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10/2017 – CASH: Süße Zeitenwende

Mit 1. Oktober 2017 fielen zentrale Punkte der EU-Zuckermarktordnung weg. Welche Auswirkungen diese Liberalisierung vor allem auf die europäische Lebensmittelindustrie hat, lesen Sie hier.

Produktionsquoten, Mindestpreise, gesonderte Einfuhrbestimmungen, strikte Ausfuhrbestimmungen etc., etc., etc. Die Produktion bzw. der Handel mit Zucker in der Europäischen Union war und ist nach wie vor durch eine Fülle an Regeln geprägt. Einige dieser Regeln sind nun am 1. Oktober 2017 gefallen. Dazu zählen die Abschaffung der EU-Produktionsquoten für Zucker (13,53 Mio. t) und Isoglukose (0,72 Mio. t), die Aufhebung der Mindestpreise für Quoten-Zuckerrüben (26,29 Euro pro t) sowie der Fall der Produktionsabgabe für Quoten-Zucker bzw. -Isoglukose (12 bzw. 6 Euro pro t). Die Zollregelungen für Zuckerimporte in die EU bleiben zwar erhalten, aber die bisher von der Welthandelsorganisation WTO auferlegten Exportbeschränkungen für europäische Zuckererzeuger sind aufgehoben. Europas Zuckermarkt rückt somit näher an den Weltmarkt mit all seiner Volatilität.

„Game Changer“ für alle Beteiligten

Marcus Schwarz, Principal bei der auf Einkauf und Supply Chain Management spezialisierten Unternehmensberatung Inverto mit Hauptsitz in Köln, bezeichnet die mit 1. Oktober 2017 in Kraft getretenen Veränderungen als „Game Changer für alle Beteiligten“. „Während Produzenten schon seit Monaten ihre Kapazitäten erweitern, um die neuen Möglichkeiten am globalen Markt ausschöpfen zu können, wird die Beschaffung für Zucker verarbeitende Unternehmen deutlich komplexer.

Aktuell ist schwer absehbar, in welche Richtung sich der Zuckerpreis entwickeln wird. Entsprechend sollten sich Unternehmen so vorbereiten, dass sie auf beide Fälle adäquat reagieren und zum bestmöglichen Preis die benötigte Menge beschaffen können. Dafür bedarf es erstmals einer professionellen Beschaffungsstrategie“, betont Schwarz, der der Lebensmittelindustrie angesichts des jährlich um zwei bis drei Millionen Tonnen steigenden Weltzuckerbedarfs (siehe Grafik „Erzeugung, Verbrauch und Lagerbestände von Zucker weltweit“) zu einer professionellen Sourcing-Strategie sowie zu gezieltem Risikomanagement rät.

Hedging zur Preis- und Mengensicherung

„Als Erstes sollten die benötigten Zuckermengen und Preise abgesichert werden, denn in der Regel lassen sich ungeplante Preissteigerungen nicht einfach an Kunden weitergeben“, so der Unternehmensberater, der als konkrete Methoden verschiedene Arten des Hedgings nennt. „Physikalisches Hedging, also die Bedarfssicherung durch Lagerhaltung, ist sicherlich der operativ leichteste Weg, benötigt aber entsprechende räumliche Kapazitäten und wirkt sich unter Umständen negativ auf das Working Capital aus. Erschwerend kommt hinzu: Sollten viele Abnehmer großer Zuckermengen diesen Ansatz verfolgen, destabilisiert das den Zuckermarkt noch weiter“, bemerkt Schwarz.

Für Großabnehmer erachtet der Inverto-Manager vor allem Lieferantenhedging, also die Zusage von Abnahmemengen und die Fixierung von Preisen über einen bestimmten Zeitraum, als besonders lohnenswert. „Wird diese Strategie mit unterschiedlichen Laufzeiten bei mehreren Kontrakten angewendet, lässt sich eine wirtschaftliche Kombination aus Versorgungssicherheit und Bestpreisen erzielen“, erklärt Schwarz.

Frühzeitige Ausschreibung schafft Handlungsspielraum

Kleinere Unternehmen sollten seiner Meinung nach hingegen kurze Entscheidungswege im Tagesgeschäft etablieren, um am volatilen Markt die benötigte Zuckermenge zum besten Preis beschaffen zu können. Folgende drei strategische Maßnahmen sollten dabei in den Unternehmensablauf integriert werden: Der stetige Austausch mit vorqualifizierten Lieferanten kann die eigene Marktbeobachtung um externe Expertise ergänzen und liefert gegebenenfalls relevanten Input zur Bestimmung des optimalen Kaufzeitpunkts. Eine frühzeitige Ausschreibung verschafft ausreichenden Handlungsspielraum, um auf Preisschwankungen zu reagieren, gute Angebote schnell anzunehmen und bei unerwartet hohen Preisen, zum Beispiel durch höhere Gewalt wie einem Unwetter, abzuwarten. Zudem sollten laut Schwarz Einkäufer vom bisherigen „Ein-Lieferanten-Modell“ am limitierten Zuckermarkt Abschied nehmen und bei guten Angeboten flexibel Teilmengen vergeben.

 

Erschienen in der CASH Ausgabe 10/2017, S. 8
Autor: Stefan Pirker

 

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