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10.10.2019 – TextilWirtschaft: Speed für die Kette

Mehr Vollpreisgeschäft durch schnellere Kollektionen und bessere Trenderkennung. Ein Hebel dafür ist die Digitalisierung des Sourcing. Das Problem: Das Gros der deutschen Modelieferanten ist davon noch meilenweit entfernt.

Neue Lust auf Tailoring bei den Männern? Wenn es nach Saint Laurent- Designer Hedi Slimane geht, auf alle Fälle. Die scharfen Schnitte in seiner Kollektion sorgten bei den Menswear-Schauen in Paris für Aufsehen. Dazu ein guter Schuss Leo, Leder und Krawatten, wie es an der Seine nicht nur bei Versace zu sehen war. Das war im Juni. Knapp sechs Wochen später zeigte Zara die Kampagne zur neuen Saison. Die Bilder erinnerten an eine Mischung aus Saint Laurent und Versace – die passende Kollektion dazu gab es in den Läden und im Online-Shop. Goto-Market par excellence.

Wenn es um Geschwindigkeit geht, sind die Spanier fast unschlagbar. Schneller ist nur der britische Online-Modehändler Boohoo, der sich auf preisaggressive, schnelle Mode für 16-bis 30-Jährige spezialisiert hat. „Boohoo braucht in der Regel von der Idee bis zum Online-Shop zwei Wochen“, sagt Kiran Mazumdar, einer der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Inverto. Bei Zara seien es drei bis fünf Wochen, bei H &M zehn und dann kämen schon die Unternehmen, die mindestens sechs Monate benötigten. Dabei ist das Go-to-Market heute für den Geschäftserfolg entscheidender denn je. Je schneller modische Kleidung den Konsumenten erreicht, desto mehr Artikel können zum vollen Preis verkauft werden, heißt es denn auch in einer Studie von McKinsey aus dem Herbst 2018 zu den Go-to Market-Prozessen in der Modeindustrie.

Dass Boohoo und Zara so schnell sind, liegt zu einem großen Teil daran, dass sie die Produktion für Trendartikel quasi vor der eigenen Haustür haben. Aber auch an einem hohen Digitalisierungsgrad, der es ermöglicht, entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit ausgeklügelten Systemen und der größtmöglichen Transparenz zu arbeiten. „Im wesentlichen müssen Trends permanent systematisch erfasst und Trendinformationen entlang der Kette bereitgestellt werden. Das beschleunigt den Prozess“, bestätigt auch Godecke Wessel. Er hat 2016 in Berlin die Sourcing-Plattform Foursource gegründet. Das Unternehmen will Modeanbieter bzw. deren Einkäufer und Lieferanten der Modebranche zusammenbringen und arbeitet dafür mit einer Matching-Logik. Beide Parteien hinterlegen auf der Plattform ihre Profile, präsentieren sich mit Foto,einer Beschreibung ihrer Leistungen und ihren Besonderheiten. Ein Algorithmus
paart dann die Kunden mit den idealen Lieferanten. Das Ganze funktioniert ähnlich wie beispielsweise die Hotelsuche im Netz,bei der die Interessenten den Ort und ihre Präferenzen für Lage, Zimmer, Ausstattung, Preis etc. eingeben. Die Parameter werden abgeglichen und eine Liste mit Vorschlägen wird erstellt. Daraus können die Interessenten den für sie passenden Partner wählen. Je mehr Informationen die Unternehmen zur Verfügung stellen, desto relevanter sind die Ergebnisse. Aber das System kann noch mehr:Es kann bei der Verwaltung des Fabrikanten-Portfolios helfen und kann Richtlinien für Standards wie GOTS oder Oeko-Tex in Echtzeit verifizieren. Auf Foursource finden sich inzwischen 24471 Hersteller aus 102 Ländern. Auswählen können die Einkäufer aus 22 Kategorien, darunter Jacken und Mäntel, Kleider, Pullover, Anzüge, Hosen, Wäsche und Accessoires. Auf Einkäuferseite dabei sind Unternehmen wie Adler,Escada,Jack Wolfskin,Katag,Brax,S.Oliver sowie Marc Cain, Oui und Takko.

