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10.2019 – Technik & Einkauf: Zeit zu handeln

Industriemetalle sind derzeit so günstig wie lange nicht. Einkäufer sollten das nutzen, um sich mit größeren Mengen zu bevorraten und sich durch Hedging gegen einen künftigen Preisanstieg absichern.

Ist das die Wende? Seit Jahresbeginn sind die Preise für viele Industriemetalle massiv gesunken. Zink verbilligte sich an der London Metall Exchange zweitweise um fast ein Viertel, chinesischer Stahl um gut zehn Prozent. Kupfer gab um 13 Prozent nach, Aluminium um zwei Prozent. „Die sinkenden Notierungen sind Folge der weltweit abflauenden Konjunktur“, ist Marc Kloepfel, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kloepfel Consulting, überzeugt. Nach einem Plus von 3,7 Prozent im vergangenen Jahr legt die Weltwirtschaft dem Internationalen Währungsfonds zufolge 2019 nur noch um 3,2 Prozent zu. In Deutschland wächst das Bruttoinlandsprodukt sogar nur um 0,5 Prozent, erwartet die Bundesregierung. In den Vereinigten Staaten erwirtschaften Unternehmen zwei Prozent mehr als 2018, prognostiziert die US-Notenbank Federal Reserve. Chinas Wirtschaft wächst um gut sechs Prozent. Damit ist die Weltwirtschaft zwar schwächer als in den Vorjahren – aber sie wächst noch. Für eine dauerhafte Entlastung auf den Rohstoffmärkten reicht die globale Flaute daher nicht, glaubt Lars-Peter Häfele, Geschäftsführer und Rohstoffexperte bei der Einkaufsberatung Inverto. „Von einer Trendwende zu sprechen, ist zu früh“, sagt Häfele. „Dazu sind die Rohstoffpreise noch nicht ausreichend lang und nicht stark genug gesunken.“ In der Tat zog auch der Preisindex für Industrierohstoffe des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) im Juli wieder um 6,5 Prozent an. „Das setzt sich allerdings vermutlich nicht fort“, erwartet der Rohstoffexperte des IW, Dr. Hubertus Bardt. „Die starke Beschleunigung des Aufwärtstrends, die wir in den letzten zwölf Monaten erlebt haben, dürfte vorbei sein.“ Wie lange die Rohstoffnotierungen nach der Zwischenrally sinken, weiß niemand. Langfristig legt vor allem der Kupferpreis wieder zu, befürchtet die Wirtschaftsvereinigung Metalle. Das Erz wird 2035 doppelt so viel kosten wie heute. Denn je mehr Elektromotoren Autohersteller in ihren Fahrzeugen verbauen, desto mehr Kupfer brauchen sie. Gleichzeitig bauen Minenbetreiber nach wie vor zu wenig davon ab. Auch das Angebot an dem Rostschutzmetall Zink und Stahlveredlern wie Nickel stagniert.

Abhängigkeit vom chinesischen Rohstoffmarkt
Durch den Handelskrieg zwischen den USA und China könnten zudem Seltene Erden rar werden. „Im schlimmsten Fall kann China in einem Handelskrieg den Export der Rohstoffe einstellen“, befürchtet IW-Fachmann Bardt. Aus der Volksrepublik stammen 89 % des weltweit verfügbaren Angebots an Praseodym, Lanthan und Co. Zwar liefert die Volksrepublik nur zwei Prozent ihrer Ausfuhren nach Deutschland. Das spiegelt jedoch nicht wider, in wie vielen Zwischenprodukten Seltene Erden enthalten sind. „Es gibt keinen Magnetresonanztomographen, kein Elektroauto, nichts, was leistungsfähige Permanentmagnete braucht, um zu funktionieren, das ohne Seltene Erden auskäme“, veranschaulicht Bardt die indirekte Abhängigkeit deutscher Unternehmen von der Rohstoffgruppe. Einkäufer sind sich der Problematik bewusst. Sechs von zehn der für die aktuelle Inverto-Rohstoffstudie befragten Beschaffungsprofis sehen ihre Unternehmen gefährdet, wenn Abbauländer den Zugang zu wichtigen Metallen erschweren. Außerdem befürchten 71 % der Befragten, dass steigende Preise das Geschäftsergebnis ihrer Unternehmen gefährden. Zugleich erwarten acht von zehn Einkäufern, dass vor allem Stahl, Alu und Kupfer bis Mitte 2020 wieder teurer werden. Wer das aktuell günstige Preisniveau nicht nutzt, um seine Rohstoffbeschaffung neu aufzustellen, handelt daher fahrlässig. „Wenn im Abschwung weniger Aufträge eingehen, Metalle aber zugleich günstiger werden, müssen Einkäufer die niedrigen Preise nutzen, um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen zu sichern“, fordert Kloepfel-Chef Marc Kloepfel. Mehr als zwei von drei Beschaffern optimieren daher derzeit ihre Lagerhaltung und beschaffen größere Rohstoffmengen auf Vorrat, ergab eine Umfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK). Das allein reicht aber nicht, warnt Kloepfel: „Ich muss mir einen Überblick über die Materialbeschaffenheit der Vorprodukte verschaffen, die ich kaufe. Dann weiß ich, wie groß der Anteil einzelner in ihnen enthaltener Rohstoffe ist.“ Sinken die Preise für diese Metalle, können Einkäufer auf der Grundlage solch einer Kostenstrukturanalyse ermitteln, um wie viel die entsprechende Komponente günstiger werden müsste. „Mit diesem Wissen können sie Einkaufspreise mit Lieferanten neu verhandeln“, ergänzt Häfele von Inverto. „Beim indirekten Einkauf lassen sich Einsparungen von fünf bis 15 Prozent realisieren“, bestätigt Kloepfel. Ein Potenzial, das oft kaum beachtet werde.

