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3/2017 – Technik + Einkauf: Asiens Beschaffungsmärkte sortieren sich neu

China entwickelt sich vom Billiglohnstandort zum Anbieter hochwertiger Vorprodukte. Damit steigen auch die Preise auf dem Beschaffungsmarkt im Reich der Mitte. Einkäufer, die beim Sourcing in Asien nach wie vor Kostenvorteile realisieren wollen, müssen deshalb neben chinesischen Lieferanten Bezugsquellen in anderen asiatischen Staaten suchen.

von Gerd Meyring

Vor 20 Jahren montierten Arbeiter in den wellblechgedeckten Fabriken im Perlflussdelta Radios und nähten Teddybären für Kinder in Europa und den USA. Seitdem hat sich die Volksrepublik nirgendwo weiter von der verlängerten Werkbank weg entwickelt als in der Region zwischen Hongkong und Guangzhou. Heute produzieren chinesische Konzerne wie der größte Hersteller von Elektroautos und Lithium-Ionen-Batterien, BYD, oder der Weltmarktführer für zivile Drohnen, DJI, dort Hochtechnologie.

Einkäufer zwingt dies zum Umdenken. Denn ihren Einsatz beim Aufstieg der Volksrepublik zum Beschaffungsmarkt für hochwertigere Produkte lassen sich chinesische Arbeitnehmer gut bezahlen. Nach Angaben von Germany Trade and Invest (GTAI) legen die Löhne chinesischer Arbeiter jedes Jahr um rund 15 % zu. Ihre Produktivität hält damit nicht mit. In einer Studie der Unternehmensberatung Bearing Point beklagten 2016 vier von zehn Befragten, dass chinesische Arbeiter für ihren durchschnittlichen Monatslohn von gut 700 US-Dollar nicht gut genug motiviert und qualifiziert seien.

Dies verteuert den Einkauf ebenso wie der Ausfall von Lieferanten im Zuge von Streiks. Deren Zahl ist in China von 200 Ausständen 2010 auf heute über 2 700 gestiegen, so das China Labour Bulletin, eine Hilfsorganisation mehrerer Gewerkschaftsverbände mit Sitz in Hongkong. Wer sich gegen dieses Risiko absichern will, muss Material vorhalten oder Zweitlieferanten aufbauen.

Trotzdem sei es für sie unvorstellbar, nicht in China zu sourcen, gaben drei von vier Einkäufern in einer Studie der Münchner Unternehmens und IT-Beratung msg an. Lisa Flatten, stellvertretende Leiterin des Bereichs Asien/Pazifik bei der GTAI, wundert dies nicht. „China verfügt über sehr breit diversifizierte Wertschöpfungsketten. Da finden Einkäufer für fast alles einen Anbieter“, erklärt sie. „Gleichzeitig lassen sich viele Produkte in China noch immer günstiger beschaffen als in anderen Ländern“, ergänzt Minrui Ji. Sie leitet die Niederlassung der Einkaufsberatung Inverto in Shanghai. So sei China bei Druckguss- und Schmiedeteilen, die präzise entgratet und poliert werden müssen, nach wie vor ein attraktiver Beschaffungsmarkt. Das gleiche gelte im Bereich des Werkzeugbaus oder bei bestückten Leiterplatten.