Und warum das Ganze? „Die Zukunft der Modebranche liegt in der Geschwindigkeit“, ist Wessel überzeugt. Trends müssten heute schneller umgesetzt werden. Wenn es um Geschwindigkeit geht, spricht Wessel ausdrücklich von Trends, denn er sagt auch: „Speed braucht man nicht im gesamten Sortiment.“ Denn Trendartikel seien in vielen Fällen eine Ergänzung. Trotzdem brauche es
auch beim Basic-Sortiment mehr Speed,denn das senke die Losgrößen und die Wiederbeschaffungszeit, und „damit auch die Prozess- und Lagerbestände sowie die Kaptialbindung. Lieferanten für kleinere Losgrößen zu finden, ist einer der Services von Foursource. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Beschaffung ist die Vermeidung von Intransparenz. In der Regel tauschen die Auftraggeber pro Jahr 20 % ihrer Lieferanten aus. Weil sie unzufrieden sind, aber vor allem, weil die Karawane immer weiter zieht.

Zwar ist China noch immer wettbewerbsfähig, aber dennoch teurer als beispielsweise Vietnam und Kambodscha. Diese beiden Länder könnten durch den Handelskrieg zwischen den USA und China nun noch mehr Auftrieb bekommen, dann „wird es in diesen beiden Ländern enger. Also wird man sich wieder nach neuen Lieferländern umsehen“, sagt Oliver Schlömann, Partner beim Beratungsunternehmen Retail Excellence. Wenn Unternehmen in neue Länder gehen, haben sie keine Listen, auf die sie zurückgreifen können. Die Märkte seien oft intransparent, die Vergleichbarkeit nicht gegeben, so Wessel. Informationen und Daten müssen also her, am besten gleich ein Netzwerk. Digitale Ketten aufbauen, wie Li & Fung das tut, darin sehen viele die Zukunft der Modeindustrie.
Der weltweit größte Beschaffer ist gerade dabei, entlang der kompletten Wertschöpfungskette einen Daten-Pool zu schaffen. Damit ließen sich die Transferzeiten vom Baumwollfeld bis zum POS halbieren, ist L i & Fung-Chef Spencer Fung überzeugt. Innovationen funktionierten heute plattformökonomisch, sagt auch Christopher Möhle, Chef der Berliner Digitalagentur Turbine Kreuzberg. Ziel müsse sein, den Unternehmen ein neues digitales Ökosystem zur Verfügung zu stellen, das auch Produkte und Services der Wettbewerber mit einbezieht. Soll heißen: Die Wettbewerber teilen auf einer Plattform ihre Daten. Die Produktions- und Lieferketten werden dabei aufgebrochen, statt eines linearen Ablaufs entsteht ein Netz. „In ihm werden die Daten der angeschlossenen Lieferanten, Einkäufer und Verkaufsflächen kumuliert und mit den Trends und den Wünschen der Verbraucher in Echtzeit angereichert“, erklärt Möhle.

Eine radikale Denkweise. Denn dafür dürfte nicht mehr in Kollektionen gedacht werden. Möhle: „Eine Kollektion, die von einem Designer entworfen, dann produziert und zur geplanten Saison auf die Fläche gebracht wird, ist überholt.“ Künftig würden die Abverkaufsdaten von den Flächen und den Online-Shops und Trends, die sich in Blogs und den Sozialen Netzwerken herausbilden,
in das Netz eingespielt. So könnten Marken, Lieferanten und Produzenten zeitnah reagieren. Genau das Prinzip, das auch Li& Fung etablieren möchte. Entscheidend dafür ist die Datenqualität, sagen Wessel und Möhle. Darin liegt auch einesder größten Probleme: „In sich geschlossene Plattform-Systeme ermöglichen eine ganz andere Geschwindigkeit in der Beschaffung. Dafür gibt es in der Branche bereits einige sehr gute Beispiele“, so Möhle. Par excellence beherrschen das vertikale Anbieter wie – siehe oben – Inditex. Spannend wird es bei Unternehmen, die nicht vertikal sind – also beim Gros der deutschen Modeindustrie. Die Wettbewerber nicht schlau machen, ist eines der häufigsten Argumente gegen Plattformen. „Unternehmen müssen einen Teil dessen, was ihre Marke ausmacht, aus der Hand geben. Das ist ein Bruch mit der Tradition und das, wollen viele nicht“, so Wessel. Bei ihm könnten die Marken oder Lieferanten die Informationen ihrer Mitbewerber nicht sehen. „Es ist eine Abwägungssache“, sagt Möhle. „Ich bekomme auf einer Plattform ja auch viele Informationen. Und den Konsumenten interessiert nur, bei wem er das gewünschte Produkt am schnellsten bekommt.“

