Wo die nächsten Preiserhöhungen drohen

Wo die nächsten Preiserhöhungen drohen

Die Inflation im Handel hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. In den Lieferketten lauern Kosten, die beim
Verbraucher noch nicht angekommen sind.
Schon jetzt stöhnen Kunden über die hohen Preise für zahlreiche Produkte. Doch Experten sind überzeugt: Das Schlimmste kommt noch. „Es gibt hohe Kosten in den Lieferketten, die in den Konsumentenpreisen noch nicht angekommen sind“, warnt Stefan Benett, Managing Director von Inverto, einer Einkaufsberatung für Unternehmen, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die Zahlen sind alarmierend. Eine Firmenumfrage des Ifo-Instituts ergab für das Barometer der Preiserwartungen im August einen Wert von 47,5. Das heißt, dass fast jedes zweite Unternehmen Preiserhöhungen in den kommenden drei Monaten plant. Bei Lebensmitteln zeigt das Barometer sogar einen Wert von 96,8 Punkten.

Das hat vielfältige Gründe. „In erster Linie sind das Energie- und Verpackungskosten und Kosten aus der landwirtschaftlichen Produktion, etwa für Düngemittel“, erläutert Benett, „auch die Transport- und Logistikkosten liegen deutlich höher.“ Diese Faktoren kommen häufig erst mit Verzögerung bei den Konsumenten an – und dürften in den kommenden Monaten bei zahlreichen Produkten für neue Preisschübe sorgen.

Ganz besonders wird sich das in den Supermärkten zeigen. Dort belasten neben der teuren Energie insbesondere steigende Preise für Rohstoffe die Produzenten. Der HWWI-Rohstoffindex für Nahrungs- und Genussmittel zog im ersten Halbjahr zum Vorjahreshalbjahr schon um 56 Prozent an. Und das wird wohl so weitergehen. „Die Trockenheit in Südeuropa hat zu Ernteausfällen geführt, das wird auch noch mal einen deutlichen Preisschub für einige Nahrungsmittel bringen“, prognostiziert Benett. Etliche Markenhersteller haben deshalb bereits angekündigt, die Preise anheben zu müssen.

So verlangt die Großbrauerei Radeberger schon zum zweiten Mal in diesem Jahr höhere Preise von Gastronomie und Handel. Ab 1. Dezember soll dies für alle Marken und Gebinde gelten. Ankündigungen eines Marktführers haben meist für die Branche Signalwirkung.

Andere Getränkehersteller von Berentzen bis Coca-Cola haben ebenfalls höhere Preise angekündigt. Weil Edeka die Forderungen von Coca-Cola nicht akzeptiert, hatte der Hersteller Lieferungen seit Anfang September ausgesetzt. Bei Coke, Fanta und Sprite gab es bereits Lücken in den Regalen von Edeka. Jetzt hat ein Gericht angeordnet, dass Coca-Cola wieder liefern muss – doch die Preiserhöhung dürfte trotzdem bald kommen.

Auch Süßwaren dürften noch teurer werden. Mit Milka-Hersteller Mondelez und mit Mars liegt Edeka deshalb im Clinch. Haribo hat ebenfalls angekündigt, dass der Goldbär und andere Produkte teurer werden.

Im August legten die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel bereits um 16,6 Prozent zum Vorjahresmonat zu, so Schätzungen des Statistischen Bundesamts. „Bei den Preiserhöhungen für Nahrungsmittel ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht“, betont Branchenexperte Johannes Sausen, Direktor für Konsumgüter und Handel der IKB Industriebank.

Denn die Erzeuger- und Großhandelspreise sind in Summe bislang deutlich stärker gestiegen als die Regalpreise im Supermarkt. Auch bei Waschmitteln, Deo oder Duschcremes drohen Verbrauchern in diesem Jahr weitere Preiserhöhungen. Der Nivea-Hersteller Beiersdorf steht gerade in erneuten Verhandlungen mit dem Handel. Der Hamburger Dax-Konzern hatte bereits zu Jahresbeginn seine gestiegenen Kosten weitergegeben. Diese hatten sich hierzulande dann im Sommer auf den Preisschildern im Supermarkt bemerkbar gemacht. Beiersdorf will bis Jahresende 80 Prozent seiner Kostensteigerungen weitergegeben haben, bis zur Jahresmitte hatte der Konzern 50 Prozent erreicht.

