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06.11.20 – MBI NE METALLE MONITOR: Rohstoffstudie 2020

Neue Inverto-Studie belegt

Viele Rohstoffeinkäufer haben die Chancen sinkender Preise nicht genutzt

Obwohl die Corona-Pandemie weltweit Lieferketten unterbrochen hat, machen sich die wenigsten Teilnehmer der jüngsten Rohstoffstudie der Einkaufsberatung Inverto Sorgen um den Nachschub. Zwar ist die globale Nachfrage krisenbedingt gesunken, was wiederum zu Preisnachlässen führte. Doch nur knapp ein Drittel der Studienteilnehmer konnte die Einkaufskosten senken, berichtet Inverto-Rohstoffexperte Lars-Peter Häfele im Gespräch mit MBI NE-Metalle Monitor.

Engpässe in der Lieferkette erlebten 59 Prozent der Befragten, 33 Prozent konstatieren bis heute eine schlechtere Planbarkeit der Rohstoffversorgung. Die Gegenmaßnahmen, die von den Unternehmen am häufigsten ergriffen wurden, waren der Aufbau neuer Lieferanten (56 Prozent), Volumenverschiebung zwischen bestehenden Lieferanten (36 Prozent) sowie die Einrichtung eines „War Rooms“ (44 Prozent), um auf Verzögerungen schnell reagieren zu können. „Das ist eher ein Troubleshooting als ein strukturiertes Vorgehen“, urteilt Lars-Peter Häfele, Geschäftsführer von Inverto und Experte für Rohstoffe im Gespräch mit MBI NE-Metalle Monitor.

Aluminium, Kunststoffe, Chemikalien und Eisen sind die wichtigsten Rohstoffe für die Studienteilnehmer. Da für die meisten Metalle die Preise gesunken sind, wirkt die Zahl derer, die davon profitieren konnten, mit 29 Prozent niedrig. Häfele sieht dafür zwei Gründe: 24 Prozent der Studienteilnehmer haben angegeben, dass sie vor Beginn der Pandemie bereits Festpreise vereinbart hatten – sie konnten also die Baisse am Markt nicht nutzen. In anderen Fällen vermutet der Experte mangelnde Transparenz: „Viele Unternehmen kaufen nicht direkt Rohstoffe, sondern Vorprodukte und kennen den Rohstoffanteil darin nicht. Also haben sie keine Verhandlungsbasis.“ Einkäufer sollten zumindest für die wesentlichen Rohstoffe Transparenz schaffen, um mit diesem Wissen die Preise nachzuverhandeln – selbst wenn Festpreise vereinbart waren, rät Häfele. Unternehmen sollen dem Experten zufolge im besten Fall ein aktives Rohstoffmonitoring auf Produktebene betreiben. Dafür ist es laut Häfele notwendig, zunächst alle relevanten Rohstoffe zu definieren und deren anteilige Kosten in Bezug auf den Einkaufspreis abzuschätzen. Zum Beispiel sei bei einem Kabel oder Kabelbaum der Anteil von Kupfer am Gesamtpreis extrem hoch. Schon kleine Preisausschläge könnten deswegen große Unterschiede bewirken.

Definition eines theoretischen Zielpreises ist wichtig

„Um Preisdiskrepanzen frühzeitig zu erkennen, sollte die Rohstoffpreisentwicklung im Vergleich zur Einkaufspreisgestaltung analysiert und fortlaufend beobachtet werden“, rät Häfele. Auf Basis aktueller Preisbewegungen sei die Definition eines theoretischen Zielpreises möglich. „Dieses Wissen ist in Verhandlungen wichtig.“ Hilfreich für die Preisbeobachtung könne zudem die Einführung von Business Intelligence Tools sein. „Um beim Beispiel des Kupferkabels zu bleiben: Durch kontinuierliche Beobachtung wird deutlich, dass ein Lieferant den Kabelpreis bei steigendem Kupferpreis überproportional erhöht. Bei sinkendem Kupferpreis hingegen reduziert er unterproportional. Hierdurch entsteht ein Nachteil für das beschaffende Unternehmen“, so Häfele. Rohstoffklauseln mit den Lieferanten sollten daher mit Rohstoffpreisvereinbarungen auf der Vertriebsseite im Einklang stehen, um keine Risikoposition bei der Veränderung von Rohstoffpreisen aufzubauen.

„Wenn zum Beispiel nur mit dem Lieferanten eine Preisgleitklausel vereinbart wird und die Preise steigen, kann das Unternehmen die Steigerung nicht an die eigenen Kunden weitergeben. Besteht die Klausel wiederum nur mit dem Kunden, muss das Unternehmen Preissenkungen bei einem Rohstoff weitergeben, kann sie aber für sich nicht einfordern.“

