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03.2019 – Technik+Einkauf: Kostenoptimierung in der Konjunkturkrise

Der EMI weist den tiefsten Stand seit der Eurokrise auf, die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe sind drastisch gesunken. Analysten diskutieren, ob die Flaute noch ein Abschwung ist oder schon eine Rezession. Für Einkäufer ergeben sich jetzt Marktchancen.

Die Hochkonjunktur der vergangenen Quartale brachte viele Unternehmen an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Das ist positiver Stress, ganz klar, doch geraten in solchen Phasen gerade bei kleinen und mittleren Betrieben die Arbeit an Innovationen und die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens in den Hintergrund, weil alle Köpfe und Hände damit beschäftigt sind, Kundenwünsche zu erfüllen.

Im sich jetzt abzeichnenden Abschwung dagegen werden Kapazitäten frei – aber durch den Auftragsrückgang kommt weniger Geld in die Kassen. Unternehmen sollten also ihre Ausgaben auf den Prüfstand stellen, um für die Flaute gewappnet zu sein und Mittel für Innovationen zu haben. Zudem bieten sich dem Einkauf Chancen, Lieferverträge neu und günstiger auszuhandeln, weil durch die Konjunkturdelle auf vielen Märkten die Nachfrage zurückgeht und einige Rohstoffpreise sinken.

Potenziale erkennen, Chancen aufdecken

Um Einsparmöglichkeiten schnell und präzise zu erkennen, ist ein strukturiertes Vorgehen sinnvoll. Dabei sollten Einkäufer auch die Ausgaben betrachten, die üblicherweise von den Fachabteilungen eigenverantwortlich getätigt werden, etwa Marketing, IT oder Logistik. Zudem sollten die Verträge für Produkte und Dienstleistungen überprüft werden, die länger nicht kontrolliert wurden – dies ist häufig bei C-Teilen der Fall. Nach unserer Erfahrung lässt sich gerade in den hinteren Bereichen der Prioritätenliste viel bewegen, denn diese haben aus Kapazitätsgründen oft das Nachsehen.

Um Potenziale zu erkennen, bieten sich Verfahren wie beispielsweise Preisentwicklungsanalyse, Linear Performance Pricing oder Should Costing an. Der gezielte Einsatz dieser Instrumente hilft, Optimierungschancen in den Bedarfskategorien zu identifizieren und deren Größenordnung einzuschätzen.

Möglichkeiten zur Kostensenkung ergeben sich in allen Märkten, die stark konjunkturabhängig sind wie Rohstoffmärkte. Bei Metallen und Kunststoffen zum Beispiel sind die Preise in den letzten Monaten gesunken, bei vielen Metallen sogar im zweistelligen Prozentbereich. Das wirkt sich auf die Herstellungspreise von Halbfertigprodukten aus. Einkäufer können mithilfe von Kostenstrukturanalysen den Rohstoffanteil von Vorprodukten ermitteln – und mit diesem Wissen gezielt auf ihre Lieferanten zugehen.

Märkte sondieren, um optimale Kaufzeitpunkte zu erkennen

Bei Metallen und Kunststoffen ist der Abschwung schon angekommen. Für Rohstoffe wie Öl, Holz und Papier gilt das nicht. Holz und Papier als Ausgangsstoffe für Verpackungsmaterialien sind aufgrund nach wie vor florierender (Online)-Konsumentenmärkte immer noch stark nachgefragt. Öl reagiert traditionell sensibel auf politische Unwägbarkeiten und die bestehen zurzeit durch die unsichere Situation in Venezuela sowie den Konflikt zwischen den USA und Iran. Generell belasten politische Auseinandersetzungen wie der Brexit und der Streit um Zölle die Wirtschaft weltweit. Im Zuge einer Potenzialanalyse sollten Einkäufer daher auch ihre Lieferketten überprüfen und nach Möglichkeit von Lieferanten, die von Zöllen bedroht sind, auf Anbieter aus anderen Regionen ausweichen. Mit Japan beispielsweise hat die EU kürzlich ein Freihandelsabkommen abgeschlossen – hier eröffnen sich vielleicht neue Chancen.

Um optimale Kaufzeitpunkte zu ermitteln, bietet sich ein Mix aus verschiedenen Methoden an. Eine wichtige Basis ist, die Fundamentaldaten im Blick zu haben: Wie ist die Situation in meinen Erzeugerländern, wie anfällig für Risiken ist meine Supply Chain? Welche Informationen bekomme ich von meinen Lieferanten, welche aus der Branche insgesamt? Sind alle Ressourcen ausreichend verfügbar, gibt es Substitute? Ergänzend lässt sich mit einer Chartanalyse die Preisentwicklung von Rohstoffen, die für die Produktion wichtig sind, nachvollziehen. Auf diese Weise lassen sich konjunktur- oder jahreszeitbedingte Schwankungen erkennen. Prognosemodelle können auf Basis der Charts mithilfe mathematischer Verfahren Preiskorridore für bis zu ein Jahr im Voraus ermitteln. Auch wenn diese Modelle in sich geschlossen sind und Ereignisse wie etwa Wetterkapriolen oder politische Konflikte weder erkennen noch einkalkulieren können, liefern sie wichtige Indikationen für die optimale Kaufzeit.

Konsolidierung für die Flaute

Die dargestellten Methoden sind Vorlagen, sie nehmen dem Einkäufer die Entscheidung nicht ab – diese treffen die Verantwortlichen auf Basis ihrer Erfahrungen. Noch sind nicht überall die tiefsten Preise und damit optimalen Kaufzeitpunkte erreicht. Einkäufer sollten daher kontinuierlich die Marktentwicklung verfolgen und selektiv handeln.

Da Einsparungen im Einkauf schnell wirksam werden, stehen auch in der konjunkturellen Flaute Mittel für Innovationen zur Verfügung. Unternehmen, die die freiwerdenden Kapazitäten in diesem Sinne zur Weiterentwicklung nutzen, sind gut aufgestellt, wenn die Konjunktur wieder anzieht. Kostensenkung im Einkauf dient also nicht nur der Konsolidierung, sondern kann auch die
Zukunftsfähigkeit von Unternehmen verbessern. Eine Chance, die jedem bewusst sein sollte.

Autor: Dr. Markus Bergauer, Gründer und Geschäftsführer von INVERTO

Erschienen in der Technik + Einkauf 03/2019
www.technik-einkauf.de

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