Qualifizierte Lieferanten in Asien

Gunther Kegel, Vorsitzender der Geschäftsführung des Herstellers elektronischer Bausteine und Sensoren für die Fabrik- und Prozessautomation Pepperl+Fuchs in Mannheim, findet in China auch für die Verarbeitung von Edelstahl Zulieferer, die wettbewerbsfähiger sind als Anbieter in Osteuropa. „Wir beschaffen in der Volksrepublik jedes Jahr Zehntausende Edelstahlgehäuse für unsere Explosionsschutzelektronik. Dabei sparen wir gegenüber den günstigsten Bezugsquellen in Europa 20 bis 30 Prozent.“ In Indien gäbe es das Produkt zwar noch billiger, doch habe Pepperl+Fuchs dort bislang keinen Partner gefunden, der verlässlich die gleiche Qualität liefert wie chinesische Firmen. Für Kegel, der 2016 mit 5 600 Mitarbeitern 555 Mio Euro umsetzte, steht daher fest: „Wenn ich den Einstandspreis in China mit der gelieferten Qualität vergleiche, schneidet das Land in einer Total- Cost-of-Ownership-Analyse noch immer sehr gut ab.“ Dennoch sourct Pepperl+Fuchs in Asien nicht nur in China. Aus Taiwan etwa beziehen die Mannheimer auch Druckgussformen, aus Malaysia Elektronikkomponenten, aus Japan Halbleitertechnik und von den Philippinen mechanische C-Teile wie gedrehte und vernickelte Edelstahlhülsen. „Den Einkauf in der Region steuern wir von Singapur aus“, erklärt Kegel. „In dem Logistikzentrum, das wir dort 2015 gebaut haben, sammeln wir die Rohwaren und verteilen sie dann an alle unsere Werke.“

Unternehmen schauen sich vermehrt in Südostasien um

Zahlen der AHK China zeigen, dass Kegel mit dieser Strategie nicht allein ist: Jedes dritte Mitgliedsunternehmen gab in der Jahresumfrage 2016 an, neben China auch in Vietnam, Thailand, den Philippinen oder Malaysia einzukaufen. Dort sourcen sie nicht nur für ihre chinesische Produktion: Denn seit 2008 wuchsen die deutschen Einfuhren aus der Region der GTAI zufolge doppelt so schnell wie die Importe in die Bundesrepublik insgesamt. Insgesamt beschaffen deutsche Unternehmen heute Waren für 187,6 Mrd Euro in Südostasien. Besonders stark legten dabei 2016 Lieferungen aus Vietnam und Malaysia mit einem Plus von acht Prozent zu.

Ein Vergleich der Lohnkosten in diesen Ländern mit jenen in China erklärt, weshalb immer mehr Einkäufer neben chinesischen Lieferanten weitere Bezugsquellen in anderen Staaten Asiens erschließen. Verdient doch ein Industriearbeiter in China mit durchschnittlich gut 700 US-Dollar mehr als doppelt so viel wie seine Kollegen in Vietnam oder Thailand.

Wer beim Sourcing neben China auf weitere Märkte in Asien setzt, gewinnt aber mehr als nur Kostenvorteile. Indem sie ihr Beschaffungsrisiko streuen, machen Einkäufer ihre Lieferketten auch weniger anfällig für Risiken wie Streiks oder bürokratische Schikanen chinesischer Provinzregierungen.

Allerdings müssen Sourcing-Verantwortliche aus der Industrie in Südostasien lange nach passenden Lieferanten suchen. „Da es in vielen Ländern der Region nur wenige Industriebranchen gibt, finden Einkäufer dort, anders als in China, oft nur ein auf die entsprechenden Branchen beschränktes Angebot an Vorprodukten“, erklärt Inverto-Expertin Ji. Doch wer für eine kleine Zahl an Teilen einen neuen Beschaffungsmarkt erschließe, Lieferanten entwickle und die Logistik aufbaue, müsse genau nachrechnen, ob sich dies lohnt. Zumal die aufwendige Zollabwicklung sowie die überlastete Verkehrsinfrastruktur in den meisten südostasiatischen Staaten zu längeren Lieferzeiten führe, was wiederum eine teure Bevorratung erforderlich mache. Eine gewisse Erleichterung könnte das Freihandelsabkommen der EU mit Vietnam bringen, das nach der Ratifizierung durch die EU-Mitglieder wohl 2018 in Kraft tritt.

erschienen in der Technik + Einkauf, Ausgabe 3/2017, Seite 32-33
http://www.technik-einkauf.de/

 

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