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03.2019 – Industriebedarf: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

Knappheit von Materialien und steigende Preise sind die größten Risiken, denen sich Einkäufer 2019 gegenübersehen. Darüber hinaus bereiten der Brexit und der zunehmende Protektionismus Sorgen, stellt die Risikomanagement-Studie von INVERTO fest. Notwendig ist in der aktuellen Unsicherheit ein systematisches Risiko-Monitoring. Unternehmen, die das noch nicht betreiben, sollten es dringend aufbauen.

Über 90 Geschäftsführer und Einkaufsleiter aus verschiedenen Branchen nahmen an der Studie der auf Einkauf und Supply Chain Management spezialisierten Tochter der Boston Consulting Group (BCG) teil. INVERTO realisiert die Studie seit 2013 und kann daher Entwicklungen in der Bewertung von Risiken gut nachvollziehen.
Das Risiko, nicht alle benötigten Waren rechtzeitig beschaffen zu können, hat mit 65 Prozent höchste Priorität für die Befragten. 2016 hatten hier nur 49 Prozent Bedenken. Deutlich gestiegen ist darüber hinaus die Sorge um die Preisstabilität: Sahen im Vorjahr 35 Prozent darin ein Risiko, stieg die Zahl aktuell auf 48 Prozent. Offensichtlich ist die Lage auf vielen Beschaffungsmärkten aufgrund der seit Jahren starken Konjunktur und der zunehmenden Handelsbarrieren inzwischen angespannt. Fraglich ist, ob die aktuelle Abschwächung der Konjunktur beruhigend wirkt, solange die wirtschaftspolitischen Unsicherheiten anhalten.

Bei den allgemeinen wirtschaftlichen Risiken dominieren der zunehmende Protektionismus mit 54 Prozent sowie der Brexit mit 45 Prozent. Dies ist gegenüber dem Vorjahr ein fundamentaler Wandel, denn beide Themen wurden damals nur von 17 respektive 19 Prozent der Befragten als Gefahr wahrgenommen. Der deutliche Anstieg der Zahlen belegt, dass das Vertrauen in die Politik, Kompromisse zu finden, geschwunden ist.

Definition von Gegenmaßnahmen auch ohne systematische Risikoerfassung

Angesichts des großen Risikobewusstseins verwundert es, dass in nur 56 Prozent der befragten Unternehmen Risiken systematisch erfasst und bewertet werden. Immerhin ist der Prozentsatz derer, die Risikomanagement betreiben, in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen: 2015 betrug er lediglich 43 Prozent. Obwohl nur gut die Hälfte der befragten Unternehmen Risiko-Monitoring betreibt, definieren über drei Viertel aller Firmen (78 Prozent) Gegenmaßnahmen – so auch 63 Prozent derer, die keine systematische Risikoerfassung haben. Ob allerdings Maßnahmen ohne vorherige Analyse die gewünschten Wirkungen erzielen, ist zumindest fraglich.

Bei den Gegenmaßnahmen dominieren klassische Aktivitäten wie regelmäßige Lieferantenbewertungen, langfristige Rahmenverträge sowie Dual-Sourcing-Strategien. Komplexere Strategien, etwa vordefinierte Notfallpläne, Unterstützungsprogramme für Lieferanten oder Hedging, werden von weniger als einem Viertel der Studienteilnehmer genutzt. Derartige Lösungen setzen allerdings auch eine gründliche Analyse von Risiken voraus. Bei den Erfolgen zeigen sich teils deutliche Unterschiede zum Vorjahr: So gelingt es weniger Einkäufern (69 statt 77 Prozent), langfristige Verträge abzuschließen. Offensichtlich rechnen auch die Lieferanten mit Preissteigerungen und wollen sich daher in ihrer Flexibilität nicht durch langfristige Bindungen einschränken lassen. Im Gegenzug haben mehr Unternehmen Sicherheitslager aufgebaut, nämlich 43 statt 35 Prozent in 2017 und 30 Prozent in 2016.

Risikomanagement als cross-funktionale Aufgabe

Um im eigenen Unternehmen ein Risikomanagement aufzubauen, sollten zunächst die Risiken identifiziert und kategorisiert werden. Grundlage für die Identifikation ist eine sorgfältige Warengruppen- und Lieferantenanalyse. In der Regel lässt sich jedes erkannte Risiko in eine von fünf Klassen einordnen:

1. Versorgungsrisiken
Eine ausreichende Versorgung ist nicht mehr gewährleistet, wenn zu wenig oder falsche Materialien geliefert werden, die bestellten Güter zu spät kommen oder an einen falschen Standort geschickt werden.

