FAZ - Schon wieder kein Toilettenpapier

Die Kriegsfolgen werden für deutsche Unternehmen und Verbraucher immer konkreter. Welche Branchen leiden besonders? Welche Waren werden noch teurer und seltener?

Der Ukrainekrieg trifft Unternehmen und deren Kunden auch in Deutschland an gleich zwei Stellen empfindlich. Zum einen führen die stark steigenden Strom-, Öl- und Gaspreise dazu, dass energieintensive Branchen ihre Produktion stoppen oder drosseln müssen. Stillstand in den Fabriken droht zudem, wenn der Nachschub stockt, weil Lieferungen aus dem Kriegsgebiet ausfallen oder von Sanktionen und Gegensanktionen getroffen werden.

Wer in diesen Tagen einkaufen geht, bekommt höhere Preise und Knappheiten schon jetzt zu spüren: So geben viele Supermärkte nur noch drei Packungen Mehl je Kunde ab, und die Regale mit Toilettenpapier lehren sich ähnlich wie auf dem Höhepunkt der Corona-Krise. Ein Blick auf die schon während der Pandemie geplagten und nun durch den Krieg erst recht gespannten Lieferketten zeigt, welche Waren demnächst noch knapper werden dürften.

Der Lieferketten-Fachmann Thibault Pucken, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Inverto, fasst die verrückte Situation zusammen: So fehlen der Autoindustrie Kabelbäume, weil viele Zulieferer in der Westukraine sitzen. Kabelbäume sind anders als Rohstoffe schwer zu ersetzen, weil sie extra für spezielle Automodelle hergestellt werden. Das sei allerdings nur ein vorübergehendes Problem, das sich lösen lasse. Auch die Nahrungsmittelindustrie leidet laut Pucken unter Nachschubproblemen, denn die Ukraine hat bisher 88 Prozent der Sonnenblumenkerne in die EU geliefert und verantwortet 55 Prozent der Maisimporte.

Auch war die Ukraine ein großer Lieferant von Kohle und führender Hersteller von Rohstahl und von Vorprodukten für Spezialgase. Dabei handelt es sich etwa um das Edelgas Neon, das für die Produktion von Halbleitern verwendet wird. Die Kombination aus hohen Preisen für Energie und Metalle trifft etwa metallverarbeitende Betriebe oder Maschinenbauer doppelt. „Das ist für rohstoff- und energieintensive Unternehmen ein perfekter Sturm“, sagt Pucken. Ein großer Maschinenbauer etwa härtet seine Bauteile selbst und verbraucht dafür viel Gas. Der Spot- und Terminmarkt für Gas spielt gerade verrückt, doch seine Energieversorgung könne das Unternehmen nicht mal eben auf Strom umstellen.

Unter den stark steigenden Energiepreisen leiden zuerst die Hersteller von Metall- oder Papierprodukten. So haben die Lech-Stahlwerke, die einzigen Stahlwerke in Bayern, am Donnerstag mitgeteilt, die Produktion tageweise stillzulegen, weil diese wegen der hohen Energiekosten wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll sei. Das Unternehmen beschäftigt 1000 Mitarbeiter und produziert eine Million Tonnen Elektrostahl jährlich. Die Stahlproduktion mithilfe von Elektrizität verbraucht mehr Strom als Hochöfen, die mit Kokskohle beheizt werden. Auch der zweitgrößte deutsche Stahlhersteller, Salzgitter, betreibt ein stromintensives Elektrostahlwerk. Dort wird die Produktion nun immer dann kurzfristig gestoppt, wenn der Strompreis zu hoch wird. Das war am Mittwoch der Fall. Konkurrent Arcelor-Mittal lässt seine Elektrostahlwerke in Deutschland, Russland, Polen, Rumänien und Spanien momentan ebenfalls im Stop-and-go-Betrieb laufen.