„Wir müssen die gestiegenen Kosten nochmals weitergeben, je nach Markt und Produkt in unterschiedlichem Ausmaß“, sagte die für die Kernmarke Nivea zuständige Vorständin Grita Loebsack im Sommer dem Handelsblatt. Wie Beiersdorf kämpfen alle Konsumgüterhersteller mit steigenden Kosten bei Rohstoffen und Engpässen in den Lieferketten.

Auch Henkel dürfte die Preise weiter erhöhen

Henkel will ebenfalls höhere Preise verlangen. Der Hersteller von Persil oder Pril rechnet in diesem Jahr mit zwei Milliarden Euro Mehrkosten. Zum Vergleich: Der Konzern erzielte 2021 vor Steuern und Zinsen gerade mal einen Gewinn (Ebit) von 2,6 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund wollen die Düsseldorfer mit weiteren Preiserhöhungen gegensteuern. Schon im ersten Halbjahr hatte Henkel die Kosten an den Handel weitergegeben, wie sich an der Halbjahresbilanz ablesen lässt. Das Wasch- und Reinigungsmittelgeschäft wuchs um 7,4 Prozent, obwohl die verkaufte Menge um zwei Prozent zurückging. Das Wachstum erklärt sich also vor allem durch gestiegene Preise für die Verbraucher.

Die geringsten Preiserhöhungen dürften nach Einschätzung der Experten bei hochpreisigen und langlebigen Konsumgütern wie Möbeln oder Elektroartikeln zu erwarten sein. Das liegt aber nicht daran, dass die Hersteller weniger von Kostensteigerungen betroffen sind, sondern schlicht daran, dass höhere Preise am Markt nicht mehr durchsetzbar sind.

So hatten viele Konsumenten in der Coronazeit mehr Geld zur Verfügung, weil Reisen und Restaurantbesuche lange Zeit nicht möglich waren. Dieses Geld haben sie in Möbel oder höherwertige Elektronikgeräte gesteckt, häufig Käufe auch vorgezogen. Nun bricht in diesen Bereichen die Nachfrage ein. Außerdem halten viele Verbraucher jetzt ihr Geld zusammen und tätigen nur notwendige Einkäufe.

Dass die Preiserhöhungen in zahlreichen Branchen so stark durchschlagen, hat einen einfachen Grund: Für die Produzenten ist keine Entlastung in Sicht. „Das größte Problem wird sein, dass die Kosten langfristig auf dem hohen Niveau bleiben“, bestätigt Einkaufsexperte Benett.

„Dass die Kosten in so vielen Bereichen gleichzeitig steigen, ist ein absolut neues Phänomen, das hat es so noch nicht gegeben“, beobachtet der Inverto-Manager. Und es stellt die Unternehmen vor völlig neue Herausforderungen. „Die Maßnahmen, mit denen Unternehmen bisher auf Kostensteigerungen reagiert haben, funktionieren in dieser Krise nur sehr bedingt“, so Benett. Die Folge: Die Probleme im Zusammenhang mit Kostensteigerungen und Lieferengpässen haben für die Unternehmen eine strategische Dimension erreicht, es werden radikale Maßnahmen notwendig.

Bei vielen Unternehmen werde das Geschäftsmodell grundsätzlich infrage gestellt, es müssten Produktionspläne oder das Produktsortiment angepasst werden, die Lieferantenstruktur und Beschaffungsmärkte würden überprüft, beobachtet der Experte. Und er prognostiziert: „Dadurch kann die Vielfalt des Angebots zukünftig geringer werden.“

Quelle: Handelsblatt print: Heft 177/2022 vom 13.09.2022

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