2. Lieferantenausfallrisiken
Ein Lieferant kann vollständig ausfallen durch Insolvenz oder höhere Gewalt wie eine Naturkatastrophe oder einen längerfristigen Streik. Auch Marktrestriktionen durch die Politik können dazu gehören, etwa Sanktionen, Handelsschranken oder eine veränderte Gesetzgebung.

3. Qualitätsrisiken
Qualitätsrisiken entstehen, wenn die tatsächlich gelieferten Produkte oder Services vom vereinbarten Niveau abweichen.

4. Preisrisiken
Viele Ursachen haben Preisrisiken: Es können schlicht höhere Preisforderungen dahinterstehen, aber auch Währungsschwankungen, Zölle oder die Preisentwicklung von Rohstoffen.

5. Compliance-und Nachhaltigkeitsrisiken
Compliance- und Nachhaltigkeitsrisiken beruhen oft auf der Missachtung ökologischer, ethischer oder sozialer Standards durch Lieferanten – bis hin zu bewussten Gesetzesverstößen.

Durch die Vielfalt der möglichen Risiken ergibt sich, dass das Risikomanagement von einem interdisziplinären Team erarbeitet werden muss. Dieses Team sollte nicht nur einmalig eine Risikoidentifikation und -bewertung aufstellen, sondern in einem regelmäßigen Turnus zusammenkommen, um etwaige Veränderungen wahrzunehmen und einzuordnen. Zudem sollte das Team Verantwortlichkeiten und Informationsketten festlegen, damit jederzeit alle Abteilungen auf dem aktuellen Stand sind und der Informationsfluss gewährleistet ist, wenn ein Risiko tatsächlich eintritt.

Risiken bewerten und ein Ranking erstellen

Sind die Risiken identifiziert und kategorisiert, geht es an die Bewertung. Wie ein Unternehmen ein Risiko beurteilt, ist von Tätigkeit, Branche und Komplexität der Supply Chain abhängig. Grundsätzlich gibt es aber für jedes Risiko zwei Determinanten: Die Eintrittswahrscheinlichkeit und das Ausmaß des Schadens, wenn er eintritt. Mithilfe einer Matrix lässt sich ein Ranking erstellen: Ein Risiko ist umso höher einzustufen, je größer der Schaden ist, der bei Eintritt entsteht, und je wahrscheinlicher es ist, dass dies
passiert.

 

Damit das Ranking die Gefahren realistisch abbildet, dürfen nicht nur Einkauf, Lieferkette und Produktion betrachtet werden, sondern müssen mögliche Folgeschäden wie etwa Schadensersatz, Konventionalstrafen oder Umsatzeinbußen durch Rufschädigung in die Risikobewertung mit einbezogen werden.
Aus dem Ranking der Risiken ergibt sich die Wahl der Gegenmaßnahmen. Erkennt ein Unternehmen etwa, dass es bei einem zentralen Baustein seiner Tätigkeit von einem einzigen Lieferanten aus einer Krisenregion abhängig ist, empfiehlt sich eine Dual-Sourcing-Strategie. Ist bei einem strategisch wichtigen Lieferanten immer mal wieder die Qualität nicht auf dem gewünschten Level, kann ein gezieltes Unterstützungsprogramm den Mangel möglicherweise beheben. Haben Rohstoffe einen starken Einfluss auf das Unternehmensergebnis, sollte die Finanzabteilung Expertise im Hedging aufbauen.

Keine Angst vor dem Einsatz moderner Technik

Moderne Tools wie Big Data Analysen können das Risikomanagement unterstützen, indem sie interne Daten mit externen Quellen wie etwa Börseninformationen oder Zolldaten zusammenführen und dadurch neue Erkenntnisse ermöglichen. Unternehmen sollten offen für die Anwendung dieser neuen Ansätze sein. Sie können das klassische Handwerk aus Lieferantenbewertung, Langfristverträgen und Sicherheitslagern nicht ersetzen, aber doch optimieren und ergänzen.

Erfolge kontinuierlichen Risikomanagements

Unternehmen können mit einem dauerhaft implementierten Risikomanagement ihre Supply Chain nachhaltig verbessern. So geben fast 90 Prozent der in der Studie befragten Entscheider an, dass sie mithilfe eines systematischen Risikomanagements ihre Versorgung sicherstellen konnten. Darüber hinaus konnten bei mehr als der Hälfte der Teilnehmer die Zahl der Ausfälle verringert sowie die Preise stabilisiert werden. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Ein systematisches Management von Risiken ermöglicht in Zeiten von konjunktureller und wirtschaftspolitischer Unsicherheit ein entscheidendes Plus an Sicherheit.

Autor: Philipp Mall, Principal bei INVERTO Köln

Artikel original erschienen im Magazin Industriebedarf Ausgabe 03/2019
© Alle Rechte vorbehalten. Verlag W.Sachon

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