03.02.21 - Automobilwoche: Chipmangel: Tipps für den Mittelstand

Neben Fahrzeugherstellern und großen Zulieferern sind auch viele Mittelständler vom Halbleiter-Engpass betroffen. Doch manchmal hilft
auch ein kleiner Trick.
Von Klaus-Dieter Flörecke

Die mangelhafte Versorgung der Zulieferer mit Halbleitern kennt die auf den Einkauf und das Supply Chain Management fokussierte Unternehmensberatung Inverto. „Wir sehen, dass die Mittelständler derzeit große Probleme haben. Den mittelständischen Autozulieferern fehlt es beim Chipmangel an Marktmacht, so dass Sie teilweise schlechter dastehen als große Fahrzeughersteller oder Anbieter aus dem elektronischen Konsumgüterbereich“, so die Erfahrung von Lars-Peter Häfele, Inverto-Geschäftsführer und Experte für Rohstoffe und die Automobilbranche.

Mit einer Schuldzuweisung der Zulieferer, nicht rechtzeitig bestellt zu haben, ist er vorsichtig. „Kleine wie größere Unternehmen haben sich in der Vergangenheit ähnlich verhalten. Als die Krise da war, wurden die Umsatzprognosen nach unten geschraubt und aus Angst vor hohen Lagerbeständern weniger bestellt“, erklärt er im Gespräch mit der Automobilwoche. Das ein oder andere Unternehmen habe es mit den Kürzungen vielleicht übertrieben und nicht damit gerechnet, dass die Nachfrage so schnell wieder so stark ansteigt.

Auf Forecasts verlassen

Doch die Firmen seien nicht untätig. „Viele Unternehmen haben eine Taskforce aufgebaut und beschäftigen sich mit dem Thema Chipmangel sehr intensiv. Einige Zulieferer seien dabei besser aufgestellt, weil sie verbindliche Lieferquoten vereinbart hätten, andere schlechter, weil sie sich vor allem auf ihre Forecasts verlassen haben. „Denen sagen die Chiphersteller jetzt: Wir würden ja gerne liefern, aber wir können nicht.“ Die Chiphersteller hätten jedenfalls auf die verringerte Nachfrage zu Beginn der Corona-Krise reagiert und ihre Produktion gedrosselt. Eine schnelle Änderung der Situation sei nicht möglich. „Halbleiter sind keine Produkte, bei denen man die Fertigung schnell wieder hochfahren oder die Anlagen erweitern kann“, so Häfele. Mehr Chips werden in der Corona-Zeit zudem nicht nur von der Automobilindustrie, sondern auch aus der Konsumgüter-Elektronikbranche und der Medizintechnik nachgefragt. „Die Nachfrage ist also insgesamt deutlich gestiegen“, erklärt Häfele.

Vorteil durch Protest

In der aktuellen Situation seien die Möglichkeiten des Mittelstandes, auf die Situation zu reagieren, limitiert. „Aber die Unternehmen müssen sich bemerkbar machen. Wir haben in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen, die lautstark protestiert haben, sich einen Vorteil gegenüber anderen, auch großen Unternehmen verschaffen konnten“, sagt Häfele. Mit mehr Engagement lasse sich da einiges erreichen. Ein Mittelständler aus dem Automobilbereich habe auch den Vorteil, über seine Kunden, die Fahrzeughersteller, Druck ausüben zu können. „Die großen Autohersteller haben natürlich ein Eigeninteresse daran, ihren Zulieferern bei der Chipbeschaffung zu helfen, da bei ihnen sonst der Bandstillstand droht.“

Langfristig werde es für die Firmen darum gehen, verbindliche Verträge mit den Chipherstellern zu schließen. „Dafür müssen die Forecasts verbessert werden“, fordert Häfele. Die Unternehmen wüßten häufig selber nicht genau, wie viel sie benötigen und kalkulieren mal zu konservativ und mal zu optimistisch. Manchmal hapere es an den internen Strukturen und es müsse künftig mehr Aufwand betrieben werden, um die Genauigkeit der Forecasts zu verbessern. „Eine Möglichkeit kann auch darin bestehen, bei kritischen Produkten gegebenenfalls die Lagerbestände zu erhöhen“, so der Geschäftsführer.

 

Dieser Beitrag ist am 03.02.21 zuerst auf Autombilwoche erschienen.