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5/2017 KTM Titelstory: Qualität hat ihren Preis – oder?

Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen im Gesundheitssektor stehen seit Jahren unter hohem Kostendruck. Das Anfang 2016 in Kraft getretene Krankenhausstrukturgesetz setzt hier an und soll unter anderem eine Sachkosten Übervergütung in den Fallpauschalen vermeiden. Eine effektive Möglichkeit, dem Kostendruck zu begegnen, ist die Suche nach günstigen Lieferanten, mitunter auch im Ausland. Viele Kliniken schöpfen das vorhandene Einsparpotenzial bislang jedoch nicht aus. Eine Studie von Inverto zeigt die Gründe dafür und erläutert den Handlungsbedarf für den strategischen Einkauf.

Die finanzielle Situation deutscher Kliniken und Krankenhauseinrichtungen ist nach wie vor angespannt. Zwar ist die Insolvenzgefahr laut einer Studie des Forschungsinstituts RWI seit 2014 nicht gestiegen, dafür sind die Sachkosten weiterhin enorm hoch. Das Anfang 2016 in Kraft getretene Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) setzt genau hier an. Es fordert nicht nur eine Leistungskonzentration und Qualitätssteigerung, sondern senkt auch die Sachkostenvergütung. Dies soll unter anderem dafür sorgen, dass vermeintliche Fehler in der Übervergütung der Sachkosten in den Fallpauschalen vermieden werden.

Das politische Signal ist eindeutig: Die Sachkosten stehen im Fokus – zunächst indirekt aufgrund einer Umverteilung in Personal und Infrastruktur, in absehbarer Zeit aber direkt, denn die Sachkostenanteile einzelner diagnosebezogener Fallgruppen (DRGs) wurden bereits um bis zu 20 Prozent gekürzt. Hinzu kommt, dass die Sachkosten in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich fünf bis sechs Prozent gestiegen sind, während die Preise für stationäre Leistungen (Landesbasisfallwert) lediglich um rund zwei Prozent erhöht wurden. Dies verstärkt den Handlungsdruck für den Krankenhauseinkauf.

„Die Absenkung der DRG-Sachkostenanteile durch das Krankenhausstrukturgesetz führt dazu, dass die Einkaufsoptimierung auf der Management-Agenda wieder nach oben gerutscht ist“, bestätigt Dr. Zun-Gon Kim, Partner der Boston Consulting Group und Experte für den Krankenhaussektor. Durch die Optimierung der Sachkosten kann die finanzielle Situation von Kliniken erheblich verbessert werden. Ein Weg ist die Suche nach günstigeren Lieferanten, mitunter auch im Ausland.

Sparmaßnahme Global Sourcing

Ein Seitenblick in andere Branchen, etwa den Handel oder die Industrie, zeigt: Global Sourcing, also die regelmäßige Suche nach geeigneten Lieferanten auf internationaler Ebene, ist an der Tagesordnung. Dagegen kaufen die meisten Krankenhäuser immer bei denselben großen Markenherstellern in Deutschland ein. Die aktuelle Studie ,Global Sourcing im Gesundheitssektor‘ von Inverto zeigt, dass die Teilnehmer im Schnitt gerade mal fünf bis 15 Prozent des Gesamteinkaufsvolumens international einkaufen.

In welchen Ländern die Waren der großen Hersteller produziert werden, ist für die Kliniken meist unerheblich, solange ihre Einkaufsprozesse nach Plan ablaufen und die Qualität gemäß den in Deutschland gängigen Standards garantiert wird. Doch ein genauer Blick auf Produktionsort und Herkunftsland der Waren ist empfehlenswert, denn auch Markenhersteller beziehen viele Produkte aus dem Ausland. Zum Beispiel stammen nur sehr wenige Artikel der Warengruppe ,Nadeln, Kanülen und Katheter‘, die in deutschen Gesundheitseinrichtungen verwendet werden, tatsächlich aus deutscher Produktion.

Günstiger Einkaufen im Ausland – die Vorteile sind bekannt

Das drängt die Frage auf: Was spricht eigentlich dagegen, dass Kliniken ihren sekundären Bedarf preiswerter mithilfe ausländischer Produzenten decken und so Kosten sparen? Ein strategischer Global-Sourcing-Ansatz bietet die Chance, die gleichen Produkte wie vom Markenhersteller im Ausland zu beziehen – allerdings zu deutlich günstigeren Preisen. Die Hälfte der Studienteilnehmer – Einkäufer und Geschäftsführer aus 31 Einrichtungen der DACH-Region – vermutet ein Einsparpotenzial von weit über zehn Prozent durch Global Sourcing, die Kostenersparnisse stehen für 88 Prozent bei dieser Strategie im Fokus.