Daten seien der Hebel für den Markterfolg, das bewiesen datengetriebene Geschäftsmodelle wie Amazon und Google jeden Tag aufs Neue. Die ideale Plattform stellt intelligent aufbereitete Daten zur Verfügung. Dazu müssten Lieferanten ihre Kapazitäten in Echtzeit übermitteln. Die Auftraggeber müssten im Gegenzug Informationen etwa über die LUG zur Verfügung stellen. Das Ganze wird dann mit Marktdaten kombiniert, etwa Informationen aus Blogs und Sozialen Medien. „Für die Umsetzung braucht es dann nur noch die passende Technik. Sobald klar ist, welche Ziele man erfüllen möchte, fällt es leichter, die Werkzeuge dafür abzuleiten“, so Möhle. Auch wenn die Ziele feststehen, ist die Technik bei der Mehrheit der Modebranche einer der Knackpunkte: Viele der Daten zwischen Auftraggeber und Lieferant werden noch immer per Mail ausgetauscht. „Das ist noch alles sehr bodenständig. Die breite Masse ist noch nicht so weit“, sagt Kiran Mazumdar von Inverto.

Zum gleichen Ergebnis kommt auch die aktuelle Benchmark-Studie „Supply Chain Management in der Bekleidungsindustrie“ des Modeverbands GermanFashion. Darin heißt es, mehr als ein Zehntel der befragten Unternehmen tauscht sich mit seinen Vorstufen-Lieferanten gar nicht aus, ein Viertel von ihnen nur „sporadisch“. Das Gros (65 %) kommuniziert mit den Lieferanten per Mail oder Telefon. Bestellt wird bei der Mehrheit (80 %) per Mail, bei manchen sogar noch per Brief. EDI nutzen laut Studie gerade mal 4,5%, E-Procurement und Lieferanten-Plattformen 8 % – ein „sehr geringes Nutzungslevel“. Digitale Tools werden also noch nicht flächendeckend genutzt. „Man muss erst mal die internen Prozesse in den Griff bekommen. Plattformen wie Foursource können helfen, einen Lieferanten-Pool aufzubauen“, sagt Mazumdar. Das zeigt auch die McKinsey-Studie: Mehr als 70 % der Modeunternehmen gab dort an, neue Produkte zu langsam auf den Markt zu bringen, weil es an den digitalen Tools und den Fähigkeiten fehle. Bei der Digitalisierung der deutschen Modeunternehmen liege noch vieles im Argen, bestätigt auch Oliver Schlömann von Retail Excellence. Er plädiert vor allem im Hinblick auf Schnelligkeit und Nachhaltigkeit dafür, digitale Farbkarten und digitale Produktentwicklung zu pushen. Schlömann: „Die Technik ist deutlich
weiter, aber sie wird nicht integriert und überfordert viele. Das muss sich schleunigst ändern,wenn wir in Deutschland und Europa nicht noch weiter ins Hintertreffen geraten wollen.“

Einen Punkt, den auch die Benchmark-Studie von GermanFashion bestätigt: Gefragt nach den größten Hindernissen der Digitalisierung, gaben 82 % fehlendes Personal und 62 % mangelndes Know-how und das Wissen um die Möglichkeiten an. Bei knapp der Hälfte (46 %) ist das größte Hindernis die Gewohnheit. „In den nächsten fünf Jahren werden wir die Früchte der Digitalisierung in Deutschland sicherlich nicht im technisch möglichen über fang sehen“, prophezeit Mazumdar. Er plädiert dafür, auf alle Fälle die Lieferanten mit einzubeziehen und keine Insellösungen zu
schaffen. Matchmaking-Plattformen seien ein guter Ansatz. Aber bevor dieser Schritt gemacht werden könne, müssten die internen Prozesse geklärt werden. Mazumdar: „Einen Lieferanten-Pool zu haben, ist wichtig, um nicht abhängig von einigen, wenigen zu sein.“ Das Argument, immer mit den gleichen Herstellern zusammenzuarbeiten, um Sicherheit zu haben, lässt er nur zum Teil gelten. „Für Projekte sollte man immer Lieferanten in der Hinterhand haben. Dann kann man Dinge schon vorab testen und nicht erst, wenn es Anfragen gibt.“

Auf die deutsche Modeindustrie kommt noch viel Arbeit zu, wenn sie mit dem sich verschärfenden Wettbewerb und den immer schneller werdenden Go-to-Market- Prozessen mithalten möchte. Mazumdar:
„Bislang wurde die Entwicklung verschlafen. Es gibt Ansätze, aber keine Benchmark.“ Wie Zara muss sicherlich nicht jedes Unternehmen werden. Aber ein bisschen Zara im eigenen Haus könnte schon helfen, damit die scharfen Schnitte von den Menswear-Schauen im Juni 2019 in Paris nicht erst im Dezember 2020 auf den Markt kommen.

Autorin: Ulrike Wollenschläger

Erschienen in der TextilWirtschaft, am 10.10.19
https://www.textilwirtschaft.de/
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