder einsetzte, verpassten viele mangels Ressourcen den Anschluss. Doch die Neigung zur Verdrängung ist weiter verbreitet als die Bereitschaft, aus Erfahrungen und Fehlern zu lernen. In vielen Unternehmen zeichnen sich vielmehr die gleichen Handlungsmuster wie 2008/2009 ab, die der Unternehmer Carsten Maschmeyer mit drastischen Worten kommentiert: „Sich jetzt kaputtzusparen ist, wie aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen.“

Die Haupt-Lebensader eines produzierenden Unternehmens ist die „Supply Chain“ – die Lieferkette. Alles hängt davon ab, ob die zur Weiterverarbeitung benötigten Teile pünktlich zur Verfügung stehen. In der Finanzkrise waren Lieferanten Preiszugeständnisse abgerungen worden, nach dem Motto „Zehn Prozent gehen immer“. Das ging tatsächlich – zu Lasten der Qualität. Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, führt unter anderem die hohe Zahl an Rückrufen führender Fahrzeughersteller ab etwa 2013 darauf zurück. Später versuchte angeblich der eine oder andere Schlüssellieferant, mit vorgetäuschten Produktionsproblemen bessere Konditionen zu erpressen. Auch jetzt wieder sind Anwälte gefragt. Ob etwa pandemiebedingte Lieferausfälle als höhere Gewalt hinzunehmen sind oder ob eigene Absatzschwierigkeiten es rechtfertigen, die vereinbarten Auftragsvolumina einseitig zu kürzen, ist in den Verträgen oftmals nicht eindeutig geregelt. Und was passiert, wenn der Lieferant insolvent ist? Viele Teile lassen sich nicht so schnell anderweitig beschaffen, so dass im Worst case auch die eigenen Bänder stillstehen.

„Vor allem die Automobilbranche muss mit Problemen ihrer Zulieferer rechnen. Diese hatten schon 2019 mit der konjunkturellen Eintrübung zu kämpfen, dann kam Corona, und nebenher müssen sie noch die Umstellung auf die E-Mobilität stemmen“, sagt Thibault Pucken, Geschäftsführer von Inverto, der auf Einkauf und Supply Chain Management spezialisierten Tochter der Boston Consulting Group. Man rechne mit Ausfällen, womöglich mehr als in der Finanzkrise, wo es rund 80 Firmen getroffen habe. Pucken: „Gegen Ausfälle wappnen sollten sich auch Unternehmen, die automobile Zulieferer haben, selbst aber in einer anderen Branche tätig sind.“ Im Bereich Handel und Konsumgüter werde es die Modebranche hart treffen, die schon seit einiger Zeit mit strukturellen Problemen kämpfe.

Auf die womöglich existentielle Frage, wie im Zeichen von Corona der Nachschub gesichert werden kann, wissen allerdings nur wenige eine Antwort. Laut dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) haben nur 22 Prozent der Unternehmen ein Pandemie-Szenario in ihrem Risikomanagement berücksichtigt und lediglich die Hälfte davon Maßnahmenpläne entwickelt. Eine Inverto-Studie registriert allerdings einen Umdenkprozess. Unter dem Druck der Ereignisse können sich rund 80 Prozent der Unternehmen zumindest vorstellen, Lieferanten in Not unter die Arme zu greifen, zum Beispiel mit verkürzten Zahlungszielen, Preiszugeständnissen oder der Beschaffung von Vormaterialien auf eigene Rechnung.

Das ist aber nur der zweite Schritt. Pucken: „Solche Entscheidungen setzen voraus, dass ich erstens weiß, wie wichtig der Lieferant für mein Unternehmen tatsächlich ist, und dass ich zweitens Transparenz habe, wie es um den Lieferanten bestellt ist.“ Ersteres müsse der Einkauf mit internen Partnern aus Vertrieb, Forschung & Entwicklung und Kundenservices klären. Für Letzteres helfe der Aufbau eines engen Drahts zu den Lieferanten.

Jetzt gezielt investieren.

Im Zeichen von Corona werden einmal mehr zwei diametral gegeneinanderstehende Denkrichtungen deutlich. „Wo beispielsweise einige ihre Nachhaltigkeitsabteilungen in Kurzarbeit geschickt und alles, was reduzierbar war, reduziert haben, um Kosten zu sparen, haben andere die Disruption der Krise dazu genutzt, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten zu intensivieren“, so Laura Marie Edinger-Schons, Professorin für nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Mannheim.

Eine Shutdown-Phase könne zudem genutzt werden, die eigenen Geschäftsprozesse zu durchleuchten und in Richtung Nachhaltigkeit zu transformieren. Dagegen werde es für Unternehmen, die diese Chancen nicht nutzten, um Geld zu sparen, in Zukunft womöglich sehr teuer. Auch das zeigt ein Rückblick auf die Finanzkrise. Laut einer Studie des ZEW Leibnitz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung haben deutsche Unternehmen, die ihre Innovationsaktivitäten nach 2008/2009 antizyklisch erhöhten, die damalige Rezession viel besser überstanden als andere.

 

erschienen in der F.A.Z. vom 13.10.2020, Zukunft Mittelstand (Verlagsbeilage), Seite V2 – Ausgabe D1, D2, D3, R
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