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07.02.2020 – WirtschaftsWoche: Goliath gegen Goliath

Angeblich drücken Supermarktketten und Discounter die Preise für Lebensmittel so stark, dass Bauern um ihre Existenz fürchten müssen. Das ist das vorherrschende Bild. Doch tatsächlich sichern riesige Genossenschaften die Verhandlungsmacht der Landwirte. Ihre Probleme haben ganz andere Ursachen.

In der Nacht vor dem Gipfel blockierten Bauern mit 220 Traktoren die Zufahrtswege zu mehreren Edeka-Lagern in Bayern. Ihre Botschaft: Der Handel ist verantwortlich für den Verfall der Preise, das Sterben der Höfe, den Niedergang von Ackerbau und Viehzucht. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Lobbyistin bewährt und der Marktmacht der Supermarktketten und Discounter den Kampf angesagt. Sie setzten „unlautere Handelspraktiken“ durch, so Klöckner – und stünden in Verhandlungen den Bauern gegenüber „wie David gegen Goliath“.

Die Rollen waren also klar verteilt vor dem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Chefs der großen deutschen Supermarktketten am vergangenen Montag: Der brave, kleine Ackermann wird von fiesen Großkonzernen ausgebeutet. Und doch ist die Anleihe beim Alten Testament vor allem deshalb so realitätsnah, weil David in Wahrheit gar nicht so wehrlos ist. Zwar ist der deutsche Lebensmittelhandel hoch konzentriert. Aldi, Lidl, Rewe und Edeka beherrschen 85 Prozent des Marktes. Doch auch die Bauern haben sich längst organisiert – und ein beachtliches Gegengewicht geschaffen.

Es gebe kaum Fälle, „in denen Bauern überhaupt direkt mit den Lebensmittelketten verhandeln“, sagt Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Stattdessen bekämen es Konzerne mit Erzeuger- und Vermarktungsgemeinschaften zu tun, in denen viele Landwirte zusammengeschlossen seien. Man könnte auch sagen: Konzerne, die ihrerseits „international agieren und das Angebotsvolumen Tausender Bauern bündeln“, sagt Roeb.

Goliath gegen Goliath? Armin Rehberg kennt beide Seiten. Der Exchef der Lebensmitteldiscounter Norma und Penny ist heute Chef von Landgard, der größten deutschen Genossenschaft für Obst, Gemüse, Blumen und Pflanzen. Die rund 3200 in den Zusammenschluss organisierten Erzeugerbetriebe erwirtschaften mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz und machen Gewinn. Auf der Fachmesse Fruit Logistica in Berlin präsentiert sich Landgard mit einem 24 Meter breiten Stand, direkt neben dem Haupteingang Nord, ausnehmend prominent. „Bei Obst, Gemüse, Blumen und Pflanzen sind wir Marktführer in Deutschland“, sagt Rehberg.

Unter seiner Führung verhandelt Landgard mit Einkäufern von Aldi, Rewe und Edeka Preise und Mengen für Äpfel, Tomaten, Kürbisse und Schnittblumen. „Der Preisdruck ist zwar definitiv härter geworden“, sagt er, „aber Kaninchen vor der Schlange ist definitiv falsch.“ Mal tue eine Verhandlung auch weh, aber im Großen und Ganzen sei es ein gesundes Miteinander. Schließlich gehe es bei den Gesprächen um Leistung und Verlässlichkeit: „Landgard Mitgliedsbetriebe produzieren Qualität, mitunter innovativ und umweltfreundlich verpackt.“ Es habe sich herumgesprochen, dass die deutsche Tomate besser sei als die niederländische. „Verbraucher und Großhandel zahlen für diese Qualität bis zu einem Drittel mehr“, sagt Rehberg.

„Konzerne in Bauernhand“

Die Betriebe lassen sich die Dienste der Genossenschaft einen kleinen Umsatzanteil kosten. Andere Vermarkter funktionieren ähnlich. Sie bündeln das Angebot, erzielen so bessere Preise und schütten mögliche Überschüsse an ihre Eigentümer aus. Auch die großen Molkerei-Genossenschaften seien „im Grunde Konzerne in Bauernhand“, sagt Experte Roeb.

Fast zwei Drittel der gesamten deutschen Milchlieferanten sind genossenschaftlich organisiert. Das Deutsche Milchkontor (DMK) beschreibt sich selbst als einen „der größten Lieferanten des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels“. Der Zusammenschluss bringt 5,6 Milliarden Euro Umsatz auf die Waage, beschäftigt 7700 Mitarbeiter und ist an mehr als 20 Standorten aktiv. Mangelnde Verhandlungsmacht sieht anders aus.

Trotzdem lief es in den vergangenen Jahren nicht rund für die Großmolkerei und die rund 6000 Landwirte, die sich in ihr zusammengeschlossen haben. Zugekaufte Betriebe und Marken wurden lange nicht richtig integriert. Doppelstrukturen verteuerten die Produktion. Man wolle sich nun „von einem bislang stark produktionsgetriebenen Milchverarbeiter hin zu einem konsumentenorientierten Lebensmittelhersteller“ wandeln, sagt ein DMK-Sprecher.