Durch Hedging seine Preise absichern
Noch klüger handeln Einkäufer, die sich gegen das Risiko steigender Rohstoffpreise durch Hedging absichern. Das tut jedoch nur gut jeder fünfte Beschaffungsprofi, so die Inverto-Studie. Ein Drittel der Umfrageteilnehmer glaubt, nicht genug finanztechnisches Wissen dafür zu haben. Ebenso viele halten Hedging für Spekulation. Dabei ist es genau das Gegenteil. „Spekulanten nutzen Unsicherheiten am Markt zu ihrem Vorteil. Hedging eliminiert Unsicherheiten und garantiert Unternehmen einen berechenbaren Preis für Rohstoffe“, erklärt Inverto-Experte Häfele. „Ich habe zwar zusätzliche Kosten. Diese kann ich aber genau kalkulieren“, ergänzt Kloepfel. In der Regel kostet Hedging drei bis fünf Prozent des Einkaufspreises eines Metalls. Was genau die Bank für das Hedging berechnet, hängt unter anderem vom Zinsniveau und der Bonität des Unternehmens ab, das sich absichert. „In Phasen, in denen viele Marktteilnehmer erwarten, dass die Preise für einen Rohstoff künftig steigen, verlangen die Geldinstitute zudem in der Regel mehr für Hedging-Produkte als zu anderen Zeiten“, ergänzt Inverto-Rohstofffachmann Häfele. Zudem stiegen die Kosten mit der Laufzeit der genutzten Finanzprodukte. Je länger etwa eine Option läuft, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Rohstoffpreise steigen und der Kunde die Option ausübt und nicht einfach auslaufen lässt. „Bei Zeiträumen von mehr als einem Jahr verlangen Banken daher sehr hohe Prämien. Oder Unternehmen finden erst gar kein Institut, das sie absichert“, berichtet Häfele. Zudem lohnen sich Optionen oder Terminkontrakte erst, wenn Unternehmen eine Mindestmenge eines Rohstoffs kaufen. „Einkäufer sollten während der Laufzeit der von ihnen genutzten Finanzprodukte mindestens eine Million Euro für den abgesicherten Rohstoff ausgeben“, rät Marc Kloepfel. Für kleinere Unternehmen bietet es sich daher an, das Hedging an Lieferanten zu delegieren und sich von diesen für eine bestimmte Zeit einen festen Preis für eine hinterlegte Menge zusichern zu lassen. Natürlich verlangt der Lieferant dafür eine Prämie. „Dafür kümmert er sich aber um die Abwicklung des Hedgings“, erklärt Häfele von Inverto. Laut BIHK-Umfrage verfolgt jeder zweite Einkäufer diese Strategie. Fast zwei Drittel der Befragten betreiben zudem ‚natural hedging‘. Dabei gleichen Einkäufer Wechselkursschwankungen aus, indem sie Vorprodukte und Rohstoffe in dem Währungsraum beschaffen, in dem ihr Unternehmen seine Produkte vertreibt. Idealerweise können sie dazu in jedem Währungsraum auf zwei bis drei Lieferanten für jedes Metall zugreifen. Solange Handelskrieger wie Donald Trump mit immer höheren Zöllen die Volksrepublik bekämpft, sichern sich Einkäufer durch ‚natural hedging‘ auch gegen geopolitische Risiken ab. Falls die Streithähne ihre Rohstoffvorkommen als Druckmittel einsetzen sollten, reduzieren sie das Risiko, keinen Zugang mehr zu wichtigen Metallen zu bekommen – egal, ob die derzeit sinkenden Rohstoffpreise die Wende sind oder nicht. Versorgungssicherheit ist hier das oberste Ziel!

Autor: Gerd Meyring

Erschienen in der Technik + Einkauf Ausgabe 05/2019
www.technik-einkauf.de

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