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02.2019 – Technik + Einkauf: Blind Date mit den Briten

Ob London und Brüssel vor dem Austritt Großbritanniens aus der EU noch einen Vertrag über ihre künftigen Beziehungen unterzeichnen, ist momentan so ungewiss wie der Ausgang eines Blind Date. Doch egal, wie der Brexit über die Bühne geht, Einkäufer sollten jetzt regeln, wie sie künftig mit britischen Lieferanten zusammenarbeiten wollen.

Gäbe es die letzte Minute nicht, würde niemals etwas fertig. Obwohl der Satz nicht von Charles Dickens oder William Shakespeare, sondern dem US-Journalisten und Autor Mark Twain stammt, nimmt sich Theresa May die Worte derzeit sehr zu Herzen. Mitte Februar – 40 Tage vor dem Brexit – wusste die britische Premierministerin noch nicht, ob Großbritannien vor seinem Austritt aus der Europäischen Union am 29. März einen Vertrag über seine künftigen Beziehungen mit der EU unterzeichnen würde oder nicht. „Wenn überhaupt, gelingt dies erst in allerletzter Minute“, befürchtet Dr. Ulrich Hoppe, Hauptgeschäftsführer der Auslandshandelskammer (AHK) in London.

Ein Abschied ohne Abkommen hätte auch für deutsche Unternehmen desaströse Folgen. Für sie war das Vereinigte Königreich als Exportmarkt lange so wichtig wie China. Noch 2017 verkauften sie auf der Insel Waren und Dienstleistungen im Wert von 85,4 Mrd Euro. In die Volksrepublik exportierten sie Güter im Wert von 86,1 Mrd Euro. Im vergangenen Jahr warf der Brexit jedoch seinen Schatten voraus. In den ersten elf Monaten brach das Geschäft mit den Briten um 3,6 Prozent ein. Das mit China zog dagegen um fast zehn Prozent an, meldet das Statistische Bundesamt. Die Einfuhren aus Großbritannien dagegen verharrten zwischen Januar und November 2018 auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Einkäufer gaben 34,2 Mrd Euro auf der Insel aus.

Rückzug von der Insel

Obwohl Konzerne wie Airbus und Schaeffler angekündigt haben, sich aus dem Vereinigten Königreich zurückzuziehen, lassen die deutschen Importe bislang nicht erkennen, dass Einkäufer ihre Lieferketten bereits umstrukturiert hätten. „Wir beobachten noch nicht, dass sich Unternehmen in großem Stil aus Großbritannien als Beschaffungsmarkt zurückgezogen haben“, berichtet AHK Chef Hoppe. Wie auch? Schließlich ließen sich Lieferanten für komplexe technische Teile und Komponenten nicht beliebig durch andere ersetzen. Ein ähnliches Bild zeichnet eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Danach hatten sich im vergangenen Herbst zwei von drei Unternehmen noch nicht auf einen harten Brexit vorbereitet. Gleichwohl waren 95 % der Befragten überzeugt, Großbritannien werde ohne Deal aus der EU aussteigen.

Wer heute noch immer keinen Plan für den Brexit hat, wird diesen zwar auch in der von Mark Twain gelobten letzten Minute nicht mehr aufstellen und umsetzen. Doch es ist noch nicht zu spät, sich auf die Zeit nach dem Austritt vorzubereiten. „Selbst wenn Brüssel und London noch ein Abkommen unterzeichnen, regelt dieses nur den Brexit selbst – nicht die künftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Königreich“, gibt AHK-Geschäftsführer Hoppe zu bedenken.

Noch bleibt also Zeit, sich auf die Phase vorzubereiten, in der Großbritannien zwar aus der EU ausgetreten sein wird, London und Brüssel aber noch kein Abkommen über ihr künftiges Verhältnis geschlossen haben werden. „So wie es in Westminster derzeit zugeht, wird das länger dauern, als die im Austrittsdeal vereinbarte Übergangsphase von zwei Jahren“, befürchtet Hoppe. „Einkäufer sollten deshalb jetzt den intensiven Kontakt zu ihren Lieferanten suchen, die Partnerunternehmen besuchen und sich vor Ort ein Bild davon verschaffen, in welcher Lage sie sich befinden und auf dieser Basis entweder einen gemeinsamen Handlungsplan erarbeiten oder mit Hochdruck einen Lieferantenwechsel forcieren“, empfiehlt John Dowling. Der Ire ist Experte für internationale Industriethemen bei der Unternehmensberatung Inverto. Wer die persönliche Beziehung stärke, könne auch dafür sorgen, dass er zu den bevorzugten Kunden des Lieferanten gehört, falls dieser entscheiden müsse, welche Abnehmer er mit knappen Ressourcen bedient.

