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12.03.21 – Wirtschaftswoche: Luxusgut Sommerreifen

Die Coronakrise stört den Nachschub vieler Rohstoffe. Auch Kautschuk wird rar. Das belastet sowohl Autozulieferer wie Reifenhersteller – und dürfte bald auch die Verbraucherpreise treiben.

Von Annina Reimann

Eigentlich wollte Sven Vogt am 17. Februar mit seiner Frau bei einem Glas Wein ein privates Jubiläum feiern. Doch die Lust auf den Primitivo verging ihm, als er noch mal kurz in seine E-Mails blickte. Ein Kautschuklieferant wolle mit ihm „die möglichen Teillieferungen“ für die kommenden Wochen abstimmen. „Teil“-Lieferungen? Vogts Puls schnellte hoch „auf Schlagaderniveau“ – und beruhigte sich auch in den folgenden Tagen kaum. Er erhalte solche Mails inzwischen „fast regelmäßig“, die Situation sei „extrem“.

Vogt ist Chef und Gesellschafter der KKT Gruppe, die Gummi-, Silikon- und Kunststoffteile, aber etwa auch Atemschutzmasken für Feuerwehrleute herstellt. KKT benötigt dafür monatlich 60 bis 70 Tonnen Spezialkautschuk, vorwiegend das Naturprodukt. In normalen Zeiten trifft die bestellte Ware nach zwei bis acht Wochen ein. Im Moment geben Händler die Lieferzeit mit bis zu 40 Wochen an – vorbehaltlich.

Kautschuk – ein knappes Luxusgut? So wie Vogt geht es vielen Mittelständlern und Konzernen. Die Preise für den Rohstoff explodieren, die Transportwege sind verstopft, der Nachschub versiegt. Die Gummikrise belastet zahlreiche Firmen – und bald auch den Verbraucher. Die Bedeutung von Kautschuk wird oft unterschätzt. Das Material dichtet ab, isoliert, dämpft, ist elastisch und weist Wasser ab. Man braucht es für Babyschnuller, Kondome, medizinische Handschuhe, für Dichtungen, Schläuche, Schuhsohlen, für die Lärmdämpfung – und natürlich für Reifen.

Langsam an der Rinde runter

Naturkautschuk kommt vor allem aus Thailand, Indonesien, Malaysia, Vietnam. Und im Zuge der Pandemie wurde die Produktion dort „zeitweise stark heruntergefahren“, heißt es beim Arbeitgeberverband der Deutschen Kautschukindustrie (Adk).

Die Gewinnung ist Handarbeit. Arbeiter ritzen die Rinde der Bäume an, Latex rinnt in winzigen Mengen in einen Behälter am Baum. Die Plantagen beschäftigen teils Wanderarbeiter, die während Corona nicht reisen konnten. Ebenso hat das chinesische Neujahrsfest Arbeiter blockiert. So wurden Lagerhäuser nicht wie üblich vor der trockenen Jahreszeit aufgefüllt.

Vorerst bleibt Kautschuk knapp. Lieferanten schicken Unternehmen Briefe wie diesen: Wie man sicher wüsste, seien die Preise seit dem vierten Quartal nicht nur „am Steigen“, sondern die Rohstoffmärkte würden „durch ein bereits bestehendes und sich weiter verschärfendes Versorgungsproblem überschattet“. Die Nachfrage seit dem vierten Quartal sei „extrem angestiegen“, sagt Rupert Feuerlein, Einkaufsleiter des Gummiwerks Kraiburg: „In den Lieferketten ist man darauf nicht eingestellt.“ Habe der Kunde „keinen festen Abnahmevertrag“, sondern nur eine unverbindliche Prognose vereinbart, werde er „nachrangig beliefert“, heißt es bei der Einkaufsberatung Inverto. Der Engpass dürfte sich verschärfen: Ein Großteil der 70 000 deutschen Kautschuk-beschäftigten liefert Teile für die Autoindustrie; Experten erwarten, dass die globale Fahrzeugproduktion 2021 in etwa um zehn Prozent anzieht.

Laut Inverto setzt die deutsche Kautschukindustrie im Schnitt etwa elf Milliarden Euro jährlich um. Verarbeitet werden Naturkautschuk und synthetische Alternativen – dafür braucht man Öl. Oft werden in der Produktion beide Sorten gemischt, damit das Endprodukt besonders elastisch, haltbar, hart, hitze- oder kältebeständig ist. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 678 000 Tonnen Kautschuk verbraucht, ein Großteil davon entfällt auf Reifen. Continental-Finanzchef Wolfgang Schäfer erwartet, dass höhere Einkaufspreise den Konzern 2021 rund 200 Millionen Euro extra kosten – vor allem in der Rubber-Sparte samt Reifen.