Manchmal sind Festpreisedie bessere Alternative

Grundsätzlich hält Häfele langfristige Preisvereinbarungen für eine gute Lösung, um planbare Kosten zu haben. „Nützlich sind in vielen Fällen Verträge mit Preisgleitklauseln für den Rohstoffanteil.“ Ob sie wirklich die passende Strategie seien, hänge wiederum davon ab, ob steigende Rohstoffkosten an die eigenen Kunden weitergegeben werden könnten: „Wenn das nicht der Fall ist, steigt das Kostenrisiko.“ Dann seien Festpreise die bessere Alternative – und bei Bedarf Nachverhandlungen. Viele Unternehmen nutzen laut Häfele jedoch keine Festpreisvereinbarungen, weil die Preise im Rohstoffmarkt regelmäßig schwanken und die Lieferanten einen Festpreis (z.B. für ein Jahr) nicht oder nur mit massiven Aufschlägen akzeptieren. Auch könnte bei sinkenden Rohstoffpreisen ein Wettbewerbsnachteil entstehen. Aus diesem Grund empfi ehlt der Experte Unternehmen die Implementierung von Indexverträgen. „Damit passt sich der Einkaufspreis nach einer defi nierten Formel – etwa vierteljährlich – automatisch an den Börsenpreis an“, argumentiert er. Unternehmen könnten auf diese Weise langfristige Vereinbarungen abschließen, die die aktuellen Gegebenheiten des Marktumfeldes widerspiegeln und gleichzeitig mehr Transparenz für Lieferanten und Kunden bieten. Auch das Thema Versorgungssicherheit wird von vielen in der Studie befragten Einkäufern nach wie vor unterschätzt. Denn Unternehmen haben laut Häfele für den Großteil Ihrer Zukaufteile und Materialien nur einen freigegebenen Lieferanten (single sourcing). Wenn dieser Lieferschwierigkeiten hat, von Zöllen bedroht oder insolvent ist, hat das direkt Auswirkungen auf die eigene Produktion. „Leider erfahren Unternehmen von Problemen ihrer Lieferanten meist erst, wenn es bereits Lieferschwierigkeiten gibt, denn ein systematisches Monitoring potenzieller Risikolieferanten fi ndet bei vielen nicht statt.“ Ein Aufbau alternativer Lieferquellen sei zeitaufwändig und dauere im Akutfall meist zu lange. Wenn Artikelzeichnungen nicht auf dem aktuellen Stand und Freiprüfungsprozesse nicht klar defi niert seien, verschärfe sich das Problem noch. In Bezug auf die Liefersicherheit gibt es laut Häfele neben Corona zudem massive geopolitische Risiken. So sei immer noch nicht klar, ob es ein Abkommen mit den Briten für die Zeit nach dem Brexit gibt. Wie es nach den Wahlen in den USA weitergehe, ebenso wenig. „Der Demokrat Joe Biden könnte deutlich andere Akzente setzen als Donald Trump. Trump wiederum könnte weiterhin den Protektionismus ausbauen und den Freihandel in Frage stellen“, wägt der Experte ab. Daneben betreibe China international strategische Rohstoffsicherung. Außerdem könnten durch die expansive Politik vieler Staaten im Zuge der Corona-Pandemie Währungsschwankungen künftig stärker ausfallen als bisher bekannt.

Zu wenige Unternehmen haben Alternativlieferanten aufgebaut

Zudem sind nach Einschätzung des Inverto-Rohstoffexperten die Reaktionen vieler Einkäufer auf die Covid-19 Pandemie bisher noch nicht ausreichend. „Hinsichtlich der Versorgungssicherheit haben die Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht die Chance genutzt, Alternativlieferanten – im Idealfall aus verschiedenen Ländern – aufzubauen, um kurzfristig mit Volumenverschiebungen auf Probleme in der Lieferkette reagieren zu können“, warnt er. „Viele Unternehmen beziehen Ihre Produkte oftmals von nur einem Lieferanten und haben gerade in der aktuellen Situation ein erhebliches Risikopotential.“ Darüber hinaus hätten viele Unternehmen die Chance verpasst, die im Frühjahr gesunkenen Rohstoffpreise zu ihrem Vorteil zu nutzen. So konnte laut Studie trotz niedriger Preise und eines großen Anteils börsennotierter Rohstoffe nur ein Drittel der Studienteilnehmer die Rohstoffpreise durch Neuverhandlungen senken. „Auch in der aktuellen Krise wurde von vielen Unternehmen leider wieder nur auf akute Probleme reagiert, statt das Thema Lieferantenrisikomanagement zum Beispiel mit einem systematischen Monitoring aller Lieferanten anzugehen. Wenn man nicht vorgesorgt hat, kann man tatsächlich nur im Feuerwehrmodus reagieren“, so Häfele. Durch Risikomanagement verschaffe man sich aber einen Zeitvorteil, der viel Geld sparen könne.

An der Rohstoffstudie von Inverto nahmen 78 Geschäftsführer, Vorstände und Entscheidungsträger im Einkauf aus dem deutschsprachigen Raum und Großbritannien teil. 68 Prozent der befragten Unternehmen haben ein Einkaufsvolumen von über 100 Millionen Euro pro Jahr. Etwa ein Drittel gibt mehr als 50 Prozent davon für Rohstoffe aus. Interessierte können die Studienergebnisse kostenlos herunterladen: https://www.inverto.com/publikationen/rohstoffstudie-2020/

Autor: Christine Büttner
Erschienen bei MBI Infosource NE Metalle Monitor am Freitag, den 06. November 2020
www.mbi-infosource.de

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