Außerdem können Produkte und Technologien beschafft werden, die am heimischen Markt noch nicht verfügbar sind. So bieten vor allem chinesische Hersteller zunehmend innovative und technologisch fortgeschrittene Produkte und Geräte an, für die medizinische Anwender durchaus offen sind. Ein weiterer positiver Effekt der internationalen Beschaffung: Wenn vermehrt von ausländischen Herstellern bezogen wird, müssen sich die etablierten Lieferanten einer neuen Wettbewerbssituation stellen – und ihre Preispolitik womöglich anpassen.

Herausforderungen schrecken Krankenhäuser ab

Dem gegenüber stehen allerdings negative Erfahrungen und Vorbehalte, die dafür sorgen, dass Krankenhäuser vor Global Sourcing zurückschrecken. Neben logistischen und rechtlichen Herausforderungen, die 72 bzw. 68 Prozent der Teilnehmer Sorgen bereiten, spielt vor allem das Thema Qualitätssicherung eine große Rolle. 68 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass bei der Umstellung des Einkaufs auf Niedriglohnländer mit einer schlechteren Qualität der Produkte zu rechnen ist. Vor allem Ärzte haben oftmals Bedenken, dass finanzielle Einsparungen mit qualitativen Einbußen einhergehen – sei es, dass beispielsweise Handschuhe reißen oder das Desinfektionsmittel die Haut bei Direktkontakt übermäßig reizt.

Bei Mängeln müsste das Krankenhaus beim Direktimport selbst haften und könnte dadurch leicht in Verruf geraten. Wird stattdessen bei Markenherstellern bestellt, übernehmen diese die Gewährleistung für fehlerhafte Produkte. Darüber hinaus bieten sie üblicherweise Kundensupport vor Ort an. Diese Faktoren führen dazu, dass der Krankenhauseinkauf in der Praxis auf deutsche Lieferanten fixiert ist. Selbst internationale Konzerne, die in diesem Segment als Hersteller agieren, tun dies in der Regel über deutsche Niederlassungen.

Um Vorbehalten gegenüber der Qualität zu begegnen, bieten sich Praxistests an. „Unvoreingenommene und ergebnisoffene Produkttests können die klinischen Anwender oftmals von der Qualität vermeintlicher Billiglohnprodukte überzeugen“, bestätigt auch Dr. Zun-Gon Kim. Weitere Gründe, die dem Global Sourcing vermeintlich im Wege stehen, sind mangelnde interne Ressourcen (44 Prozent) und fehlendes Know-how (36 Prozent). Auf den Krankenhauseinkauf kämen natürlich neue Aufgaben, Prozessumstellungen und eine höhere Verantwortung zu, insofern überrascht es kaum, dass ein Lieferantenwechsel nicht ohne weiteres zu realisieren ist. Wer sich für die Beschaffung im Ausland entscheidet, muss zunächst passende Lieferanten suchen und Kontakt aufnehmen. 52 Prozent der befragten Studienteilnehmer empfinden schon die sprachliche Barriere als erste Herausforderung.

Einkaufsgemeinschaften könnten Vorreiter sein

Einkaufsgemeinschaften, die de facto große Teile des strategischen Krankenhauseinkaufs übernehmen, könnten viele der zuvor genannten Hürden wesentlich leichter nehmen. Durch die gebündelten Bedarfsmengen haben sie die besten Voraussetzungen, um bei ausländischen Lieferanten optimale Konditionen zu erzielen. Die Praxis zeigt aber, dass auch hier die genannten Vorbehalte gegenüber Global Sourcing bestehen und das Thema in der Regel überhaupt nicht oder nur sehr zaghaft abgedeckt wird.

Fazit: Global Sourcing ist ein wichtiger Hebel für den strategischen Einkauf, der in Handel und Industrie an der Tagesordnung ist. Um Global Sourcing erfolgreich zu nutzen, muss der Einkauf über das notwendige Know-how zur Spezifikation verfügen, Beschaffungsmärkte ständig beobachten und Lieferketten aktiv managen. Dies ist nur mit einem systematischen Lieferantenmanagement und einer Bewertung der Lieferanten möglich.

Dass laut Studie viele Kliniken diesen Hebel nicht nutzen, zeigt gleichzeitig den Nachholbedarf im Krankenhauseinkauf. Um wettbewerbsfähig zu bleiben und dem Kostendruck zu begegnen, ist es unabdingbar, dass sich der Krankenhauseinkauf selbst mit der Situation auseinandersetzt und Maßnahmen definiert. Auch wenn die Vorbehalte groß sind und die Hürden nur schwer überwindbar erscheinen, lassen sich die notwendigen Strukturen durchaus auf bauen, um dem Thema mit der benötigten strategischen Professionalität zu begegnen.

Jan-Christoph Kischkewitz

Erschienen in der KTM – Krankenhaus Technik + Management Ausgabe 5/2017
http://www.ktm-journal.de/

 

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