Machtbalancen bei den Rohstofflieferanten

Dramatischer dürfte sein, dass die Machtbalance zugunsten der Rohstofflieferanten kippen könnte. Bei den 2021 anstehenden Neuverhandlungen von Lieferverträgen beobachte Conti „Forderungen nach höheren Prämien“ sowie „Ressentiments gegenüber langfristigen Laufzeiten beziehungsweise verbindliche Zusagen konkreter Volumina“. Ein Team beobachte die Situation „rund um die Uhr“ und bleibe mit Lieferanten, Händlern, Speditionen und Reedereien „in engem Austausch“. Die Situation sei „angespannt“.

Auch „deutsche Automobilhersteller rechnen mit Kostenerhöhungen im zweistelligen Millionenbereich bei der Erstausstattung mit Fahrzeugreifen“, sagt Lars-Peter Häfele von Inverto. Michelin bestätigt, dass man mit einem Preisanstieg kalkuliere. In Deutschland hat Michelin den Autohändlern bereits eine Preiserhöhung für Sommerreifen angekündigt – und damit auch für Endkunden. Es könne „vereinzelt“ zu Lieferverzögerungen kommen, so Michelin.

Selbst wenn Kautschuk in ausreichender Menge produziert werden könnte, käme es kaum ausreichend in Europa an. Die Transportwege zwischen Asien und Europa sind gestört; die Preise für Seefracht sind auf vielen Routen explodiert, haben sich teils verzehnfacht. Immer wieder komme es vor, erzählt Kautschukhändler Phillip Bernhöft von Weber & Schaer, dass seine Ware im Hafen liegen bleibe, weil trotz Buchung kein Platz auf einem Schiff vorhanden sei: „Rohstoffe und Schiffe waren immer ausreichend da, jetzt aber fließt sehr viel Schweiß, bis ich ausreichend Kapazität beisammen habe.“ Erholung erwarten Experten „nicht vor Juni“. Conti bestätigt, dass „schlichtweg“ Verschiffungskapazitäten fehlten.

Bei den Autobauern ist die Gummikrise noch nicht angekommen. VW und Daimler sehen „keine Einschränkungen“, auch BMW könne „keine Versorgungsengpässe“ feststellen. Inverto-Berater Häfele erwartet aber, dass die Krise auch dort zuschlagen wird: Lieferzeiten für Kautschukteile dürften „neben dem Preisdruck länger werden“.

Sicherheit garantieren derzeit nicht einmal mehr Verträge. Beim Verband Adk heißt es, dass „Lieferpartner immer öfter Jahreskontrakte kündigen“. Kautschukhänd ler fürchteten, dass ihnen sonst Gewinne entgingen – oder Lieferzusagen nicht einhalten zu können. Wer Verträge geschlossen habe, werde noch zum vereinbarten Preis bedient, sagt Ralf Aumann, Chefeinkäufer der Arnold Jäger Holding. Aber brauche ein Kunde mehr Rohstoff als Ende 2020 geplant, werde Kautschuk derzeit „höchstbietend verkauft“.

Planung der Auftragseingänge

Generell haben viele Unternehmen Ende 2020 auf einem niedrigen Niveau geplant – und werden nun von den zahlreichen Auftragseingängen ihrer Kunden überrascht. Immer häufiger kündigen auch die Kautschuklieferanten von Einkäufer Aumann an, dass der Bestand in den Lagern abnehme. Sein Unternehmen produziert und liefert etwa technische Komponenten aus Gummi und Kunststoff für die Bereiche Maschinen- und Anlagenbau, Energie, Umwelt und Agrar. Bei bereits platzierten Bestellungen erfolgt die Belieferung der Kunden wie geplant. Doch bei Neuaufträgen kann nun auch sein Unternehmen erst deutlich später liefern als üblich – aus vier bis sechs Wochen können nun schnell drei Monate werden.

Das Problem: Da Kautschuk ein Naturprodukt ist, können Produzenten die Produktion nicht einfach ankurbeln. Wer heute einen neuen Baum pflanzt, muss fünf bis sieben Jahre auf die erste Ernte warten.

Vogt von KKT bangt nun um sein Kautschuklager. In normalen Zeiten hat er einen „hohen Sicherheitsbestand“, der reicht für bis zu drei Monate. Doch schon im April dürfte er gar keine Reserven mehr haben.

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