Alarmsignale sendet auch ein wichtiges Unternehmen aus der Hygienepapierbranche, dessen Energiekosten sich zeitweise sogar verzehnfacht haben. Deshalb könne es dazu kommen, dass die Produktion vorübergehend nicht mehr lohnt. „Aufgrund dessen mussten wir an unseren Papiermaschinen an den deutschen und niederländischen Standorten punktuelle Abstellmaßnahmen zu Spitzenzeiten am Dienstag vornehmen“, sagt ein Sprecher der F.A.Z. Die Maschinen laufen bei dem Hygienepapierhersteller, der seinen Namen aktuell nicht in der Zeitung lesen möchte, nun allerdings wieder im Normalbetrieb. Weitere Abschaltungen seien aber nicht auszuschließen. Von zehnfachen Preissteigerungen für Gas berichtet der norwegische Papierproduzent Norske-Skog. Das Unternehmen will seine dieser Tage in Österreich gestoppte Produktion wohl erst im April wiederaufnehmen. Der Energiemarkt sei schon seit der zweiten Jahreshälfte 2021 herausfordernd. Dennoch lieferte der Standort in Bruck Zeitungsdruckpapier und Magazinpapier – bisher. „Obwohl wir Teile der Energieversorgung des Werks im März gesichert haben, machen die Energiepreise, die wir derzeit erleben, den Betrieb in Bruck unhaltbar“, teilte der Vorstandsvorsitzende von Norske-Skog, Sven Ombudstvedt, in dieser Woche mit. Drastisch verschärft hat sich auch die Situation für den Aluminiumhersteller Trimet. Er hatte seine Produktion schon seit Herbst um 30 Prozent gedrosselt. Jetzt aber wird Trimet das Hauptwerk in Essen mit 780 Mitarbeitern und einer Jahreskapazität von 165 000 Tonnen Primäralu auf nur noch 50 Prozent der Leistung herunterfahren.

Nicht nur die Metall- und Energiebranche bekommt die Kriegsfolgen immer konkreter zu spüren. Das könnten bald die Liebhaber von Oreo-Keksen merken, die der Konsumgüterkonzern Mondelez in einer Fabrik in Charkiw auch für den deutschen Markt produzierte. Der Standort in der zweitgrößten Stadt der Ukraine bleibe erst einmal geschlossen, schrieb Mondelez-Chef Dirk Van de Put in einer Nachricht an die Belegschaft – die Sicherheit für die eigenen Leute habe Priorität. Gleichzeitig bleibt Mondelez im Gegensatz zu anderen amerikanischen Herstellern in Russland aktiv, wo das Unternehmen Marktführer im Schokoladengeschäft ist. „Als Nahrungsmittelhersteller fahren wir alle unnötigen Aktivitäten in Russland zurück, helfen aber, die Lebensmittelversorgung in diesen schwierigen Zeiten aufrechtzuerhalten“, schrieb Dirk Van de Put in der Mail. Dabei gehe es um Basisangebote. Jede Art von Werbung werde gestoppt, und es werde auch nichts mehr investiert.

Der Krieg um die auch als Kornkammer Europas bezeichnete Ukraine drosselt nicht nur die Keksproduktion. Auch andere Lebensmittel sind betroffen. Denn die Ukraine und Russland stehen für einen erheblichen Teil der Getreideproduktion, zudem decken sie 80 Prozent des internationalen Bedarfs an Sonnenblumenöl. Doch wegen des Kriegs und der Sanktionen stehen diese wichtigen Lieferungen auf dem Spiel. Auch das werden Verbraucher beim Einkaufen bald zu spüren bekommen: „Sonnenblumenöl ist auf den Weltmärkten derzeit nicht erhältlich“, sagte eine Sprecherin des Nahrungsmittelherstellers Peter Kölln der F.A.Z. Kölln braucht das Öl selbst zum Beispiel für die Herstellung von Müsli-Produkten, verkauft es aber auch unter der Marke Livio. Noch kann Kölln liefern, so die Sprecherin. Auch Gebäck wird wegen des Kriegs in deutschen Supermarktregalen fehlen.

In der Autoindustrie stehen wegen der Kriegsfolgen schon in etlichen Fabriken die Bänder still, Tausende Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Nachdem zunächst die Versorgung mit Halbleitern zu einem Engpass für die Branche wurde, sind es jetzt Kabel und Kabelbäume, die Zulieferer wie Leoni, Aptiv oder Kromberg & Schubert vor dem Krieg in der Ukraine hergestellt haben. Diese hoch spezifischen Bordnetze sind nicht zu ersetzen, es drohen wochenlange Ausfälle. Wegen fehlender Bordnetze stehen bei Volkswagen, Audi und Porsche, aber auch bei BMW in mehreren europäischen Produktionsstätten die Bänder still. Und auch wenn in der kommenden Woche einige Werke wieder produzieren sollen, bleibt die Lage kritisch. Um die fehlenden Kapazitäten aus der Ukraine an anderen Standorten aufzubauen, seien mindestens drei, eher sechs Monate nötig, heißt es in der Branche.

Quelle: F.A.Z., 12.03.2022, Unternehmen (Wirtschaft), Seite 24 – Ausgabe D2, D3N, R0, R1

 

Melanie Burkard-Pispers

Head of Marketing & Communication

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