Dass sich auf der Scholle auch mit dem süßen Rohstoff Zucker nicht mehr viel verdienen lässt, liegt ebenfalls nicht an den kompromisslosen Einkäufern der Handelszentralen. Die Weltmarktpreise sind gesunken, die Rübenernte ist in vielen Regionen Deutschlands enttäuschend ausgefallen. Die Bauernlobby kritisiert zudem, dass sich viele Krankheiten mangels zugelassener Wirkstoffe kaum noch wirkungsvoll bekämpfen ließen. So überträgt etwa die Schilf-Glasflügelzikade Bakterien, die den Zuckergehalt der Rübe und damit auch deren Abnahmepreis senken.

Auch der Zustand der Mannheimer Südzucker AG, Europas größter Zuckerkonzern, beunruhigt viele Landwirte. SeineEckdaten: sieben Milliarden Euro Umsatz, 19 000 Mitarbeiter, 30 Zuckerfabriken in elf Ländern – und beherrscht von 17 000 Bauern, die über die Süddeutsche Zuckerrüben-Verwertungsgenossenschaft (SZVG) 58 Prozent der Aktien halten. Die SZVG wiederum stimmt sich mit einer österreichischen Raiffeisen-Gesellschaft ab, der noch mal zehn Prozent gehören. So sichert sich die Bauernschaft die Macht im Unternehmen.

Doch der börsennotierte Konzern kämpft seit dem Wegfall der EU-Zuckermarktverordnung 2017 mit sinkenden Preisen, Umsätzen und Aktienkursen. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2019 20 vermeldete das Unternehmen einen Fehlbetrag von 35 Millionen Euro; im Vorjahr standen noch 36 Millionen Euro Gewinn zu Buche. Der Konzern spricht von einem „schwierigen Zuckermarktumfeld“ und „vom Verfall der Weltmarktpreise, der das Geschäft verdirbt“.

Für süße Träume gibt es derzeit wenig Anlass. Zwar zog der Preis in den vergangenen Monaten an, ist aber immer noch meilenweit von den Höchstständen entfernt, als die EU Mindestpreise für Rüben garantierte und mit Zöllen und Importverboten den internationalen Wettbewerb verhinderte. Hessische Landwirte erhielten damals zwischen 40 und 50 Euro je Tonne, heute zahlen Abnehmer nur noch etwa 30 Euro.

Vor dem Ende der Regelung hatten die Zuckerhersteller die Bauern durch Prämien noch motiviert, den Anbau auszuweiten. Das hat heute fatale Folgen: „Die Dumpingpreise an den Rohstoffmärkten sind das Ergebnis einer Überproduktion“, sagt Rudolf Trettenbrein, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Inverto in Köln. Wenn das Angebot kurzfristig verknappt werde – etwa weil eine Schweinepest auftrete oder extreme Wetterbedingungen zu Ernteausfällen führten – , ließe sich der gegenteilige Effekt beobachten. „Der Preis steigt, und die Bauern erhalten für ihre Produkte angemessene Preise“, sagt der Experte für Konsumgüter und Lebensmittelhandel.

Schwein gehabt

Auch in der Viehwirtschaft wursteln Schweine-, Rinder- oder Geflügellandwirte längst nicht mehr alleine vor sich hin. Schon vor 90 Jahren haben sich Bauernfamilien in Nordwestdeutschland zusammengefunden; heute bilden etwa 4500 Landwirte den Genossenkonzern Westfleisch in Münster. Mit 7,7 Millionen geschlachteten Schweinen rangiert er in Deutschland auf Platz drei hinter dem Privatunternehmen Tönnies (17) und der niederländischen Vion (8). Westfleisch bietet den Bauern verbindliche und unbefristete Liefer- und Abnahmeverträge. Gleichzeitig sichert sich der Konzern damit einen verlässlichen Zugriff auf Rohstoffe. „Durch das Genossenschaftsmodell treffen sich Partner auf Augenhöhe“, sagt ein Westfleisch-Manager.

Die Mitgliedschaft hat sich zuletzt gelohnt. Aufgrund niedriger Schweinepreise sank der Umsatz im Jahr 2018 zwar um sieben Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. Dennoch erhielten die Bauerngenossen wie in den Vorjahren eine Dividende in Höhe von 4,2 Prozent auf ihre Anteile. Zudem schüttete die Genossenschaft Sonderboni über alle Tierarten in Höhe von rund drei Millionen Euro an die Vertragslandwirte aus. Keine schlechte Rendite in Nullzinszeiten. In einigen Landwirtschaftszweigen lasse sich eben weiter „gutes Geld verdienen“, sagt Experte Roeb.

Die Proteste der Bauern gehen trotzdem munter weiter. Schon am Tag nach dem Gipfeltreffen im Kanzleramt war es wieder so weit. Rund 1000 Landwirte rollten mit ihren Treckern ins niedersächsische Wilsum, um gegen die Verschärfung von Gülleregeln zu demonstrieren. Für Agarministerin Klöckner gab’s von den Wilsumer Wutbauern aber erst mal einen Strauß  Rosen – als Dankeschön für ihren vorbildlichen Einsatz für faire Preise.

 

Autoren: Brück, Mario; Hielscher, Henryk; Schlesiger, Christian

Erschienen in der WirtschaftsWoche print: NR. 007 vom 07.02.2020 Seite 062

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