Wenn die Beziehung zwischen deutschem Einkäufer und britischem Unternehmen stimmt, lassen sich auch Verträge leichter an die neuen Gegebenheiten anpassen. „An bestehenden Verträgen ändert der Brexit zwar nichts“, erklärt Frank Bernardi, Partner und Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht bei der Kanzlei Rödl & Partner. Allerdings ließen sich Urteile künftig schwerer durchsetzen, wenn ein britischer Lieferant einen Vertrag nicht erfüllen kann und ein Gericht dem deutschen Kläger Recht gibt. „Es empfiehlt sich daher, in Verträge Vereinbarungen darüber aufzunehmen, ob im Streitfall fortan britisches oder deutsches Recht gelten und wo der Gerichtsstand sein soll“, ergänzt Bernardi. Er rät außerdem, zu erwägen, sich auf eine Schiedsklausel zu verständigen.

Entstehende Kosten weitergeben

Einkäufer sollten auch eine Preisanpassungsklausel in Verträge mit britischen Lieferanten aufnehmen. „Im Falle eines harten Brexit fällt für den Importeur Einfuhrumsatzsteuer an. Dann zahlen Einkäufer nicht mehr die Preise, mit denen sie bei Vertragsschluss kalkuliert haben“, erklärt Bernardi. In bestimmtem Maße müssten sie das hinnehmen – allerdings nicht mehr, wenn Zölle große Teile der Gewinnmarge aufzehren oder diese ganz vernichten.

Um Konflikte im direkten Zusammenhang mit dem EU-Austritt Großbritanniens zu vermeiden, empfiehlt Berater Dowling, zudem Zusatzvereinbarungen zu vertraglich fixierten Abnahmemengen zu treffen. „Falls der Brexit Monate lang zu Chaos an den Grenzen führt und sich Lieferungen verzögern, macht es Sinn, wenn Einkäufer ihren Bedarf vorübergehend bei anderen Zulieferern decken können, ohne den ganzen Vertrag kündigen zu müssen“, erklärt Dowling. Um sich abzusichern, rät er Unternehmen auch, Zulieferer zu verpflichten, bestimmte Mengen ihres Vorprodukts auf eigene Kosten bei ihnen oder in einem Lager des Lieferanten in der EU vorzuhalten.

Einen ähnlichen Weg ging der kaufmännische Leiter der DELO Industrieklebstoffe aus Windach in Oberbayern, Thomas Zwerger. „Da Großbritannien noch keine funktionierende Zollverwaltung hat, stellen wir uns darauf ein, dass es nach dem Austritt mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate Chaos an den Grenzen gibt“, sagt Zwerger. „Deshalb haben wir für die Rohstoffe, die wir in Großbritannien kaufen, eine Bewertung vorgenommen.“ Wo möglich, hat der Mittelständler mit 770 Mitarbeitern alternative Bezugsquellen gesucht. Gab es die nicht, wollten die Einkäufer bei DELO wissen, ob ihre britischen Lieferanten Lager in der EU unterhalten, oder erhöhten ihre eigenen Bestände. Diese reichen nun mehrere Monate länger, als es bei dem Klebstoffspezialisten ohnehin der Fall ist. „Liefersicherheit hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert“, versichert Zwerger. „Deshalb halten wir grundsätzlich strategische Lagerbestände für drei Monate, bei Stoffen, für die wir nur einen Lieferanten haben, auch für ein bis zwei Jahre vor.“ So muss der bayerische Mittelständler nicht auf politische Lösungen hoffen, die sich erst in letzter Minute ergeben.

Erschienen in der Technik + Einkauf 02/2019
www.technik-einkauf.de

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